| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 2, Dezember 1999 - zurück zur Startseite |
Bulgarien
Bulgarien kann man nur verlassen. Die Städte sind nur Stadt: kaum
historische Gebäude, ein schlechter Zufall würfelt Straßenbahn-ausbesserungswerke,
Hotels, Kirchen, Plätze, Monumente, Gasometer und Brachland zusammen. Keine Möglichkeit
zum Rückzug. Der Boulevard ist eine Hauptverkehrsader, die Bürgersteige gerade breit
genug zum Rempeln. Kaum kommst Du aus dem Haus wirst Du getreten, geschubst, geschoben.
Paßt Du nicht auf, findest Du Dich inmitten einer Meute in den Bus gedrängt wieder oder
du flüchtest in einen Hauseingang und weißt auch nicht weiter.
Die Parkanlagen sind weit vom Zentrum entfernt. Die Autos alt, laut, jedes einzelne eine
Rußwolke hinter sich herziehend. Fußgängerampeln spielen verrückt. Alles ist darauf
angelegt, Dir das Leben schwer zu machen. An den Haltestellen fehlen Bänke, die
Straßenbahn ist ständig überfüllt und dreckig. Die Busse fahren nur kurz an und rollen
dann bis zur nächsten Haltestelle, um Diesel zu sparen. In den Unterführungen fehlt das
Licht; kein Bürgersteig, dessen Platten nicht vom Frost aufgebrochen wären.
In den Hauseingängen riecht es: nach Abfällen und Schimmel, nach Urin. Fahrstühle sind
unbeleuchtet und fahren bis ganz nach oben, statt in die gewünschte Etage. In den
Toiletten, wenn es sie gibt und sie benutzbar sind, fehlt das Papier. Geländer sind zur
Hälfte zerstört, oder nur zur Hälfte fertiggestellt. Ein Sammelsurium der
Unvollkommenheit. Verloren in einem Kosmos des unabänderlichen Provisoriums. Wenn es
regnet, staut das Wasser riesige Seen. Rohrleitungen platzen auf und werden nicht mehr
geflickt. Es fehlen Stufen, einfach so. Durchgerostete Trottoirgitter an den
Kellerfenstern. Das Eis, das auf der Straße verkauft wird, durchweicht die Waffel und
tropft auf die Hose. Die Brunnenanlagen sind vertrocknet. Die Menschen hasten durch die
Stadt, als flüchteten sie vor Hagel oder einem anderen Wetterunbill.
Wenn ein Haus rekonstruiert wird, steht das Gerüst drei Jahre. Gerade
fertiggestellt, beginnen die Dinge gleich wieder zu verfallen. In den Wohnbezirken: Vor
jedem Haus bis spät in die Nacht eine Wirtschaft, aber essen kann man nirgendwo. Zwischen
den Blöcken streichen zahllose Hunde, kopulierend, zähnefletschend und sich gegenseitig
das Revier streitig machend. Riesige Melonenberge liegen wochenlang in der prallen Sonne
auf der Wiese und werden von der Stelle weg verkauft. Neben ihnen nächtigen die
Verkäufer unter Zeltplanen und in alten Moskvitchs. Zwei alte Banknotenserien existieren
neben der Neuen, ein Brot kostet 800 oder 0,8, je nachdem, das Portemonnaie liegt in der
Hosentasche wie eine geballte Faust. Und wenn Du einen Brief absenden willst, mußt Du
Dich eine halbe Stunde anstellen.
Und inmitten dieses alles für sich einnehmenden, rhythmusgebenden Chaos bewegst Du dich fassungslos, entrückt, erdrückt, erbost, verwirrt und stolpernd.
