Das Haus, in dem wir
wohnten, war vierstöckig und die Wohnungen im Parterre standen leer. Unsere Wohnung war
ganz oben und im Winter begann das Holz des Dachstuhls gegen uns zu arbeiten. Wenn es Wind
gab, heulte es oder aber das Holz ächzte unter der Schneelast, wenn es geschneit hatte.
Und überhaupt der Winter. Oft war ich früh der erste, der aus unserem Haus durch den
knietiefen, unberührten Schnee ging. Am Abend waren zwei Spuren dazugekommen,
Stiefelabdrücke von Lisa und die Tatzen einer Katze. Die ganze Stadt blieb zu Hause, es
waren kaum Passanten auf unserer Straße, denen ich auf den Kopf gucken konnte. Noch nie
in meinem Leben hatte ich soviel Schnee erlebt. Wir saßen oft in Decken eingehüllt in
der Küche und schauten in die kahlen Bäume.
Paul war seit Wochen nicht mehr aufgetaucht, es fanden sich weder Spuren auf
dem Küchentisch, noch knarrten nachts die Dielen im Flur. Wenn ich alleine war, stöberte
ich in seinen Schränken, schaute mir seine Fotosammlung an, las in seinen Büchern. Wir
suchten nach ihm an den Wochenenden in den Clubs. Lisa nahm einen schwarzen Kater bei uns
auf, der gern um meine Füße streifte und an meinen Socken leckte. Wir tauften ihn
Moritz, aber er hörte nicht, wenn man seinen Namen rief. Machmal saß er auf der
Fensterbank und schien in die Ferne zu schauen. Ich setzte mich dann neben ihn und wir
blickten gemeinsam in den grauen Himmel. Im Radio wurde gesagt, daß die Wettereinbrüche
zu Versorgungsproblemen führen könnten. Wenn der Strom ausfiel, stellten wir Teelichte
auf. Und als Paul wieder auftauchte und uns Lucie vorstellte, begannen wir Kohlen aus den
Kellern zu klauen. An den Sonntagen fuhren wir mit dem Zug in die Wälder, mit einem
Schlitten, auf dem wir zu viert Platz hatten. Oder wir liefen zum See, über den sich
Gruppen kleiner Punkte auf Schlittschuhen wie Eisnomaden bewegten. Noch immer wurden die
Tage kürzer und noch immer wurde die Stadt nachts von heftigen Schneefällen heimgesucht.
Die Schneeberge links und rechts der Straßen türmten sich meterhoch, die Bewohner der
Häuser schaufelten sich Schneisen frei und dort, wo ihre Autos standen, waren
Schneehaufen, aus denen die Spitzen der Außenspiegel ragten. Wer unterwegs war, war es zu
Fuß, denn die Busse und Straßenbahnen fuhren unregelmäßig. Die Läden in den
Erdgeschossen blieben geschlossen und in den Vierteln verteilte Männer in grünen
Mänteln Essenpakete und Decken vom LKW. Rohre platzen auf und riesige Eisseen machten
ganze Straßenzüge unpassierbar. Die ersten, die es traf, waren die Obdachlosen, die auf
Kartons liegend und in Zeitungen eingewickelt in den Hausfluren erfroren, obwohl, wie der
Bürgermeister im Fernsehen betonte, für jeden eine Notunterkunft bereitgestellt worden
war. Wer die Möglichkeit hatte, verließ die Stadt.
All unsere Zukunftspläne schienen in Schnee und Eis
konserviert. Wir waren gefangen in einem Gletscher und alles was uns blieb, war auf die
Schneeschmelze zu warten. An einem Samstag verfeuerten wir unser letztes Kohlenpaket und
Aussicht auf Nachschub gab es keine. Paul und ich zogen los, was aufzutreiben. Als erstes
nahmen wir die Holzverschläge aus den Kellern, später bedienten wir uns ganzer Kiefern,
die wir im Stadtwald fällten, und als der Winter in seinen letzten Atemzügen zu liegen
schien, froren wir in Aussicht auf Besserung. In den Nächten hatte ich furchtbare
Frostträume, Lisa und ich, Sibiriensex im Schnee, und dann kam Paul und zerhackte die
Jugenstilkommode, mein Zehen waren taub und ein Ohr fiel mir ab. Wir trauten unseren Augen
nicht, als eines Morgens Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen. Als der Asphalt durch
den Schnee kam. Als die Eiszapfen an der Dachrinne tropften. Wir konnten wieder über den
nächsten Morgen hinaus denken. Und während die Normalität wieder Einzug hielt,
bemerkten wir nicht, daß Moritz verschwunden war. Aber das ist schon wieder eine andere
Geschichte.
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