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Die Geschichte der Bibel, Teil 1, aus: Bennos Hütte - Ausgabe 3, Februar 2000; Fortsetzungen in den Ausgaben 4 und 5. http://www.bennoshuette.de
Unterwegs im Buch der Bücher
Die Geschichte der Bibel
Tritt ein, tritt nur ein! Lass Dich nicht
schrecken von der Unermesslichkeit dieser Hallen, von den fernfinstren Winkeln da und
dort! Denn wir wollen heute Licht in das Dunkel bringen und die Weite dieses Raums
ermessen! Nur wisse: Ein heiliger Ort ists, den Du betrittst. Eitles Geschwätz und
weltlich Torheit lass nur zurück! Umso mehr werden sich Dir Glanz und Pracht dieses
heiligen Kosmos erschließen. Wohlan, schon öffnet sich das Tor - wir wollen es eilig
durchschreiten und staunend harren dessen, was da kommt.
Häufiger schon hatte ich voller Neugier durch dieses reich verzierte Portal hindurchgeschaut und es doch noch nie gewagt hier einzutreten. Groß schien mir die Gefahr, einmal hineingelangt nicht mehr herauszufinden. Jetzt aber an die Hand genommen und geleitet waren alle Ängste vergessen und Wissbegierde zog mich - den anderen folgend - in die überwältigende Eingangshalle hinein. Vermoderte Bücher, riesige Folianten und in Leder eingebundene Handschriften vermischten sich mit den unterschiedlichsten Schreibmaterialien: Griffel, Pergament, Federn, Tontafeln und Keile... Gerade als ich eine imposante Papyrusrolle entdeckte und sie mir aus der Nähe besehen wollte, da bogen wir rechter Hand in einen schlichten Raum ab, in dem eine angespannte Ruhe herrschte. Andächtig umringten wir eine Art Schreibtisch, an dem mehrere Männer saßen, um anscheinend Texte zu kopieren. Die Langbärte ließen sich mit jedem Wort unendlich viel Zeit; liebevoll reihten sie Buchstabe um Buchstabe aneinander...
Wenn Du heutzutage die heilige Schrift der Juden und Christen liest, dann gedenke dabei allezeit dieser frommen Schriftgelehrten, die ihr ganzes Leben der Tora weihten. Wie diese drei Alten jetzt hier sitzen, so hatten sich zwischen dem fünften und dem elften Jahrhundert in Babylonien, Italien und Spanien eine Unzahl von Masoreten - denn so nennen wir sie - die Weitergabe und Vervollkommnung ihres Heiligen Buches zur Lebensaufgabe gemacht. Hätten sie beim Abschreiben der Worte Gottes nicht soviel Liebe und Sorgfalt aufgewandt, wir hätten jetzt wohl nicht einen Text vor uns, der einem solchen, wie man ihn zur Zeit Jesu in Jerusalem las, recht genau entspricht. Wir sollten den Masoreten auch für ein weiteres Geschenk danken. Die hebräische Bibel ohne die Vokalzeichen zu lesen, das fällt selbst einem heutigen Juden nicht immer leicht; wir Heiden würden jedoch vollkommen ins Stottern kommen. Weil das den Masoreten auch schon so ging, haben sie die ganze Heilige Schrift vokalisiert - auch das eine Meisterleistung!
Tatsächlich konnte ich einen der drei Rauschebärte dabei beobachten, wie er den Konsonantentext nach und nach mit Punkten versah: Es schien nicht einfach zu sein, denn er überlegte bei jedem Wort lange hin und her, beriet sich mit seinem rechten Nachbarn, setzte dann Punkte, schabte sie aber meist wieder weg. In diesem Tempo würde er noch Jahrzehnte brauchen, dachte ich still bei mir...
Nun sind freilich die Masoreten auch nur Menschen gewesen, fuhr er - uns bei Seite nehmend - im Flüsterton fort. Wer heute wissen möchte, wie denn eine Torarolle aussah, aus der vielleicht auch Jesus las, der wird sich nicht das erstbeste Exemplar aus der Werkstatt der Masoreten hernehmen, sondern er vergleicht zwischen unterschiedlichen Handschriften. Weil die Tora in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende auch ins Griechische übersetzt wurde, hat der interessierte Bibelleser glücklicherweise weitere Vergleichsmöglichkeiten. Er wägt dann sorgfältig ab, welche der Textvarianten denn die ursprünglichste sein könnte. Das kann sogar richtig spannend sein: Es gab nämlich auch immer wieder schwarze Schafe unter den Abschreibern. Die haben dann einiges prompt übersehen oder doppelt geschrieben; die Kreativeren unter ihnen waren womöglich mit ihrem Text nicht zufrieden und ergänzten mal hier ein Verslein oder ließen dort ein paar anstößige Worte über ihren Helden David aus.
Aha, dachte ich, davon habe ich doch schon gehört. In der Bibelforschung nennen sie das Textkritik und machen ein großes Tamtam nur wegen ein paar Zeilen zu viel oder zu wenig. Aber wir befinden uns hier schließlich in heiligen Gemäuern - da wird um jeden Ziegelstein, um jede Mörtelfuge gerungen.
Ich hätte gern mehr von diesen sonderbaren Masoreten gehört, doch er hatte die Schreibstube schon wieder verlassen und ich wollte doch den Anschluss nicht verlieren. Schnellen Schrittes folgte ich nach. Wieder durchquerten wir das riesigen Foyer, in dem ich jetzt auch ein geschäftiges Treiben ausmachte. Männer und Frauen waren damit beschäftigt, die merkwürdigsten Schreibmaterialien zusammenzutragen, Papyrusrollen zu ordnen und die zerstreuten Seiten beschädigter Bücher zu sammeln. Doch war diese Sucherei inmitten des Chaos nicht ein ganz aussichtsloses Unterfangen? Diese Menschen müssen eine Menge Zeit haben, dachte ich noch und wollte schon fragen, was bei diesem Puzzlespiel der Hauptgewinn sei. Von irgendwo her vernahm ich aber seine durchdringende Stimme, mit der er uns jetzt in neue Geheimnisse einweihen wollte. Schnell folgte ich ihr und hatte ihn auch bald gefunden.
Wir befanden uns jetzt zweifellos in einer Art Bibliothek, schienen aber Jahrhunderte in die Vergangenheit gereist zu sein. Es war weit und breit kein Buch zu sehen! Dennoch saßen hier und dort Gelehrte an den Schreibplätzen, lasen in merkwürdigen Rollen oder schrieben selbst etwas nieder. Im Übrigen war es furchtbar warm; die Männer hier - Frauen sah ich keine - schienen mir geeignetere Kleidung für dieses Klima zu haben als unser kleiner Expeditionstrupp. Wir hatten uns inzwischen alle um ihn gescharrt und vernahmen seine Worte: Deshalb schrieben die Alten auf Papyrusrollen. Anders einige Jahrhunderte später die Christen: Ihre Bibel war schon ein richtiges Buch; wie wir das auch heute noch kennen. Ich hatte den Anfang verpasst, hörte jetzt aber interessiert zu:
Die heilige Schrift der Juden bestand also aus einer Vielzahl von einzelnen dieser Rollen. Was hatten die Israeliten hier niedergeschrieben? Es war ihre eigene große Geschichte, die Geschichte Israels und seines Gottes. Oder vielmehr umgekehrt: die Geschichte des Gottes Israels und seines auserwählten Volkes. Weniger an trockenen Jahreszahlen und historischen Hintergründen waren die unzähligen Schriftautoren interessiert. Wenn sie zu Papyrus und Tinte griffen, dann um ihr Schicksal im Zeichen der erlebten Gegenwart Gottes zu deuten. Ihre heilige Schrift sollte bezeugen, welchen Weg ihr Gott mit ihnen zurückgelegt hatte, wie sich Israel und sein Gott jetzt gegenüber standen und was ihr Gott künftig mit ihnen vorhabe. Generationen von Israeliten waren so mit der Niederschrift der einzelnen Kapitel dieser Geschichte beschäftigt. Immer neue Ereignisse flochten sie in solche Teilgeschichten ein. In Zeiten großer Umbrüche warfen die unermüdlichen Gelehrten und Gottesmänner ganze Bücher, zu denen die Kapitel inzwischen angewachsen waren, um und schrieben sie neu. Eine große Herausforderung war es auch, verschiedene Berichte über ein und dasselbe Geschehen, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hatten, miteinander zu verbinden. An ihnen stoßen wir uns heutzutage gern, weil hier ganz widersprüchliche Ansichten unverbunden nebeneinander stehen. Ganz vergessen bleibt, dass auch wir gemeinsame Erfahrungen recht unterschiedlich erleben. Wenn es gar um die Frage nach dem Schönen, Guten und Richtigen geht, dann kommen wir im seltensten Fall zu einer Meinung. An dieser vielfältigen Sicht auf die Welt und den Menschen, auf Gott und die Geschichte wollten die alten Israeliten ihre Leser teilhaben lassen - und wir wundern uns heute darüber? Armselige Menschheit!
Endlich machte er eine Atempause und wir wandten uns einem der Schriftgelehrten zu. Auch er schien mit mehreren Texten beschäftigt zu sein, die er versuchte zu einer geschlossenen Geschichte zusammenzuweben. Mein Hebräisch war aber kaum gut genug, um auch nur einen Satz zu entziffern.
Zum Glück hatten wir ihn dabei, so dass wir doch erfuhren, welches Kapitel der hebräischen Bibel hier gerade neu geschrieben wurde. Zuerst stockend, bald aber immer flotter übersetze er Zeile für Zeile, blickte er abwechselnd auf die Vorlagen und auf die Neuschrift, so dass er uns bis zum kleinsten Wort und Buchstaben hin erklären konnte, wie der gelehrte Schreiber seine Kreation zusammengesetzt hatte. Die alten Hebräer waren wahre Künstler, dachte ich: niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass sich hinter diesem Text mehrere verschiedene Quellen verbergen würden. Und doch war es so! Wie gebannt starrten wir auf den Mann und lauschten einer mir gut bekannten Geschichte: Moses Zug durch das Schilfmeer.
Während er vortrug, wie Mose und mit ihm ganz Israel aus der Gewalt des Pharao errettet wurden, schweiften meine Gedanken zu den Bibelforschern ab, die Jahrtausende später diese zusammengewobenen Texte mit bewundernswerter Akribie wieder aufdröseln würden. Literarkritik nannte sich diese Sisyphusarbeit. Ich aber fragte mich schon lange: Warum diese ganze Mühe, dieser Weg zurück in die Entstehungszeit der Bibeltexte?
Ich musste wohl laut nachgedacht haben, denn die Zuhörenden blickten mich vorwurfsvoll an, hatte ich doch mit meiner Frage seine Moseerzählung schroff unterbrochen. Er aber schien es mir nicht übel zu nehmen: Ganz recht hast Du gefragt - Doch um Geduld will ich Dich noch bitten. Die Geheimnisse der Bibel erschließen sich dem Neugierigen nicht von heute auf morgen und ebenso sind die Wege ihrer Erforschung oft ganz verschlungen und mühselig zu beschreiten. Darum: Gib nur nicht vor der Zeit auf! Denn wer wollte diese Expedition abbrechen, ohne den wahren Glanz und die volle Pracht dieses heiligen Kosmos ermessen zu haben? Darum wollen wir nun von hier aufbrechen und noch tiefer vordringen in die Geschichte der Heiligen Schriften!
Damit wandte er sich von dem unbeirrt weiterarbeitenden Schriftgelehrten ab und ging auf den Ausgang der Bibliothek zu. Wir aber folgten ihm, gespannt darauf, wohin er uns jetzt entführen würde...
Schließ' dieses Fenster, um zur Hütte zurückzukommen.
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