| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 1, Oktober 1999 - zurück zur Startseite |
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Ostsee-Odyssee | (daslars) |
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Das alles war Andreas Idee. Nachdem er die Strecke Köpenick-Erkner (ca. 15km) mehrfach erfolgreich zurückgelegt hatte und dabei immer neue Bestzeiten aufstellte, suchte er nach neuen Herausforderungen. Und da auch ich das Radfahren (schließlich bin ich über ein Jahr täglich bei jedem Wetter mit meiner Mühle aus den 70igern die zwei Kilometer zum Zivildienst hin und zurück gefahren), die Ostsee und verrückte Ideen liebe, habe ich natürlich sofort zugestimmt, mit dem Fahrrad zur Ostsee zu fahren. |
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Die erste Schwierigkeit war bereits, die bepackten Fahrräder die S-Bahntreppen hoch und runter zu schleppen, aber da wir die Fahrräder nicht bis zur Ostsee tragen wollten, machten wir uns keine Gedanken. Unsere Rechnung war einfach: einen 20iger Schnitt konnten wir in der Stadt beide fahren - also 100 Kilometer = fünf Stunden - das konnte man an einem Tag locker fahren. Unser erstes Ziel Feldberg waren nur ca. 80 km entfernt, also gar kein Problem, das konnte man sehr entspannt angehen. In Bernau verließen wir die S-Bahn. Und dann ab auf den Sattel und in die Pedale getreten. Ein schöner Radweg führte nach Wandlitz, das Fahren machte Spaß, von Anstrengung keine Spur, die Landstraße und die Welt gehörte uns. Auch das nächsten Etappenziel war problemlos zu erreichen - zwar kamen wir ins Schwitzen, aber das ist erstens normal und zweitens männlich. Auf den nächsten Kilometern nach Zehdenik wurde uns dann so langsam bewußt, daß wir beide eigentlich lange nicht mehr so richtig viel Rad gefahren sind, und - was uns leicht irritierte - wir hatten noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft. Der Po tat langsam weh und die Oberschenkel meldeten sich. Aber Andreas hatte Gottseidank genügend theoretische Kenntnisse beim Sehen der Tour de France gewonnen. So kannten wir die wichtigste Regel: Vorsorgend Essen und Trinken, und da wir uns daran immer gehalten hatten, konnte uns praktisch nichts passieren. Der Weg nach Templin brachte uns dann schon fast an
den Rand der Erschöpfung. Da bot das tobende Stadtfest in Templin eine willkommene
Erholungspause. Fetttriefendes Fleisch aus der Pfanne sollte uns unsere Kräfte
zurückgeben und nebenher konnten wir noch der grandiosen Tombola lauschen, die
lautverstärkt durch ein noch ein unentdecktes weibliches Entertainmenttalent in den
40igern durchgeführt wurde: |
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"Einen Topflappen mit einem Märkischen Eintopfrezept gesponsort von meiner Kollegin Frau Meier gewinnt..." "Einen Gutschein zur Besichtigung der Mühle für 2 Personen gewinnt das grüne Los Nr. ... . Der Ort ist egal" Das gab uns die Kraft, die letzten knapp 30
Kilometer anzutreten. Eigentlich fühlten wir uns gut erholt und rudimentäre
geographische Kenntnisse versprachen, daß es zur Ostsee hin immer flacher wird. Aber
zwischen uns und die Ostsee hat die Eiszeit den nördlichen Landrücken gesetzt. Auf
endlos langen Feldwegen, deren Sand mindestens knietief gewesen sein muß, kämpften wir
um jeden Kilometer. Jeder Funke Kraft war verbraucht, als wir endlich auf dem Zeltplatz in
Thomsdorf angekommen waren. 75 km in acht Stunden, soviel zu unserer anfänglichen
Rechnung. |
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Im leichten Nieselregen bauten wir das Zelt auf, und die einzige Position, die Entspannung versprach, war Liegen. Also schnell geduscht (göttlich) und das Standard-Campingessen Spaghetti mit Tütensoße schnell und lustlos verdrückt. Eigentlich wären wir dann schon auf unseren Matten eingeschlafen, wäre nicht folgendes Aufregendes passiert: Ein Rettungshubschrauber landete auf dem Zeltplatz. Massen von jogginganzugbekleideten Menschen sprangen aus den Zelten und strömten an uns vorbei. Anaphylaktischer Schock hieß es und die Leute konnten sich von ihrem Dauercampingfernsehgerät losreißen, denn das war ja wie Notruf live sozusagen. Und Papi mußte schnell noch mal zurückrennen, da er die Videokamera im Zelt vergessen hatte. Naja, wir verkrochen uns ins Zelt, völlig desillusioniert planten wir den nächsten Tag, an dem wir eigentlich nach Anklam kommen wollten - noch mal 80 Kilometer. Im Prinzip hatten wir jede Kraft und das Vertrauen in uns verloren, aber aufgeben wollten wir auch nicht.
