www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 2, Dezember 1999 - zurück zur Startseite

 

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Manchmal kommen schon merkwürdige Dinge zusammen. William Gibson zum Beispiel hat eigentlich mit der ganzen Sache gar nichts zu tun. Er ist hier aber sehr wichtig, denn er beschrieb schon 1984 in seinem Buch "Neuromancer" eine Zukunftswelt, in der sich Datencowboys in weltumspannenden Computernetzen mittels ihrer Gedanken bewegen können. Dabei gab es 1984 noch gar keine *ding-dong ding-dong* Multimediarechner. Wenn man gegen Gibsons Vorstellung das heutige Internet sieht, stehen wir wohl noch ganz am Anfang – von was auch immer.
 

 

 

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Das Internet von heute enthält nur eine Andeutung der neuromantischen Virtualität. Auch wenn sich so mancher ex-tennisspielende AOL-Benutzer vor Begeisterung ein zweites Loch in den Anus freut, wenn er nach der dritten Installation der verkorksten Zugangssoftware endlich im Internet ist ("Bin ich da jetzt schon drin?" – "Wo drin, Boris?"), kann das nicht darüber hinwegtäuschen, daß im World Wide Web, beim Chatten oder E-Mailen im Prinzip nur reale Kommunikationsformen kopiert, und in mehr oder weniger überzeugender Art und Weise ins Internet übertragen werden.
Aber die Realität selbst in die Virtualität zu transformieren ist bisher ohne große Erfolge geblieben. Projekte wie VRML oder Quicktime VR haben sich aufgrund ihrer umständlichen Handhabung glücklicherweise nicht durchgesetzt.

Die vielversprechendsten Ansätze für Gibsonschen Cyberspace findet man bisher interessanterweise in Computerspielen, zum Beispiel dem 1996 entstandenen "Quake". In vielen Missionen musste man sich da durch düstere Grotten und Verliese kämpfen, in einer bis dato völlig neuen detaillierten dreidimensionalen Umgebung. Neu war auch die Internetanbindung, die bis heute virtuelle Treffpunkte für Spieler aus aller Welt schafft.
Dort begegnet man sich in selbstkonstruierten Räumen, mit frei konfigurierbarem Outfit, Aussehen und Geschlecht. Man kann umherlaufen und sich die Gegend anschauen, mit anderen Spielern sprechen, oder einfach nur dastehen und sich zuwinken. Es gibt auch die Möglichkeit, sich gegenseitig mit einem Raketenwerfer die Rübe abzuschiessen, und das ist ehrlich gesagt das, was man die meiste Zeit tut. Aber man kann auch nur dastehen und sich zuwinken – halt, jetzt schweife ich ab, denn eigentlich wollte ich nur auf die Idee mit den virtuellen Räumen im Internet hinaus.

Jedenfalls hat sich auch eine Gruppe von Künstlern mit diesem Thema beschäftigt. Das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit "Quake" kann man sich noch bis zum 3. Dezember in der Ausstellung "re-load" in den Räumlichkeiten des Berliner shift e.V. anschauen. Neben einer raumfüllenden Installation und kleinen Modellen typischer Quakeszenarien werden vier künstlerisch verfremdete Modifikationen des Spiels vorgestellt, in denen sich der Besucher auf eigens dafür aufgestellten Computern umsehen kann.

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Ein wirklichkeitsgetreues Modell der Hamburger Kunsthalle, umgesetzt von Florian Muser und Imre Osswald, gibt es da zu sehen, mit allen Gemälden und Skulpturen an ihren originalen Plätzen. Daneben schleicht man in der surrealistisch anmutenden Landschaft von Holger Friese umher, mit in der Luft schwebenden Wasserblöcken und unsichtbaren Teleportern, die den Spieler orientierungslos an andere Orte beamen. Von Christine Meierhofer stammt die auf schwarze Blöcke und weiße Kanten reduzierte Version der Deathmatch-Arena DM7, in der sich selbst geübte Quaker neu orientieren müssen. Der Architekt Tom Ehninger schliesslich hat ein groteskes kubisches Level geschaffen, mit kalten weißen Kacheln und einem wahrlich neuromantischem Himmel aus sich überlagernden Gitternetzen.

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Der shift e.V. lädt jeden Mittwoch zum Spielen in diesen Welten ein, aber seid gewarnt: Wer in Tom's Level das Quad-Symbol für vierfach verstärkte Kraft einsammeln will, muß auf dem Rückstoß seines eigenen Raketenwerfers weit nach oben auf einen schmalen Pfahl springen – und das ist speziell für kunstbegeisterte Gelegenheitsquaker keine leichte Aufgabe.

Der shift e.V. befindet sich in der Friedrichstraße 122/123 in Berlin-Mitte.
Re-Load im Web (mit Downloadmöglichkeit der Maps): http://www.re-load.org
 

 

 

 

Autor: rob, rob@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 1999, Bennos Hütte