www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 4, Mai 2000 - zurück zur Startseite

 

Frühling (lex)

Paul hatte so einen roten Citröen Chetaux Diuex ausgeliehen, aber fahren konnte er ihn nicht. Das waren so seine Überraschungen. Wir nahmen eine Straße aus der Stadt und wenn wir beschleunigten, klappte das rechte Flügelfenster auf. Der Motor überschlug sich, es zog wie Hechtsuppe und wir konnten unser eigenes Wort nicht verstehen. Die Rollen waren also verteilt: Lisa schlief auf der Rückbank, neben Moritz, der schon zweimal mit der Pfote nach meiner Schulter gegriffen hatte. Ich hielt das weiße Kunststofflenkrad zwischen den Händen und Paul drehte die Zigaretten, ich brauchte wirklich nur mit den Fingern zu schnippsen, gleich hing ein Blättchen an seiner Zunge. In solchen Dingen ist Paul nicht kleinlich.

Frühling 1Die Buchenwälder wurden dichter, das Kopfsteinpflaster wölbte sich bedrohlich in die Höhe. Jeden Moment rechnete ich, mit dem Unterboden aufzusetzen. Über den Baumwipfeln mußte die Sonne scheinen, hier unten war es erdrückend schattig. Immer wenn uns ein Traktor entgegen kam, spielten wir das verwöhnte Stadtkinder gegen Landwirt Spiel, nur saßen wir in einer Ente und uns gegenüber Räder in der Größe von Mühlsteinen an denen Mist klebte und man konnte auch keinen Bauern erkennen, der sie sicher hätte auf seine Scholle lenken können. Und hinter sich zogen diese Ungetüme irgendwelche rasselnden Ketten über das Pflaster, daß die Funken stoben. Die Allee war sehr schmal und das Lenkrad drohte durch meinen schwitzigen Händen zu glitschen. Das letzte Dorf lag schon eine halbe Stunde hinter uns und als das Radio nur noch zusammenhangslose Wörter von sich gab, war uns der letzter Kontakt zur westlichen Welt abgebrochen. Wir hatten es also wieder mal geschafft. Wir waren weg, verschluckt von einem dunklen Wald. Niemand hatte uns verfolgt, keiner hatte uns aufhalten können, noch nicht einmal die führerlosen Traktoren, die unseren Weg kreuzten.

Wir waren jetzt noch tiefer in den Wald vorgedrungen, passierten Kreuzung um Kreuzung, und ich fand, sie sahen alle gleich aus. Wir fuhren im Kreis. Vor uns ein noch immer schmaler Forstweg, die Gräser zwischen den beiden Fahrspuren streichelten den Unterboden. Furchterregend hohe Brennesselfelder, Ameisenhaufen, ein Sumpf, manchmal Birken, manchmal Buchen, manchmal Eichen. In diesen Wäldern, das wußte ich, lebten alte Weiber, die ihre krummen Rücken gestützt auf einen Wurzelstock stützen, die Körbe mit Pilzen, Beeren, Kräutern füllten und die in Hütten wohnten, welche auf einem großen Krähenfuß standen und sich drehen konnten. In diesen Wäldern mußt Du achtsam sein, Tiere fangen an zu sprechen und eh Du Dich versiehst, bist Du mit einem Fluch belegt, einfach so, und mußt sehen wie du dich davon befreist.

Frühling 2Unsere Ente war nunmehr ein Kutsche. Wenn ich es richtig sah, hielt ich statt des Lenkrads lederne Zügel in der Hand und das Schlagen der Nockenwelle stellte sich als Galopp der Pferde heraus, die im Zaum zu halten in diesem verhexten Dickicht mir äußerst schwerfiel. Paul schien von alldem nichts zu merken, er schaute seelenruhig auf seine Karte, er sprach von einem See, den wir aufsuchen würden um uns darin zu baden. Den Teufel würde ich tun, in ein Wasser zu steigen, und nicht zu wissen, wie ich hinterher wieder rauskäme, als alter Mann vielleicht oder schlimmer noch, halb Mensch, halb Getier. Hinter mir schlief die teuerste aller Prinzessinen und ich konnte mich durch diese Dinge beim besten Willen nicht ablenken lassen. Meine Aufgabe war es, dieses zerbrechliche Geschöpf vor allen Gefahren beschützt nach Hause zu geleiten, koste es was es wolle. Der Schweiß rann mir in den Nacken, ich heizte den Pferden ein, nicht so schnell! nicht so schnell! hörte ich die Prinzessin und meinen Begleiter rufen, was sollte ich denn anderes tun. Die Eichen am Wegesrand streckten ihre Klauen nach uns aus, sie schwankten als wollten sie sich am eigenen Schopf aus dem Boden reißen. Und eines dieser Ungeheuer schaffte es tatsächlich, es taumelte zu Boden, es drehte sich noch im Fallen, um seine seine schreckliche Fratze zu zeigen und ließ sich mit einem lauten Krachen quer über den Weg nieder. Die Pferde scheuten, sie rissen ihre Körper in die Höhe, ihre Mähnen wirbelten wild, in ihren - und in meinen Augen - flackerte das blanke Entsetzen. Ich wurde aus dem Hochsitz geworfen. Ich taumelte ins Gras und plötzlich lag ich still und sah in den Himmel und davor schob sich der Kopf meiner Prinzessin und sie streichte besorgt ihre Hand über meine Stirn und der Begleiter erschien kopfschüttelnd und er goß Wasser aus einer Flasche über mein Gesicht. Ich richtete mich auf: Da war keine Kutsche, sondern ein Auto und seine Kühlerhaube hing zerknautscht am Pfosten eines Wegweisers auf dem Rotes Luch stand und das Gesicht der Ente wirkte so traurig und entstellt, daß es mir in der Seele weh tat.

Sie schleppten mich auf die Rückbank zum Kater, der leckte abwechselnd durch sein Fell und an meiner Schläfe. Lisa setzte sich an das Steuer, richtig, sollten sie doch einen Weg aus diesem Schlamassel finden. Durch das Fenster sah ich die Baumkronen über mir vorbeiziehen , sie wirkten jetzt gar nicht mehr furchteinflößend, eher zart, als streichelten sie das Dach unseres Gefährts, denn es war ja Frühling und das Grün ihrer Blätter war leicht und zart.

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte