Bennos Hütte - die Kolumne
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Galerienspaziergang in Mitte

Samstag, 18 Uhr, vor wenigen Stunden schien noch die Sonne. Jetzt laufe ich mit dem Vorhaben meine Bildung auf dem Gebiet der schönen Künste etwas zu erweitern durch die Sophienstrasse in Berlin-Mitte.

1. Sophienstrasse 21, Galerie Contemporary Fine Arts.

In der Zitty hatte ich gelesen, dass hier heute Vernissage ist. Fotografien, ganz neu. In der Galerie viele Leute, die Rotwein trinken und rauchen. Leute, die meinen wichtig zu sein, gekleidet in Mitte-Optik: die Herren mit Anzug und Mantel, die Damen mit Kostüm und Mantel. Einige, wohl fehlsichtige, tragen kleine rechteckige Brillen mit dunklen, breiten Rändern aus Kunststoff, wahrscheinlich in einem der neuen Optiker an der Oranienburger Strasse gekauft. Die Ausstellung selbst: langweilig, nette Fotografien, aber nichts was mich bewegt oder gar in Entzückungen versetzt.

2. Joachimstrasse...

... gleich zwei Galerien nebeneinander. Die Bilder und Skulpturen sind nichtssagend, mit einer Ausnahme. Ein an die Wand gemalter Plattebau im Originalzustand. Sehr schön ... zeitlos elegant in schwarz-weiß gehalten, minimalistisch denke ich mir. Leider wird’s den in diesem Zustand in wenigen Jahren nicht mehr geben. Die Denkmalschutzbehörde Berlin sollte sich was einfallen lassen und zumindest einen dieser anmutigen und zugleich äußerst preiswerten Baukörper für die Nachwelt zu konservieren, oder sollen unsere Kinder diese Ära nur von Zelluloid kennenlernen. Drei Leute telefonieren gleichzeitig, gekleidet im Business Style der neuen Mitte, den PDA in der einen Hand, in der anderen das Mobiltelefon, sprechen recht laut, so dass die Umstehenden mithören können. Irgendwas von mCommerce und den Börsengang des eigenen StartUps. Ich fühle mich deplaziert, habe kein StartUp und kann deshalb nicht auch mein Handy rausholen und telefonieren.

3. Gipsstraße

Zum Glück sind es nur wenige Schritte in die Gipsstrasse. Auch hier befindet sich eine Galerie an der Anderen. Ich schaue nur noch von außen durch die großen Fenster in die hohen, weiß gestrichenen Räume. Auch hier die gleichen Leute und die gleichen schlimmen Bilder. Ist Berlin so unproduktiv, oder habe ich einfach nur keine Ahnung.

4. Augustrasse, die Rettung?

Ein großes, hell erleuchtetes Ladenlokal in dem junge Menschen stehen und rauchen. Becks wird getrunken und wichtig geschaut. Noch stehe ich draußen, betrachte zunächst misstrauisch die hellen Wände an denen sich farbige Streifen von der Decke zum Fußboden ziehen. Ich gehen hinein ... der Raum ist erfüllt von 80er Jahre Elektro und einer Installation, so stets zumindest auf dem Infoblatt, dass auf der Heizung liegt. Ich schau mir die Sache von nahem an. Zeitungen, übereinandergestapelt bis unter die Decke, vermutlich die De:Bug #43. Ich kaufe ein Becks, versuche unter Alkohol die Installation geistig zu durchdringen, es gelingt mir nicht. Hat vielleicht was mit Recycling der neuen Medien zu tun. Wenigstens hab ich die Ausgabe gelesen ... kann zu Hause noch mal nachschauen ob hier inhaltliche Bezüge vorliegen. Den Rest der August- und Linienstrasse schenke ich mir lieber, habe keine Lust mehr auf die Berlin-Mitte-Kunst. Außerdem meldet sich mein Magen.

Ich ziehe vorbei an zahllosen Spezialitätenläden mit Waren aus dem Mittelmeerraum ... Käse, Oliven, Wein, Prosecco alles was das Künstlerherz und den Kunstkenner glücklich macht, aber nichts wovon man satt wird. Drinnen sitzen die gleichen Leute, die vorhin in den Galerien gestanden haben und sehen wichtig aus, trinken Rotwein und essen mediterrane Spezialitäten. Ich ärgere mich ein wenig, dass ich meinen Fotoapparat nicht mitgenommen habe. Das Geschehen in dem Laden wirkt wie eine Performance, zu der es sich lohnen würde eine Fotoausstellung mit dem Titel "Berlin-Mitte Weintrinker" zu machen.

Ich gehe zum Italiener in der Oranienburger Strasse Nr. 4. Esse eine Minipizza Spinaci ... auch mediterran, dafür ohne Wein, macht aber satt. Hinter dem Tresen stehen drei Italiener, keine Türken wie sonst in den italienischen Schnellimbissen. Davor drei Punks, ein Clubber, der wohl noch auf e hängt, und ein Pärchen, dass sich wohl gerade gestritten hat. Vor dem Fenster zieht der Mitte Mensch vorbei, schaut nach neuen Brillen, natürlich eckig mit breitem, dunklen Kunststoffrand, geht danach ins Cibo Matto einen Cocktail trinken und versuchen einen Blick auf den kürzlich ernannten Spiegel Korrespondenten Jürgen Laarmann zu erhaschen, oder ins Schwarzenraben, das wohl am meisten überschätzte Restaurant in dem auch Ben Becker speisen soll. Ich treten wieder auf die Oranienburger Strasse, kalt ist es; gehe zum S-Bahnhof Hackescher Markt. Menschenmassen strömen mir entgegen, alle auf dem Weg in die neue Mitte. Ich ziehe es vor zurück in meinen Kiez zu fahren, dort wo Kunst vielleicht trivial ist, aber auch dort, wo Platz ist für die Underdogs, den Dreher von der Werkbank ist und dort wo die Gentrifizierung als nächstes zuschlagen wird, nach Friedrichshain – Kreuzberg.


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