www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 3, Februar 2000 - zurück zur Startseite

 


 


Das Haus, in dem wir wohnten, war vierstöckig und die Wohnungen im Parterre standen leer. Unsere Wohnung war ganz oben und im Winter begann das Holz des Dachstuhls gegen uns zu arbeiten. Wenn es Wind gab, heulte es oder aber das Holz ächzte unter der Schneelast, wenn es geschneit hatte. Und überhaupt der Winter. Oft war ich früh der erste, der aus unserem Haus durch den knietiefen, unberührten Schnee ging. Am Abend waren zwei Spuren dazugekommen, Stiefelabdrücke von Lisa und die Tatzen einer Katze. Die ganze Stadt blieb zu Hause, es waren kaum Passanten auf unserer Straße, denen ich auf den Kopf gucken konnte. Noch nie in meinem Leben hatte ich soviel Schnee erlebt. Wir saßen oft in Decken eingehüllt in der Küche und schauten in die kahlen Bäume.

Paul war seit Wochen nicht mehr aufgetaucht, es fanden sich weder Spuren auf dem Küchentisch, noch knarrten nachts die Dielen im Flur. Wenn ich alleine war, stöberte ich in seinen Schränken, schaute mir seine Fotosammlung an, las in seinen Büchern. Wir suchten nach ihm an den Wochenenden in den Clubs. Lisa nahm einen schwarzen Kater bei uns auf, der gern um meine Füße streifte und an meinen Socken leckte. Wir tauften ihn Moritz, aber er hörte nicht, wenn man seinen Namen rief. Machmal saß er auf der Fensterbank und schien in die Ferne zu schauen. Ich setzte mich dann neben ihn und wir blickten gemeinsam in den grauen Himmel. Im Radio wurde gesagt, daß die Wettereinbrüche zu Versorgungsproblemen führen könnten. Wenn der Strom ausfiel, stellten wir Teelichte auf. Und als Paul wieder auftauchte und uns Lucie vorstellte, begannen wir Kohlen aus den Kellern zu klauen. An den Sonntagen fuhren wir mit dem Zug in die Wälder, mit einem Schlitten, auf dem wir zu viert Platz hatten. Oder wir liefen zum See, über den sich Gruppen kleiner Punkte auf Schlittschuhen wie Eisnomaden bewegten. Noch immer wurden die Tage kürzer und noch immer wurde die Stadt nachts von heftigen Schneefällen heimgesucht. Die Schneeberge links und rechts der Straßen türmten sich meterhoch, die Bewohner der Häuser schaufelten sich Schneisen frei und dort, wo ihre Autos standen, waren Schneehaufen, aus denen die Spitzen der Außenspiegel ragten. Wer unterwegs war, war es zu Fuß, denn die Busse und Straßenbahnen fuhren unregelmäßig. Die Läden in den Erdgeschossen blieben geschlossen und in den Vierteln verteilte Männer in grünen Mänteln Essenpakete und Decken vom LKW. Rohre platzen auf und riesige Eisseen machten ganze Straßenzüge unpassierbar. Die ersten, die es traf, waren die Obdachlosen, die auf Kartons liegend und in Zeitungen eingewickelt in den Hausfluren erfroren, obwohl, wie der Bürgermeister im Fernsehen betonte, für jeden eine Notunterkunft bereitgestellt worden war. Wer die Möglichkeit hatte, verließ die Stadt.

All unsere Zukunftspläne schienen in Schnee und Eis konserviert. Wir waren gefangen in einem Gletscher und alles was uns blieb, war auf die Schneeschmelze zu warten. An einem Samstag verfeuerten wir unser letztes Kohlenpaket und Aussicht auf Nachschub gab es keine. Paul und ich zogen los, was aufzutreiben. Als erstes nahmen wir die Holzverschläge aus den Kellern, später bedienten wir uns ganzer Kiefern, die wir im Stadtwald fällten, und als der Winter in seinen letzten Atemzügen zu liegen schien, froren wir in Aussicht auf Besserung. In den Nächten hatte ich furchtbare Frostträume, Lisa und ich, Sibiriensex im Schnee, und dann kam Paul und zerhackte die Jugenstilkommode, mein Zehen waren taub und ein Ohr fiel mir ab. Wir trauten unseren Augen nicht, als eines Morgens Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen. Als der Asphalt durch den Schnee kam. Als die Eiszapfen an der Dachrinne tropften. Wir konnten wieder über den nächsten Morgen hinaus denken. Und während die Normalität wieder Einzug hielt, bemerkten wir nicht, daß Moritz verschwunden war. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte