| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 2, Dezember 1999 - zurück zur Startseite |
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Die Tage wurden kürzer und wir hatten immer noch keine Deckenlampen gekauft. Pralle, glänzende Kastanien schlüpften aus ihren Kapseln und prasselten auf das Pflaster und auf meinen Kopf, wenn ich das Haus verließ. Am Mittag war es noch warm und Lisa und ich legten uns auf das Dach, um uns zu sonnen. Abends aber war der Himmel klar und kalt und ich holte den Mantel aus dem Schrank. An einem Samstag, als ich wieder spät kam, flutete Licht aus dem Türspalt und dem Spion. Zwei Scheinwerfer standen im Flur und starrten mich an. Paul und ich rauchten in der Küche und betrachteten das Ungeheuer, dessen Augen leuchteten wie das Feuer der Hölle. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran und hängten unsere noch nassen T-Shirts davor. Lisa kaufte uns einen Radiowecker, dessen Leuchtziffern vom Küchenschrank aus den Flur schwach beleuchteten und den Weg wiesen, nachts, wenn der eine kommt und der andere schon schläft. Die Scheinwerfer schliefen dann auch, sie senkten ihre Köpfe und schlossen die Abblendklappen und dieser Anblick war oft unendlich traurig für mich, denn er hatte nichts mit den beiden feuerspeienden Glücksrittern gemein, die sie waren, wenn man sie anknipste. Paul baute ein Bücherregal und es wurde Herbst. Wenn ich nicht gerade in der Wohnung bastelte, lief ich durch die Straßen und raschelte durch das Laub. Manchmal saßen Lisa und ich auf dem Balkon und schmiedeten Zukunftspläne. Lisa liebte den Herbst, die schneidend klare Luft, das schnelle Dunkelwerden, das sich nun in den Alltag einmischte und nicht mehr den Abenden vorbehalten war. Einmal schenkte ich ihr ein Pferd aus zwei Kastanien und fünf Streichhölzern. Ein anderes mal mußte ich ihr in der Badewanne einen Lutscher aus den Haaren entfernen, der sich mit der Patschhand eines kleinen Mädchens, das auf den Schultern seines Vaters getragen wurde, dort verfangen hatte. Paul sah ich immer seltener, nur ein paar Krümel auf dem Küchentisch oder knarrende Dielen zeugten von seiner Anwesenheit.
Die Pfützen waren am Morgen bereits mit einer hauchdünnen Eisdecke überzogen. Auf dem Balkon hielt man es ohne Schuhe keine Zigarettenlänge mehr aus. Wir spazierten im Stadtwald und sahen den flatternden Drachen zu. Wenn es dämmerte, beeilten wir uns nach Hause zu kommen, wo wir am Ofenfenster saßen und Tee tranken. Lisa war sehr schön. Sie kam spät von der Arbeit und ich holte sie von der Bushaltestelle ab. An einem Donnerstag wartete ich vergebens. Ich tauchte in der Badewanne mehrere Minuten unter und stellte mir vor, daß sie in diesen Augenblicken zur Tür herein kommen würde. Ich lag wach und schielte auf den schwachen Schein der Gaslaternen hinter den Vorhängen. Ich horchte und hoffte, die Dielen knarren zu hören. Der Tag darauf begann in Zeitlupe. Ich irrte in den Straßen umher und setzte mich in Unterführungen. Meine Hände waren rotgefroren. Ich traf Paul und wir suchten sie gemeinsam. Als ich nach Hause kam, schlief sie am Küchentisch. Ein paar Tränen waren auf das Holz gefallen und noch nicht getrocknet. Behutsam trug ich sie ins Bett. Wir hatten uns ganz gut eingerichtet, Lisa und ich und manchmal Paul. Wir schliefen im kleineren Zimmer, das einen Balkon hatte, auf den hinauszugehen und den Leuten auf den Kopf zu spucken es nun zu kalt geworden war. Manchmal lagen Lisa und ich nachts wach und taten so, als dächten wir, der andere würde schlafen. Zwei Scheinwerfer, die ihre Köpfe gesenkt und die Abblendklappen geschlossen haben. Die Dielen im Flur waren baumstammdick und knarrten, wenn der eine kam und der andere schon schlief. Paul sahen wir nur selten. Und als der erste Schnee kam, war er verschwunden. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
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