Ich wußte: Wenn Du hier fällst, hilft dir niemand. Ich drängelte mich am Justizpalast zwischen den alten Weibern mit ihren Waagen und einer Schlange an einer Eisdiele vorbei, rettete mich in die schattige Unterführung, wo sich hunderte kleiner Bauchladenbesitzer aneinanderreihten, die Wurst, Eingemachtes, Silber, Leder, Tischdecken und Rosenöl feilboten. Ich erwarb eine Baniza und kaufte einige Meter weiter eine zweite, so gut schmeckte sie mir. Ich beobachtete einen älteren Herren, der seiner Angetrauten die Hand hielt, als sie einen weiten Schritt über eine Pfütze zu machen gezwungen war und der sie ungeniert auf die Wange küßte. Ich warf den beiden Rentnern, die mit Rassel und Akkordeon Volksweisen darboten und mit den Beinen wippten ein paar Münzen in den Hut. Ein Händler hob ein Tuch auf, das einer jungen Dame heruntergefallen war und übergab es ihr mit selbstloser Geste. Zwei Mädchen kümmerten sich um die drei Welpen, während deren freiumherlaufende Mutter wahrscheinlich auf Futtersuche war. Auf der Treppe sagte man mir Auf Wiedersehen. Im Park: Großmütter führen ihre Enkel aus und verwöhnen sie mit Waffeln und Gebäck. Großväter sitzen am Brunnenrand und spielen Schach mit Wetteinsätzen.
Ich treffe Tinche und Nikolai, die darauf bestehen mich von der Stelle weg
nach Hause einzuladen. Heute rumpelt die Straßenbahn nicht, sie gleitet. Die Männer
reservieren einen Sitzplatz für ihre Frauen und reichen ihnen beim Aussteigen die Hand.
Vor dem Wohnblock pflücken zwei Familien Pflaumen. Der Fahrstuhl: Ein hölzerner Fahrkorb
mit Gittertür geleitet uns nach oben. Wir wandeln über Dielen, die schweren Tapeten
beruhigen mich, mein Blick wandert über chinesische Vasen, spanische Bronzefiguren und
ein russisches Klavier der Jahrhundertwende: Ein Geschenk des Zaren an den Großvater
verkündet Nikolai. Was nun nicht alles aufgetischt wird: Schopska-Salat, zart geröstete
Weißbrotscheiben, Gurkensuppe mit Nußsplittern, mit Reis gefüllte Weinblätter,
eingelegte Paprika und Jogurt, Schaschlikspieße, Kebabtschi, Kartoffelsalat,
selbstgepflücktes Obst, eingemacht und frisch, Melonenscheiben, Baniza, dazu Arian und
Rakija. Stunden brauchen wir und immer wird neu aufgetischt, als wäre die Küche die
Speisekammer des Königs. Jeder Wunsch wird mir von den Lippen abgelesen, kein Schweigen
breitet sich aus, immer fällt den beiden noch etwas ein, eine Anekdote, eine Frage,
mehrmals muß ich versprechen wiederzukommen, ihre erwachsenen Kinder und heranwachsenden
Enkel kennenzulernen und, nein, sie werden mich nicht gehen lassen, bevor ich nicht satt
und prall und zufrieden bin, und auch dann nicht, bevor sie mich nicht mit kostbaren
Kleinigkeiten beschenkt haben. Die Nachbarn werden geholt, es wird eng, morgen, sagen sie,
sei ihre Verwandtschaft bei ihnen und ich möge mir ja nicht einfallen lassen, nicht
vorbeizukommen, worauf natürlich angestoßen wird, wieder und wieder. Das ganze Haus
drängt nun in die Wohnung um den Gast zu bestaunen und sie bringen Gläser Eingemachtes,
Schmuck, Tücher, Rosenöl, Kosmetik, Melonen, Gebackenes, Wodka, Ledertaschen und Bücher
und laden mich ein für morgen, übermorgen und die gesamte nächste Woche. Nein, sagt
Nikolai, einen Gast einfach ziehen zu lassen, das geht nicht. Meinen Dank aber alle wehren
ab und trinken auf das Zusammensein, das Wohlergehen, die Gesundheit, die Zukunft, auf
frühere Gäste und auf kommende, auf den Hund vom Hausmeister, auf den Hausmeister
selbst, weil der goldenen Hände hat und auf das Land, die Musik, auf den morgigen Tag und
auf den gestrigen.
(Photos - Mat © 1999)
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