www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 2, Dezember 1999 - zurück zur Startseite

 

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Filmfestival in Cottbus

(ricarda)

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Ich bin vom 05.11. bis 07.11.1999 ursprünglich nach Cottbus gefahren, um einen guten Freund zu besuchen. Gleichzeitig hatte ich jedoch eine Sendung von "RADIO 1" im Kopf, die über das 9. Filmfestival des Jungen Osteuropäischen Films berichtete.

Neben neuen und schönen Eindrücken vom zukünftigen Wohn-und Studienort des Freundes kam ich so auch in den Genuss, fremd anmutende Bilder zu sehen, andere Sprachen zu hören, mich in ferne Orte und deren dazugehörige Menschen hineinzudenken.

 

 

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Der erste Film: "Jenseits der Sanddünen" (1973) von Radu Gabrea machte es mir in letzter Hinsicht ziemlich schwer. Die ersten Assoziationen, die mir beim Hören des Titels einfielen, waren Weite, Ruhe, das Meer, aber auch ein kleines Stück Hoffnungslosigkeit. Das kam dem, was ich dann sah, nur wenig und nur in Bezug auf eben diese Hoffnungslosigkeit entgegen.

Die Geschichte spielt in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in Rumänien und stellt in erster Linie einen schweren Konflikt zwischen Gendarmen und Rebellen dar: Ion, dessen Vater unter ungeklärten Umständen von Gendarmen getötet wurde, macht es sich zur Lebensaufgabe, den Mord seines Vaters zu rächen. Er will die Wahrheit erfahren, die, inzwischen von unzähligen Menschen, die auch immer nur einen Teil von ihr zu kennen glauben, verschlüsselt in einer qualvollen und unruhigen Zeit verborgen liegt.
Es ist ein mörderisches und deshalb letztendlich unmögliches Unterfangen. Ion, der nicht weiß wohin mit sich und seinen Gedanken, schliesst sich den Rebellen an. Sie erkennen die nach 1945 aufgezwungene soziale Ordnung nicht an und folgen einzig dem Idol der Freiheit.

Was immer das auch sein mag, im Film gehören zur ungezügelten Freiheit Geld, Frauen, gutes Essen und viel Wein. Die Möglichkeit, ganz für sich zu leben, finden sie an einem entlegenen Ort und somit tauchen am Ende des 99-minütigen Spektakels die Sanddünen unvermittelt auf.
Der Film wurde seinerzeit von Ceaucescu persönlich verboten und nun zum ersten Mal in unzensierter Fassung gezeigt.
Es war schwer, den ureignen Sinn hinter, vor und zwischen den lauten und unruhigen Kulissen zu finden. Ich kann es nur als eine etwas andere, vielleicht deshalb unverfälschte Sichtweise auf eine schwierige Zeit verstehen, in der Menschen lebten, die nach einem sicheren Leben in einem armen und gebeutelten Land strebten.
Die Sprache während des Filmes war Rumänisch, jedoch konnte man entweder den Untertitel in Englisch lesen oder aber Kopfhörer benutzen. Das war an sich eine lustige Sache, obwohl es verwirrend war, rumänisch zu hören, teilweise englisch zu lesen und einer Übersetzerin zu folgen, die erstens eine monotone, zögernde Stimme hatte und zweitens der rumänischen Sprache nicht mächtig war. Wie sich nämlich bald herausstellte, übersetzte sie mehr schlecht als recht einfach den englischen Untertitel, wobei sie wichtige Details oder lange Sätze aussparte. So war es dann einfacher und angenehmer, mit der rumänischen lebendigen Sprache im Ohr den stillen englischen Worten am unteren Rand der Leinwand zu folgen.

Die Übersetzerin der folgenden russischen Kurzfilme wie "Das Fass" hingegen verstand es, die Originalsprache mit Leben zu füllen und sie dem Zuschauer sympathisch zu machen.

Der Regisseur Tudor Tataru, der im Zeitraum von 1988 bis 1992 diese kleinen Komödien erfand und filmisch darstellte, sprach vorab einige Worte. Er wies darauf hin, dass alle Beteiligten zu der Zeit Studenten oder ähnliches mit wenig Geld waren und dass es in diesem Kontext gesehen werden soll. Er hätte nicht unbedingt darauf hinweisen müssen, denn die Filme überzeugten mit ihrem Charme, dem Humor, den außergewöhnlichen und imaginären Ereignissen und Begebenheiten auch so.

Hintergrund aller Filme sind der Krieg im abtrünnigen Transnistrien und die Inflation, die die Anschaffung eines Fasses beispielsweise zu einem absurden Abenteuer um mafiaartige Orgien und allerlei seltsamen Schiebereien werden lässt. Oder aber allein der gute Erden-Wein überzeugt den mächtigen Außerirdischen vom Planeten XS-1, den Untergang der Welt noch ein wenig zu verschieben. Gedankt sei dem gastfreundlichen alten Ehepaar in der Republik Moldau!

Am Abschluss der kleinen Werkschau des Anarcho-Autodidakten Tudor Tataru steht dieses "wortlose Chef d´ oeuvre an Trash-Witz, das wider alle Vernunft gegen alte und neue Machtarroganz Sturm läuft, ohne sich um die Regeln hehrer Kunst zu scheren".

Nach dieser Kinoschau ging ich mit dem befriedigenden Gefühl nach Hause, dass ich doch ein wenig Einblick in osteuropäische Zeiten und Lebensformen gewonnen habe.
 

 

 

 

Autor: ricarda, Elfe-blau@gmx.deArtikel kommentierenCopyright 1999, Bennos Hütte