| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 1, Oktober 1999 - zurück zur Startseite |
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Mein Jahrhundert |
(MaT) |
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Günter Grass © Copyright Steidl Verlag, Göttingen1999, www.steidl.de |
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20 Jahre älter noch als der Autor habe ich also
dessen neuestes Buch gelesen; ich staunte: was die Menschen, was mich damals bewegte, das
habe ich häufiger darin gefunden, als ich es zunächst für möglich hielt - oft konnte
ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, nicht selten kam mir der Gedanke: Gott sei Dank -
diese Zeiten sind vorbei! |
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Für den Ersten war ich noch zu jung. Dafür las ich später die Bücher der beiden Herren, die in "Mein Jahrhundert" Jahrzehnte später den Krieg noch einmal ausfechten: gleich 1920 die "Stahlgewitter" - das Richtige für junge Burschen wie mich -, und später den Welterfolg "Im Westen nichts Neues" - das war aber schon nach dem Zweiten. Von den schweren Jahren nach 1918 habe ich nicht viel mitgekommen. Ich habe dann auch bald mein Studium aufgenommen: Greifswald und Münster. Die Metropole Berlin war weit weg, doch ich fast immer auf dem Laufenden: die neuesten Geschichten aus der gespitzten Feder Peter Panters, die endlos langen Beine der Tiller-Girls, die legendären Boxkämpfe diesseits und jenseits des großen Teiches. Die Geschichte des Jahres 1925 hätte die meine sein können: auch ich war begeisterter Rundfunkhörer und hatte mir gleich zu Beginn einen eigenen Apparat selbst zusammengebaut - bei der heutigen Technik wäre das unvorstellbar. Fortan nahm ich am Geschehen - im Reich und über dessen Grenzen hinaus - regen Anteil. 1927 wurde Günter Grass, der Autor dieses Buches, in Danzig geboren; fast eine Generation trennt uns also. Dass meine Sicht auf dieses Jahrhundert deutscher Geschichte bisweilen von der des Autors abweicht, liegt daran nicht. Auch wenn Grass auf den knapp 400 Seiten viele Stimmen zu Wort kommen lässt; es bleibt eben doch "sein Jahrhundert". Mein Enkelkind soll sich daran nicht stören: wer Geschichte schreibt, verpflichtet sich zu einem Höchstmaß an Objektivität. Der Geschichtenschreiber dagegen kann sich nicht hinter Daten und Fakten verstecken. Doch zurück in die 30er Jahre: Wie Millionen anderen bescherten sie mir eine glückliche Zeit. Mitten in den Alpen begegnete ich meiner späteren Frau und als Marinepfarrer lernte ich Meere, Ozeane und ferne Länder kennen. Von Konzentrationslagern, Reichskristallnacht, Liquidierungen und Kriegstreiberei ahnte ich nichts. Nach dem Krieg war unsere junge Familie nur froh, diese dunkle Zeit heil überstanden zu haben - um den todbringenden Einsatz an der Front war ich herumgekommen. Meine Erinnerung? Die kennt nur Schmach und Schande. Schmach und Schande empfinde ich auch beim Lesen der Kapitel, die von den knapp sechs Jahren Siegestaumel, Überheblichkeit, Terror, Furcht und Untergang berichten. Ehemalige Frontberichterstatter kramen lange Zeit danach - ich glaube 1962 - auf einem gemeinsamen "Veteranentreffen" ihre Erlebnisse hervor, schwärmen von Wunderwaffen, sinnieren über verpasste Gelegenheiten nach oder prahlen mit ihrer Nachkriegskarriere. Einer bringt den Mut auf, das wahre Gesicht des Krieges zur Sprache zu bringen und die Tragödie an der Heimatfront zu benennen. Grass prangert nicht an. Die Geschichte spricht für sich. Meine Familie bleibt in der Ostzone. Grass verschlägt es in den Westen. Auch wer das nicht weiß, kann es aus dem Buch herauslesen. Die Geschichte der Bundesrepublik bot vielleicht auch mehr Erzählstoff: Wirtschaftswunder, 68er Bewegung, RAF und Anti-Atomkraft. Wie am 17. Juni auch wagt der Autor den Schritt über die Grenze nicht, schaut nur hinüber. Erst später wird sich das ändern: die eine Sprache verbindet