www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 3, Februar 2000 - zurück zur Startseite


von lex

Als ich klein war, malte ich mir oft aus, wie ich im Jahr Zweitausend leben und welchem Beruf ich nachgehen würde. An den Fingern habe ich abgezählt wie alt ich dann wäre. Wo ich den Jahreswechsel verbringen würde, fragte ich mich nicht, dafür versuchte ich mir ganz konkret vorzustellen, wie mein Wecker aussieht, welche Maschine für mich den Tee kocht und die Brote röstet, wie sich die Vorbereitungen auf den ersten Flug im All gestalteten, die ich als angehender Kosmonaut zu bewältigen hätte.

Und wenn ich jetzt daran denke, bin ich enttäuscht von mir: Ich bin kein Kosmonaut geworden, und bestimmt nicht auf dem Weg dorthin. Zum Jahreswechsel habe ich habe noch nicht einmal auf die Pauke gehauen. Es erschien mir nichts Besonderes zu sein, das Ereignis kündigte sich ja früh an: Als Verfallsdatum erst auf den Konservendosen, zum Schluß auf der Milch, und wenn mich nicht alles täuscht sind Zeitungen, Radio und Fernsehen ihrer Informationspflicht nachgekommen. Sie haben mich nachdrücklich darauf hingewiesen. Jetzt, da ich mich noch immer beim Datum verschreibe, fällt mir auf, daß mich die 19 nicht loslassen will und mir die 20 mit einem lasziven Globalisierungshauch entgegentritt.

Irgendwie stecke ich fest zwischen zwei Zahlen.

Wenn die Kinder, die jetzt geboren werden, dereinst an den Grabsteinen meiner Generation vorbeischlendern, werden sie sich nicht einmal die Mühe machen, das Lebensalter auszurechnen. Zuvor werden wir ihnen davon erzählen wie das war, damals, ‘89 und die Zeit danach. Noch im Altersheim werden wir uns fragen, ob der Zimmernachbar im Osten oder im Westen aufgewachsen ist. Und dabei hartnäckig übersehen, daß es darauf nicht mehr ankommt.

Noch vor zehn Jahren lag das industrielle Zeitalter im Sterben. Seine Kinder wurden zum Schichtende aus den großen Betrieben in Oberschöneweide im Berliner Osten ausgespuckt, deren Werkhallen so stark an Fotos der Jahrhundertwende erinnerten. Sie waren dunkel, es roch nach Öl, nach Spänen, nach Diesel. Die dunkelgrünen gußeisernen Maschinen hatten keine Verkleidung und es gab Arbeiter, die ihre Hand in einer Presse gelassen hatten. Geheizt wurde mit Kohleöfen: das Kino, der Laden, die Wohnung. Und jeden Mittwoch um eins heulten die Sirenen ihren traurigen Probealarm.

Und ich dachte es gibt sie noch: ockergelbe Straßenbahnen, deren Scheiben zitterten, auf deren Sitzen es im Winter so heiß wurde, daß man aufstand. Deren Boden so stark vibrierte, daß es durch die Sohlen kitzelte. In 40 Jahren werde ich vor einer dieser Bahnen im Museum stehen, eine Lehrerin wird ihrer Kindergruppe von Zeiten erzählen, in denen die Menschen mit diesem Gefährt zur Arbeit fuhren und vielleicht wird sie mich dabei anschauen, die Kinder werden mich einkreisen und rufen: Erzähl uns alter Mann, erzähl uns von Straßenbahnen, erzähl von Telefonen mit Wählscheiben und von Gitarrenmusik.

Ich aber kann ihnen da doch gar nichts berichten, ich war ja selbst noch so jung.

Ich bin im Westen nicht richtig angekommen, Du vielleicht im Osten nicht. Das macht aber nichts. Wir beide stecken irgendwie fest. Du sagst Berlins Mitte sei aufregend. Ich finde sie großspurig. Du findest Berliner Hinterhöfe romantisch. Ich habe den Eindruck, sie sind dunkel. Zwischen Warschauer Straße und Schlesischem Tor sitzen wir fest. Zwischen 19 und 20.

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte