| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 1, Oktober 1999 - zurück zur Startseite |
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Ein Wort zum Sonntag |
(MaT) |
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Antoine des Saint-Exupery in einem Brief (1938) |
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Es ist ein Stein ins Rollen gekommen in den letzten Wochen: Menschen in Halle, Leipzig und Berlin stürmten sonntags in die lockenden Warenhäuser der großen deutschen Handelsketten. Daheim, ungestört vor dem TV-Gerät sitzend, konnte ich das mitverfolgen: Manchen rollte der Stein noch zu langsam, manchen war er auch viel zu klein. Andere klagten über den Koloss, der seinen Schatten schon drohend über sie werfe. Viele ließen das Spektakel gleichmütig an ihrer Kleingarten-Idylle vorbeirollen: komme, was da wolle. Doch der Stein rollt und es lohnt sich genauer hinzuschauen, wer ihn mit welchen Zielen kräftig anschiebt oder ihm Hindernisse in den Weg gelegt sehen will. Man beachte: Der Weg in die vermeintliche Konsum-Freiheit führt geradewegs auf die Grundfeste unseres Landes zu - das aus der Perspektive vieler Bürger schon angestaubte Grundgesetz. Auch die als ewig am Gestern orientiert geltenden Kirchen melden sich zu Wort; froh das Ohr der Presse auch einmal für sie geöffnet vorzufinden. Beim kritischen Bürger erhebt sich der Verdacht, dass hier das alljährliche Sommerspektakel der Medien aufgeführt worden ist. Die Regierung hat inzwischen ihre Arbeit wieder aufgenommen; damit steigen die Chancen auf ein Ende des Rummels und den Beginn einer konstruktiven Diskussion der Thematik. Dass die Herren Schröder und Co. nunmehr das Land von der Metropole Berlin aus regieren, könnte sich - bei der daraus resultierenden Nähe zum sprichwörtlichen Mann von der Straße um so mehr - als hilfreich erweisen. Der Stein indessen rollt weiter. Zwar haben sich die Kleinhändler und Geschäftsführer der Kaufhäuser dem Urteil der Justiz gebeugt und damit bewiesen, dass sie die Spielregeln des demokratischen Rechtsstaates noch anerkennen. Die Käufer dürften - zumindest zum Teil - Gefallen an dem sonntäglichen Einkaufsbummel gefunden haben. Wird die Politik dem Druck der Straße nachgeben und wenn ja, wie? Eines sei vorweg gesagt: Dieser Druck ist geringer, als uns die Medien oft glauben machen wollen. Denn nicht nur das Sommerloch ist für den Rummel verantwortlich: Die fleißigsten Werber für den verkaufsoffenen Sonntag sind nach wie vor die Geschäftsführer der Kaufhäuser und Großmärkte; das freilich ausschließlich im Interesse des Kunden und des Wirtschaftswachstums in Deutschland. Doch die Rechnung wird nicht aufgehen: der Otto-Normal-Verbraucher hat schließlich am Sonntag nicht mehr Geld im Portemonnaie als an den anderen sechs Tagen der Woche. Was aber zieht die Menschen auch am Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung (Art. 139 der Weimarer Verfassung, der nach GG Art. 140 Bestandteil dieses Grundgesetzes ist) in die Konsumtempel? Zum einen zweifellos die Tatsache, dass sich der Einkauf in eine Freizeitaktivität verwandelt hat. Der Handel selbst - Hand in Hand mit der Werbeindustrie - will ja dem Einkauf Erlebnischarakter verleihen. Zum anderen - und das stimmt traurig - sind Teile der Bevölkerung nicht willens oder in der Lage, ihrer freie Zeit jenseits dieser neuen Erlebniswelten eine sinnvolle Gestalt zu geben. Der Sonntag gab und gibt den Menschen Zeit, den Alltag - wenigstens einmal in der Woche - hinter sich zu lassen. Es soll ein Tag der Begegnung sein: Freunde treffen Freunde, Familien feiern Feste, Generationen gehen aufeinander zu. Der Mensch verlässt den Moloch Stadt und sucht die Harmonie der Natur auf. All diese Begegnungen funktionieren, weil der Mensch für ein paar Stunden dem Gleichschritt des Produzierens und Konsumierens enthoben ist; er hat Zeit nur Mensch zu sein (Erich Fromm in "Der Sabbath"). Der Sonntag gibt dem Menschen für ein paar Augenblicke die von Saint-Exupery gepriesene Freiheit des Fischers zurück, die er auf dem Weg in die Moderne verloren hat, die der Bildhauer mühsam versucht in Stein zu hauen. An Saint-Exuperys Zitat wird auch deutlich, warum der verkaufsoffene Sonntag kein Schritt zu mehr Freiheit sein wird: Der Konsum macht uns immer nur zu Sklaven der (Werbe)Industrie, die uns die Wahl zwischen den vier Autotypen von General Motors aufzwängt. Wie erholsam muss uns dagegen die sonntägliche Freiheit des Nicht-Wählen-Müssens erscheinen. Die gelegentliche Ausnahme der Wahl zwischen einigen unterschiedlichen Parteien wird der Bürger verkraften können. Noch ein Wort zur Rolle der Kirchen: sie ist vielleicht gar nicht so unrühmlich, wie es der moderne Mensch oft aus ihren Statements herauszulesen meint. Richtig ist, dass die Feiertagsruhe der Kirche besonders am Herzen liegt; einen Angriff auf den sonntäglichen Gottesdienst fürchtet sie deswegen nicht. Wer - außer den oft nur wenigen Gottesdienstbesuchern - steht schon sonntags so früh auf, dass er um zehn Uhr zum Einkaufsbummel aufbrechen würde? Gemeinsam mit den vernünftigen Kräften im Land sollten die Kirchen den einmal ins Rollen gebrachten Stein wieder zum Stehen bringen. Sie können dabei getrost auf die ganz eigene Botschaft ihres Herrn verweisen: Jesus betonte, dass der Sabbat um des Menschen willen gemacht ist und nicht der Mensch um des Sabbats willen (Markus 2,27 par.). Der christliche Glaube interpretiert die Worte Jesu als Verweis auf den göttlichen Heilswillen: der siebente Tag ist Gottes gute Gabe an die Menschen, der ihnen Gelegenheit gibt, von ihren Werken auszuruhen und des Werkmeisters zu gedenken. Dieser Gottesdienst erschöpft sich nicht in Lob,
Gesang und Predigt. Der Mensch soll die ihm geschenkte Freiheit genießen: gemeinsam mit
der Familie und mit Freunden, in Harmonie mit der Natur. Dazu eingeladen sind alle: seien
es Juden, die ihre Königin Sabbat jede Woche neu empfangen, seien es Christen
in ihren ehrwürdig nachtdunklen Kirchen, seien es Muslime, die jeden Freitag ihre salat
in der Moschee verrichten oder sei es der Nichtgläubige, der - sich schon sechs Tage lang
nach der Sonntags-Identität des homo festivus sehnend - Wochenend und
Sonnenschein genießt. |
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| Autor: mat, mat@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 1999, Bennos Hütte |