über die Mauer hinweg. Wie absurd die sozialistische Idee von den zwei deutschen Staaten war, das lese ich aus vielen der Geschichten zwischen 1949 und 1989 heraus: Eine Frau bittet um die Lieferung eines VW-Käfer in die DDR, Brecht und Benn begegnen sich in West-Berlin, die Kessler-Zwillinge aus dem Sächsischen feiern Welterfolge und als Höhepunkt das Endspiel der 74er Fußball-WM, das den gefassten Agenten Guillaume aus dem Gleichgewicht bringt. Viele dieser Geschichten kann nur das Leben selbst schreiben: ist es denn möglich? Es ist! 1959, lese ich, erschien "Die Blechtrommel". Der Durchbruch für Grass. Unsere vier Kinder, meine Frau und ich hatten die Nachkriegszeit gut überstanden; ich war jetzt Dorfpfarrer - erst im Norden, dann im Süden, ab 1961 bei Berlin. Die deutsche Nachkriegsliteratur ging an mir vorüber - auch Grass, von dem ich bis vor einen Monat noch nichts gelesen hatte. Nicht nur die vier Kinder wollten versorgt sein, schlimmer noch: der Staat blies zum Großangriff auf die Kirche. Viele Wölfe machten damals das Leben der Hirten schwer - oft erfolgreich: die Herden schmolzen auf wenige Schafe zusammen. Doch auch daran hatten wir uns gewöhnt. "Klappe zu, Affe tot" hieß es 1961. Die folgenden Kapitel las ich mit besonderer Aufmerksamkeit; aus dem Westen erfuhren wir von jetzt an nur wenig. Worum es dann später in den Studentenprotesten ging, war mir auch damals schon nicht klar - vielleicht ist man mit 60 Jahren dafür schon zu alt. Dass Grass regen Anteil an der Sache genommen hat, kann ich mir vorstellen. Leicht hatte er es nicht als SPDler. Immerhin: Brandt, Schmidt und deren Epigonen ist er ja noch lange treu geblieben. 1975 kam Grass doch über die Grenze. Konspirative Treffen mit Schriftstellern aus unserer DDR gab es da. Es war die Zeit von Biermanns Ausbürgerung. Anfangs dachte ich, es regt sich etwas im Land. Doch die Führungsriege hatte den aufflammenden Protest schnell unter ihre Kontrolle gebracht. Im Untergrund brodelte es weiter; das bekam ich schon damals mit. Anfang der 80er Jahre traten oppositionelle Bewegungen immer mehr an die Öffentlichkeit. Das war kein Wunder: weder für uns kleine Leute änderte sich - entgegen der täglich den baldigen Sieg des Sozialismus verkündigenden Propaganda - etwas im Lande, noch bewegten sich die beiden Weltmächte aufeinander zu. Von alledem aber wissen meine Kinder viel mehr als ich; die soll mein Enkelkind über diese spannende Zeit ausfragen, nicht mich. Ja, und dann kam die Wende - aber darüber brauche ich meinem Enkelsohn nichts zu erzählen. Er selbst kann beurteilen, ob Grass diesen "Wahnsinn" so zu Papier gebracht hat, wie wir DDRler ihn empfanden. Und die 90er Jahre? Soll ich meinem Enkel erklären, wie es zum Ende der Ära Kohl kam? Wenn Grass mit einer Geschichte über die Love-Parade der heutigen Jugend den Spiegel vorhält, soll ich etwa sagen, ob er die Sache richtig getroffen hat? Nein - da lässt er sich nichts vormachen, ganz zu schweigen von dem Computer-Kram über das Internet bis hin zu den neuesten elektronischen Spielzeugen, deren Bezeichnungen mir häufig rätselhafte Buchstabenkombinationen sind - Grass verschweigt das alles, ich tue es ihm mit ruhigem Gewissen gleich. Als beinahe 93jähriger nehme ich diesen Ansturm von Informationen und Neuheiten gleichmütig auf: man ist ja schon froh, dass man eben noch lebt... Das neue Buch von Günter Grass sollte ich also für meinen Enkelsohn lesen. So viele eigene Erinnerungen an die vergangenen Jahrzehnte wurden da in mir wach, dass ich selbst ins Reden gekommen bin. "Mein Jahrhundert" kann also ein Anfang sein: Frage deine Verwandten nach ihren Erlebnissen, blicke in die eigene Vergangenheit zurück, schlage die Geschichtsbücher auf und lies - das alles will ich meinem Enkelkind raten.
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| Autor: mat, mat@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 1999, Bennos Hütte |