| Frühling (lex) Paul hatte so einen roten Citröen Chetaux Diuex ausgeliehen,
aber fahren konnte er ihn nicht. Das waren so seine Überraschungen. Wir nahmen eine
Straße aus der Stadt und wenn wir beschleunigten, klappte das rechte Flügelfenster auf.
Der Motor überschlug sich, es zog wie Hechtsuppe und wir konnten unser eigenes Wort nicht
verstehen. Die Rollen waren also verteilt: Lisa schlief auf der Rückbank, neben Moritz,
der schon zweimal mit der Pfote nach meiner Schulter gegriffen hatte. Ich hielt das weiße
Kunststofflenkrad zwischen den Händen und Paul drehte die Zigaretten, ich brauchte
wirklich nur mit den Fingern zu schnippsen, gleich hing ein Blättchen an seiner Zunge. In
solchen Dingen ist Paul nicht kleinlich.
Die Buchenwälder wurden dichter, das
Kopfsteinpflaster wölbte sich bedrohlich in die Höhe. Jeden Moment rechnete ich, mit dem
Unterboden aufzusetzen. Über den Baumwipfeln mußte die Sonne scheinen, hier unten war es
erdrückend schattig. Immer wenn uns ein Traktor entgegen kam, spielten wir das verwöhnte
Stadtkinder gegen Landwirt Spiel, nur saßen wir in einer Ente und uns gegenüber Räder
in der Größe von Mühlsteinen an denen Mist klebte und man konnte auch keinen Bauern
erkennen, der sie sicher hätte auf seine Scholle lenken können. Und hinter sich zogen
diese Ungetüme irgendwelche rasselnden Ketten über das Pflaster, daß die Funken stoben.
Die Allee war sehr schmal und das Lenkrad drohte durch meinen schwitzigen Händen zu
glitschen. Das letzte Dorf lag schon eine halbe Stunde hinter uns und als das Radio nur
noch zusammenhangslose Wörter von sich gab, war uns der letzter Kontakt zur westlichen
Welt abgebrochen. Wir hatten es also wieder mal geschafft. Wir waren weg, verschluckt von
einem dunklen Wald. Niemand hatte uns verfolgt, keiner hatte uns aufhalten können, noch
nicht einmal die führerlosen Traktoren, die unseren Weg kreuzten.
Wir waren jetzt noch tiefer in den Wald vorgedrungen,
passierten Kreuzung um Kreuzung, und ich fand, sie sahen alle gleich aus. Wir fuhren im
Kreis. Vor uns ein noch immer schmaler Forstweg, die Gräser zwischen den beiden
Fahrspuren streichelten den Unterboden. Furchterregend hohe Brennesselfelder,
Ameisenhaufen, ein Sumpf, manchmal Birken, manchmal Buchen, manchmal Eichen. In diesen
Wäldern, das wußte ich, lebten alte Weiber, die ihre krummen Rücken gestützt auf einen
Wurzelstock stützen, die Körbe mit Pilzen, Beeren, Kräutern füllten und die in Hütten
wohnten, welche auf einem großen Krähenfuß standen und sich drehen konnten. In diesen
Wäldern mußt Du achtsam sein, Tiere fangen an zu sprechen und eh Du Dich versiehst, bist
Du mit einem Fluch belegt, einfach so, und mußt sehen wie du dich davon befreist.
Unsere Ente war nunmehr ein Kutsche. Wenn
ich es richtig sah, hielt ich statt des Lenkrads lederne Zügel in der Hand und das
Schlagen der Nockenwelle stellte sich als Galopp der Pferde heraus, die im Zaum zu halten
in diesem verhexten Dickicht mir äußerst schwerfiel. Paul schien von alldem nichts zu
merken, er schaute seelenruhig auf seine Karte, er sprach von einem See, den wir aufsuchen
würden um uns darin zu baden. Den Teufel würde ich tun, in ein Wasser zu steigen, und
nicht zu wissen, wie ich hinterher wieder rauskäme, als alter Mann vielleicht oder
schlimmer noch, halb Mensch, halb Getier. Hinter mir schlief die teuerste aller
Prinzessinen und ich konnte mich durch diese Dinge beim besten Willen nicht ablenken
lassen. Meine Aufgabe war es, dieses zerbrechliche Geschöpf vor allen Gefahren beschützt
nach Hause zu geleiten, koste es was es wolle. Der Schweiß rann mir in den Nacken, ich
heizte den Pferden ein, nicht so schnell! nicht so schnell! hörte ich die Prinzessin und
meinen Begleiter rufen, was sollte ich denn anderes tun. Die Eichen am Wegesrand streckten
ihre Klauen nach uns aus, sie schwankten als wollten sie sich am eigenen Schopf aus dem
Boden reißen. Und eines dieser Ungeheuer schaffte es tatsächlich, es taumelte zu Boden,
es drehte sich noch im Fallen, um seine seine schreckliche Fratze zu zeigen und ließ sich
mit einem lauten Krachen quer über den Weg nieder. Die Pferde scheuten, sie rissen ihre
Körper in die Höhe, ihre Mähnen wirbelten wild, in ihren - und in meinen Augen -
flackerte das blanke Entsetzen. Ich wurde aus dem Hochsitz geworfen. Ich taumelte ins Gras
und plötzlich lag ich still und sah in den Himmel und davor schob sich der Kopf meiner
Prinzessin und sie streichte besorgt ihre Hand über meine Stirn und der Begleiter
erschien kopfschüttelnd und er goß Wasser aus einer Flasche über mein Gesicht. Ich
richtete mich auf: Da war keine Kutsche, sondern ein Auto und seine Kühlerhaube hing
zerknautscht am Pfosten eines Wegweisers auf dem Rotes Luch stand und das Gesicht
der Ente wirkte so traurig und entstellt, daß es mir in der Seele weh tat.
Sie schleppten mich auf die Rückbank zum Kater, der
leckte abwechselnd durch sein Fell und an meiner Schläfe. Lisa setzte sich an das Steuer,
richtig, sollten sie doch einen Weg aus diesem Schlamassel finden. Durch das Fenster sah
ich die Baumkronen über mir vorbeiziehen , sie wirkten jetzt gar nicht mehr
furchteinflößend, eher zart, als streichelten sie das Dach unseres Gefährts, denn es
war ja Frühling und das Grün ihrer Blätter war leicht und zart. |