| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 2, Dezember 1999 - zurück zur Startseite |
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Eines Nachts in der Straßenbahn. Müde kam ich von irgendwo her und wollte nur noch ganz schnell nach Hause. Ich machte es mir bequem und versuchte mich schon gedanklich auf mein kuscheliges Bett einzustellen. Nur noch 10 Minuten trennten mich von meiner Haltestelle, da stiegen 3 jugendliche Glatzköpfe in die Straßenbahn.
- "Scheiße" dachte ich.
Falls es irgend jemand sonst entgangen sein sollte, das wir nun drei neue Begleiter hatten, machten sie noch mal lautstark auf sich aufmerksam.
- "Ey scheiße, wenn wa jetz ne Zecke sehn, dann mach ma die platt, ABER RICHTIG!"
Na wenigstens keine Halbheiten, aber auf Plattsein hatte ich keine Lust. Innerlich rutschte ich in meinem Sitz zusammen, äußerlich war ich bemüht, mir nichts anmerken zu lassen.
Nach diese klaren Ansage konnten sie sich, immer noch lautstark, ihren eigenen Problemen zuwenden:
- "Ey scheiße, du spinnst doch, die Fahne an nem Besenstiel festzumachen, wie sieht n das aus. Alle anderen haben ne Fahnenstange und wir kommen mit nem Besenstiel. Ditt sieht ja aus. Toll, wie stehn wa dann da. Ist das peinlich. Hättstemal Soundso gefragt, der hätte ne Fahnenstange gehabt. Nüscht kann man dir anvertrauen ..."
Das Problem konnte ich verstehen. Die Preussische Flagge an einem Besenstiel, welche Entwürdigung. Die hätte sich die Jungs gleich vor den Augen ihrer Kameraden aufstellen und auf des Führers Bildnis pissen können.
Zwei Stationen später stieg ein angetrunkenes Paar ein. Die Bierbüchsen noch in der Hand stellten sie sich ans Ende des Wagens. Die drei anderen hatten das Besenstielproblem immer noch nicht lösen können.
- "Wat seid denn ihr für welche? Wisst ihr überhaupt, was für ne Fahne ihr da habt" meldete sich da auf einmal eine alkoholisierte weibliche Stimme, dere Fahne man zwar nicht direkt riechen, aber ahnen konnte.
- "Klar wissn wa dat, weißt du das denn, wat willst de überhaupt"
Ich wusste nicht, was die Frau genau störte. War es der zur Schau getragenen Nationalismus überhaupt oder das ausgerechnet diese drei Gestalten dachten, sie wären die neue deutsche Hoffnung. Jedenfalls antwortete sie weder besonders aggressiv noch ängstlich:
- "Mönsch ihr Kerle müsst doch erst mal lernen, wie Deutschland überhaupt buchstabiert wird, bevor ihr die Fahne mit Euch rum schleppen könnt!"
- "Ey spinnst du, wat willst DU denn, willst du Streit! Du kannst n Ding auf s Maul haben!"
- "Watn von dir"
- "Sei ma vorsichtig", mischte sich jetzt der ebenfalls alkoholisierte Mann ein - Typ Bauarbeiter, der seine Kollegen bittet, noch einen dritten Zementsack auf die Schultern zu legen, bevor er damit in den 4. Stock läuft.
- "Klar kannste ein aufs Maul haben", meinte der lauteste von den drei Glatzköpfen zu der Frau.
- "Na dann los, komm doch"
- "Denkste ich trau mich nich"
- "Na los hau mir in die Fresse"
Gleich würden die Fetzen fliegen.
- "Ach scheiße, lass mich in Ruhe"
- "Du sollst mir in die Fresse hauen"
- "Du sollst mich in Ruhe lassen"
Jetzt kam die Frau auf den Typen zu, zog ihn vom Sitz hoch und fing an, ihn durch den Wagen zu schubsen. Der Mann stand hinten, hielt seine Bierdose fest, lachte schallend und beobachtete seine Frau.
Mit angsterfüllten, weit aufgerissenen Augen taumelte der Junge immer weiter zurück.
- "Ey lass mich in Ruhe"
- "Na du wolltest dich doch schlagen"
Das Ende des Wagens war jetzt erreicht. In die Enge getrieben presste sich der in die Nische zwischen Ausgangstür und Fahrerkabine, aber er konnte nicht weiter zurück. Verzweifelt versuchte er die letzte Rettungsmöglichkeit:
- "Ich hol' gleich den Schaffner!"
- "..."
Der Bauarbeiter hinten fing jetzt an, seine Frau zurück zu rufen:
- "Ey lass ma!"
und die beiden anderen versuchten auch heldenhaft ihren Kameraden zu retten:
- "Ey du wir wollen wirklich keinen Stress."
Doch meine Haltestelle war jetzt heran, ich konnte dem drohenden Inferno entfliehen. Schnell sprang ich aus dem Wagen, doch bis heute frage ich mich, wie die ganze Geschichte wohl ausgegangen ist.
(daslars)
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