www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 3, Februar 2000 - zurück zur Startseite

 

Charlie Chaplin im Filmmuseum Potsdam

 

 

 
Ich betrete einen hohen Raum, an dessen Wänden sich große Plakate, kleine beschriftete Wandtafeln und immer wieder Fotografien befinden. An und in begehbaren Boxen, die in den Raum gestellt sind, hängen Fernseher, vor denen meistens Erwachsene auf kleinen blauen Hockern sitzen. Gezeigt werden Filme und Filmausschnitte aus dem umfangreichen Repertoire des Künstlers. Die Menschen schauen konzentriert und lachen. Das Lachen macht mein Herz warm und ist meiner Meinung nach selten in Ausstellungen zu hören.

Ich bin im Potsdamer Filmmuseum, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, jeden, der dazu Lust verspürt, Einblicke in das Leben und die Werke von Charles Chaplin zu geben.

Er, der unter dem Namen Charlie Chaplin besser bekannt ist, wird als größter Komiker der Filmgeschichte bezeichnet. So mache ich mich also auf den Weg, um den Mann, dessen Geschichten und Filme mich und meine Familie fast jeden Samstag Abend in meiner Kindheit zum Lachen brachten (die Intensität habe ich bis heute nicht vergessen), näher kennenzulernen.

Ich will nur kurz auf biographische Hintergründe eingehen (Hilfreich sind hier die Ausstellungsbroschüre oder auch das Buch: "Die Geschichte meines Lebens" von Charlie Chaplin, Fischer Taschenbuch): Ich habe nicht gewusst, in welch ärmlichen Verhältnissen Charlie Chaplin aufgewachsen war. In einem seiner Zitate von ihm heißt es: "Picasso hatte eine blaue Periode. Wir hatten eine graue, in der wir von milden Gaben der Gemeinde, von Armensuppen und Wohlfahrtspaketen lebten". Oft wird sein Leben als ein Märchen bezeichnet, tatsächlich weist es große Sprünge auf: von den Ärmsten zu den Reichen, oder vom unbekannten kleinen Jungen (dessen damalige Zukunft durchaus als düster bezeichnet werden konnte) zum berühmten Schauspieler und Regisseur.

Goldrausch (1925)Bereits mit fünf Jahren beginnt Charlie Chaplin mit seiner Karriere. In diesem frühen Lebensjahr vertritt er jedoch in erster Linie seine Mutter (der die Stimme langfristig wegbleibt und sie sich deshalb von ihrem Beruf als Variete´ - Künstlerin verabschieden muss). Ihr Sohn singt nicht nur ihren Part, sondern albert auch auf der Bühne herum- das gefällt dem Publikum. Er wiederum merkt, dass ihm komische Rollen gefallen und er von nun an als Hauptdarsteller arbeiten will, auch, wenn es viel Mut abverlangt, allein auf der Bühne zu stehen.

Ich erfahre viel auf meinem Rundgang durch die fünf Ausstellungsräume, die die wichtigsten Stationen seines Lebens und Wirkens zeigen. Nun weiß ich, dass er ca. siebzig Filme auf die Beine gestellt hat, und dass er viermal verheiratet war, wobei die letzte Ehe (mit Oona O` Neill, sie ist über zwanzig Jahre jünger als er) die erfolgreichste war, und die, in der Charlie Chaplin glücklich wurde.

Jeder Raum widmet sich einer bestimmten Lebensstation. Zum Beispiel konzentriert sich Raum 2 auf die vier Hauptwerke, die Chaplin Anerkennung weltweit einbrachten: The Kid, The Gold Rush, City Lights und Modern Times. Ich finde gerade die Worte und Gedanken bestimmter Menschen interessant, weil sie es verstehen, die Besonderheit eines berühmt gewordenen Films und Chaplins Talent heraus zu kristallisieren. So schreibt Peter Panter alias Kurt Tucholsky in "Die Weltbühne" am 06.12.1923 über den Film "The Kid":

"Ein Film mit einem Lächeln und vielleicht einer Träne. Der Film hat gar keinen richtigen Inhalt. Aber Chaplins Herz hat einen, und zu diesem Herz gehört der feinste Kopf unter den lebenden Filmdarstellern und der klügste unter den Schauspielern überhaupt. Man möchte die Arme heben und ihm zurufen:` Gott sei Dank, dass es dich gibt !`"

Ein weiteres Zitat, diesmal von Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung am 28.03.1931, beschreibt den Charakter von Chaplins Komik und seinem schauspielerischem Können:

"`Lichter der Großstadt `- eine Folge der herrlichsten Pantomimen. Chaplin beweist in ihnen von neuem, dass er die Gebärdensprache auf eine Weise zu reden versteht, die jedes gesprochene Wort zum Schädling macht. Mehr noch : er erfindet Gesten und mimische Situationen, durch die eine Haltung, die sich sprachlich nur schwer umschreiben lässt, mit einem Schlag den Kindern und Erwachsenen aller Völker verständlich wird..."

Gerade die Verbindung von Drama und Tragik einiger seiner Filmgeschichten und seine unverwechselbare linkische Haltung, die Welt mit den Augen eines lachenden Kindes zu sehen, macht Charlie Chaplin in meiner Sicht zu einer unersetzbaren Gestalt der Filmgeschichte. Was ihn für mich besonders menschlich macht, ist eine Ansicht, die im folgenden Zitat von 1940 beschrieben wird:

"Ein junger Sohn aus reichem New Yorker Hause fragte mich wohlwollend, weshalb ich so sehr gegen die Nazis sei. Ich sagte, weil sie gegen die Menschen seien. `Ach natürlich`, sagte er, als machte er eine plötzliche Entdeckung. ´Sie sind doch Jude, nicht wahr?´.´Man muss nicht Jude sein, um Antinazi zu sein, antwortete ich. Dazu braucht man nur ein normaler anständiger Mensch zu sein´. Wir ließen also das Thema fallen."

Ich empfehle an dieser Stelle den Film:"The Great Dictator". Chaplins Intention, weshalb er diesen Film drehte, war, dass man über Hitler lachen sollte. Er sagte später allerdings dazu, dass er dieses Werk nicht zustande gebracht hätte, wenn er von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst hätte.

Ich hatte bei meinem Ausstellungsbesuch auch die Gelegenheit, fünf Kurzfilme anzusehen, in denen Charlie Chaplin u.a. als Rollschuh-Fan oder Kaufhaus-Detektiv jeweils die Hauptrolle spielte. Es waren köstliche und vergnügliche Stunden. Insgesamt war es eine lohnende Ausstellung, die man sich ansehen sollte.

ricarda

Kontakt: Filmmuseum Potsdam, Marstall (Tram von S-Bahnhof Potsdam Stadt bis Station Alter Markt) ,Tel.: 0331/ 271 81-0, http://www.brandenburg.de/filmmuseum

Ausstellungsdauer: bis 30.04.2000, geöffnet Di- So 10-18 Uhr, Eintritt: 8 DM/ 6 DM

   

 

 

 

Autor: ricarda, Elfe-blau@gmx.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte