| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 3, Februar 2000 - zurück zur Startseite |
: |
Schwäbisch Tagblatt - Kein Weg zum Heil |
(mat) |
: |
|
|
Zugegeben - in manchen Dingen beneide ich die Schwäbinger schon: malerisch liegt ihr Städtchen inmitten sanfter Höhen und Auen, reihen sich in der Altstadt bunte Häuser aneinander, freundliche Gesichter begegnen mir allerorten. Nur die örtliche Tageszeitung will dazu nicht recht passen - das geben auch die Schwäbinger gerne zu, die ihre Gazette treffend "Schäbig Tagblatt" tauften. |
|
|
|
|
Fünf Seiten Nachrichten und drei Seiten Lokalpatriotismus; den Rest füllen Werbung und Leserbriefe - ungefähr so präsentiert sich dem Schwäbinger seine Lokalpresse. Kaum hat sich einmal die Nachricht von einer "großartigen" Neuigkeit durch die Gassen verbreitet, steht diese tags darauf im Tagblatt: zu einem Leitartikel ausgewalzt und mit einem deftigen Kommentar gewürzt. Leserbriefe bleiben selbstverständlich nicht aus. In den letzten Wochen konnte jeder Schwäbinger mitverfolgen, wie in seinem Blättle eine solche Neuigkeit nach den Regeln des Schmalspurjournalismus zu einem Skandal aufgebauscht wurde: Die theologische Fakultät der Schwäbinger Uni hatte einen Studientag zum Thema "Judentum und Christentum" veranstaltet. Ganz sicher: diese Thematik aufzugreifen, bedeutet - zumal hier in Deutschland -, ein heißes Eisen anzufassen. Für einen seriösen Journalisten ein Grund mehr sorgfältig zu recherchieren und behutsam in der Berichterstattung zu sein. Daran ist das Tagblatt gescheitert: In dem tags darauf erschienenen Artikel wird eine subjektive Meinung eines der aktiven Teilnehmer des Studientages als objektiv betrachtet allein gültige Position gegenüber der Thematik "Judentum und Christentum" dargestellt. Die verzerrte Darstellung des Ablaufs der Veranstaltung macht die brisante Mischung des Artikels perfekt und löste umgehend eine Schlammschlacht nicht nur in der Zeitung, sondern leider auch der Fakultät aus. Zahlreiche Leserbriefe gingen beim Tagblatt ein, Stellungnahmen von Professoren wurden abgedruckt, in einem späteren Artikel wurde neues Material lanciert, um die Theologische Fakultät zu diffamieren. Eine Presse, die so verfährt, nähert sich schnell dem unerträglichen Skandaljournalismus der Nachmittagstalkshows und Boulevardsendungen bei Satteins, Erteel und Co - das ist ganz sicher die falsche Richtung. Am traurigsten muss es den kritischen Zeitgenossen stimmen, dass so jede ernsthafte Diskussion von Anfang an unmöglich gemacht wird. Wo die Guten und die Bösen von vornherein feststehen, wer würde sich da noch auf die falsche Seite stellen wollen? Statt sich Allwissenheit und Unfehlbarkeit in allen Fragen des Guten und Richtigen anzumaßen, sollte sich jeder Journalismus zunächst auf sorgfältige Recherche und eindeutige Darstellung der Sachverhalte konzentrieren. Auch ein Zeitungsartikel verfolgt zunächst einzig diesen Zweck. Die persönliche Meinung des Verfassers ist in einem Kommentar oder einem Feuilleton immer noch am besten aufgehoben und hat hier ihren berechtigten Ort. Dort, aber eben nur dort, lassen sich dann die für die Thematik "Judentum und Christentum" relevanten Fragen stellen und diskutieren: Sind Judentum und Christentum zwei Wege zum Heil? Wie fällt die Antwort von jüdischer, wie von christlicher Seite aus? Welche Konsequenzen für den Umgang miteinander erwachsen aus den offen gelegten Standpunkten? Erst wenn hier geeignete Antworten gefunden sind, lässt sich die Problematik auf die Frage nach einer christlichen Mission gegenüber Juden zuspitzen. Ein wesentliches Element einer Vertiefung dieser Fragestellung muss die Klärung der Art und Weise einer solchen Mission sein. Geduld, Beharrlichkeit, Verständnis gegenüber dem anderen und Besinnung auf die eigene Identität dürften auf dem Weg der Klärung dieser Problematik hilfreich und heilsam sein. Denn eines ist sicher: Polemische Verzerrungen und die Arbeit mit Klischees und Vorurteilen sind für einen Dialog zwischen Judentum und Christentum kein Weg zum Heil!
|
|
| Autor: mat, mat@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 2000, Bennos Hütte |