So viel zu deutschen Zeltplätzen mit ihren festen Regeln. Hätte ich die Jogging-Uníform angehabt, hätte er wahrscheinlich noch mal mit sich reden lassen. Aber so war nichts zu machen, und da er mit dem Stock die eindeutig schlagkräftigeren Argumente hatte und ich aus persönlicher Erfahrung wußte, daß solche Typen auch davon Gebrauch machen, wartete ich lieber. Andreas kam auch wirklich wieder heraus, der alte Mann hatte also recht gehabt, und seine Campingkumpels ließ er dann vor der Schlange herein. Nach dem Frühstück brachen wir auf. Der alte Mann stand jetzt an der Einlaßschranke - diese scheinen seine Lebensaufgabe zu sein. Mit sichtlicher Freude wies er die Leute zurecht, die die Elektronik falsch bedienten. Armer alter Mann. Nach den ersten Kilometern hatten wir uns wieder an die Schmerzen gewöhnt. Der nördliche Landrücken lag leider noch nicht hinter uns, und so kämpften wir mit jedem Berg. Kurz hinter Feldberg begegnete uns eine Gruppe Friedensfahrer, und jeder der dreißigköpfigen Gruppe hatte ein paar aufmunternde Worte übrig: "Bravo!" "Eu, jeu, jeu" "und mit Gepäck" "bei dem Wetter" und die nächste Schußfahrt fühlten wir uns wieder wie die Könige der Landstraße, aber schon beim nächsten Anstieg war auch das fast wieder vergessen. Der stürmische Wind und der Regen waren so kraftraubend, daß wir den am vorigen Abend schon heimlich geschmiedeten Plan umsetzten. Wir schlugen uns mit Rückenwind die 40km östlich nach Prenzlau durch und wollten von dort aus mit dem Zug nach Anklam. Auf dem Bahnhof in Prenzlau angekommen. Fuhr sofort ein Zug. Kein Grund für die Schalterbeamtin schneller zu machen. Auch als der Zug schon einfuhr - keine Tempoerhöhung - war ja nicht ihre Schuld, daß wir so knapp kamen. Ich sprintete mit dem bepackten Rad durch die Unterführung und wurde auf der anderen Seite durch die Schaffnerin schon böse empfangen. Wegen uns würde der Zug jetzt Verspätung haben. War mir egal: Die DB hat so oft Verspätung. Wenigstens einmal kannte ich jetzt den Grund.
Den nächsten Tag war besseres Wetter und Erholung angesagt. Wir fuhren kurze entspannte Etappen zwischen den Seebädern Bansin, Hehringsdorf und Ahlbeck, legten uns hin und wieder an den Strand, stolz, die Ostsee erreicht zu haben. Wir überlegten nicht wirklich, ob wir den zahlreichen Leuten auf eine Bootsfahrt folgen sollten, um dann "billiger als in Polen" einzukaufen, und nebenbei konnten wir beruhigt feststellen, daß es uns jetzt im Westen wirklich besser geht. Das sieht man an den vielen fetten Kindern, was müssen wir im Osten gehungert haben. Aber das ist ja Gottseidank vorbei.
Am nächsten Tag war unsere Zeit leider schon abgelaufen. Wir fuhren wieder zurück nach Anklam und von da mit dem Zug nach Berlin. Gerade jetzt, wo wir so schön drin waren, wo die Muskelschmerzen langsam nachließen und es immer hätte so weiter gehen können. Wir hätten jetzt die ganze Welt umrunden können - wirklich - denn unter uns Männern: keine Herausforderung ist uns zu groß und jedes bestandene Abenteuer macht uns stärker.
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| Autor: daslars, daslars@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 1999, Bennos Hütte |