| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 3, Februar 2000 - zurück zur Startseite |

Nullrunde: Mein letzter Rauch-Tag:
Beim Kommilitonen angekommen (er hat vor ca.5 Wochen aufgehört), treffe ich einen Rauch-Freund, wir geben uns zusammen diesem Genuss hin. Dann widme ich mich dem Gesang (als Heimprobe für den Chor, in dem ich singe) am Klavier des Studienkollegen und stelle fest, dass sich rauchen und kurz danach singende hohe Töne nicht gut vertragen. Aber es ist ja mein letzter Tag, an dem ich seit langem mal wieder so richtig schön ohne ein schlechtes Gewissen rauchen kann- denn: ich habe nun den (fast heldenhaften Entschluss), nie wieder oder jedenfalls nicht so bald so viel am Stück zu smoken. Trotzdem bin ich erfreut über diese Entdeckung, weil sich somit ein weiterer Grund findet, dass es sich lohnt... . Am Abend, nachdem nun zwei Menschen von meinem Vorhaben wissen, rauche ich die letzten Kippen und gehe danach in die Badewanne, gleichsam, um mein "altes Leben" symbolisch abzuwaschen. Der erste Tag: Im Hörsaal stelle ich fest, dass es mir gelingt, einmal dem Professor konzentriert zuzuhören und mich mit einem Kommilitonen über umweltfreundlichen Tintenverbrauch unserer Lamy-Füller zu unterhalten- ohne, dass ich ans Rauchen denken muss! Es geht also. Es verblasst ein wenig die Vorstellung, dass ein rauchfreies Leben weniger Spaß macht. (Nach diesem positiven Gedankenschub sieht die Realität trotzdem sehr ärmlich aus). Dann fahre ich nach Hause und beschließe auf dem kurzen Heimweg, noch eine Zigarette zu rauchen. Ich muss sie mir schlauchen, mein Opfer ist ein junger Mann, der mit seinem Kumpel den Eingang des Einkaufcenters bewacht. Ich bekomme eine Zigarette der ekelhaftesten Sorte (nach meinem Urteil über sein Aussehen habe ich das fast erwartet), ein Feuerzeug habe ich selbst. Mit dem Kommentar: "Eine richtige Raucherin besitzt eben ein Feuerzeug !" verziehe ich mich in eine Ecke und zünde sie an. (Beim Anzünden schießt mir durch den Kopf, das ich es danach ja nicht mehr bin). Ein widerlicher Geschmack bildet sich in meinem Mund. Ich fühle, wie mein Puls zu rasen beginnt und sich ein beklemmender Druck in meiner Herzgegend ausweitet. Aber ich rauche weiter und brenne mir alle Symptome wie ein Mal in mein Gedächtnis - hoffentlich mit abschreckender Wirkung. Ich nehme mir vor, die Zigarette bis zum Filter zu rauchen, obwohl sie mir schon nach ein paar Zügen nicht schmeckt. Mir wird schlecht. Ich drücke sie aus und gehe einkaufen. Bewusst stecke ich mir keinen Lutschbonbon in den Mund, sondern gehe mit diesem ekeligen Geschmack weiter.
Immer, wenn ich ans Rauchen denken muss, mache ich mir eine Tasse Tee. Das lenkt ab. Dann aber! Die erste Tücke stellt sich mir in den Weg. Es verblassen ganz schnell all die schlechten Seiten des Rauchens und in mir breitet sich Verklärung aus. Oh, wie schwer ist es doch, den inneren Schweinehund abzumurksen, der mir so verlockend ins Ohr säuselt. Ich bekomme zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas ganz Wichtiges (das all die Jahre vorher da war, fehlt- dieses Gefühl stellt sich noch sehr oft ein). Der zweite Tag: Wenn es mich selbst nicht so stark betreffen würde, fände ich Interesse an diesem seltenen Phänomen der gedanklichen Di-Polarisierung - ich denke, ihr versteht mich - und würde es mir bei jedem anderen gerne anhören. Aber so finde ich diese Fallen abscheulich. In der S-Bahn setzt sich ein Raucher neben mich - ich verziehe mein Gesicht, weil er so unangenehm riecht. Ob es bei mir auch so gerochen hat?
Der dritte Tag: Obwohl ich all die Nichtraucher mit ihrer zur Schau getragenen Vorbildwirkung gern mal in einer solch erbärmlichen Lage sehen möchte! Entziehen, oder netter gesagt, verzichten, macht einsam. Ich stehe sozusagen zwischen den Stühlen - auf dem einen die überzeugten Raucher (die immer von Genuss sprechen), auf dem anderen Stuhl die überzeugten Nichtraucher. Ein neues Problem tut sich auf! Ich will nicht zunehmen - das wird vielleicht schwierig, weil ich beschließe, Schokolade als Ablenkungsmanöver einzusetzen, wenn der Wunsch nach einer Zigarette mich zu überrollen droht. Denn wer hat schon Lust, nur Gemüse zu kauen? Der vierte Tag: Ich stelle fest, dass mein Zimmer gut riecht. Das freut mich natürlich.
Der fünfte Tag: Jeder Tag vergeht furchtbar langsam. Wie viel leichter würde es mir fallen, wenn ich sagen könnte, ich rauche bereits seit einem Monat nicht mehr. Dann wäre ich aus der schlimmen, gefährlichen Phase nämlich raus. Ich sage mir immer wieder, dass essen, trinken, lieben und Musik beispielsweise viel wichtiger im Leben als rauchen ist. Oder ich denke mir absurde Entweder- Oder- Geschichten aus: wenn ich nachgebe, muss ich die ganze nächste Nacht in der Kälte rumlaufen! Mein Bett habe ich zu gern, als das ich es aufs Spiel setzen möchte.
Der sechste Tag: Ich kann keine rauchenden Menschen sehen, ohne an meine jetzige Situation zu denken. Ich versuche, mir zu sagen, wie arm diese Leute doch dran sind, dass sie dem Nikotin hinterher jagen und Gefahren wie Lungenkrebs scheinbar gelassen hinnehmen. Warum ich aufgehört habe? Nicht unbedingt deshalb, weil ich so große Angst vor Krebs hatte, das lag in weiter Ferne. Ich habe aber oft gemerkt, dass ich rauche, obwohl ich nicht immer wollte. Dass ich oft Kopfschmerzen hatte und trotzdem dem Zwang nachgab, zu rauchen. Weil mich meine Abhängigkeit ängstigte. Ich bin mir sicher, dass es nur wenigen gelingt, ihren Konsum zu verringern. Die meisten rauchen nach drei bis vier Tagen genauso viel wie vorher. Ich schließe hier all diejenigen aus, die man allgemein Gelegenheitsraucher nennt. (Nach fachlichem Ausdruck zeigt diese Spezies kein eindeutiges Suchtverhalten). Der siebte Tag:
Ich trinke viel Tee. Ricarda PS: Ihr könnt mir ruhig Glück wünschen ! |
| Autor: ricarda, Elfe-blau@gmx.de | Artikel kommentieren | Copyright 2000, Bennos Hütte |