| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 4, Mai 2000 - zurück zur Startseite |
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Die Geschichte der Hirschbar beginnt, wo viele gute Geschichten der Berliner Clubszene anfangen, in der Zeit kurz nach der Wende und dem räumlichen wie künstlerischen Freiraum, der dort entstanden war.
Natascha, Künstlerin und Partyorganisatorin aus Berlin, im Interview (rob)
Q: Natascha, wo und wie ist die Hirschbar entstanden?
1993/94 haben wir das erste Mal damit angefangen, kleine Parties zu
machen, in einer Fabriketage, die uns als Wohnung, Atelier und Proberaum gedient hat. Das
war einmal in der Woche, mit den Musikern, die auch im Proberaum gearbeitet haben. In
Verbindung mit unserer künstlerischen Arbeit ist die Deko für die Parties entstanden.
Die Musik, die damals gespielt wurde, war Rock, Blues und Independent. Das war finanziell
nicht so der große Renner, aber es hat Spaß gemacht. Es war eine sehr familiäre
Atmosphäre, wie ein Wohnzimmer, in dem man Leute getroffen hat, die im selben oder
ähnlichen Bereich gearbeitet haben wie du. Es gab einen Austausch, über den neue
Projekte entstanden sind. Und da haben wir gesagt, ok, das machen wir nächsten Winter
wieder.
Im Winter darauf war unsere finanzielle Situation so schlimm, daß wir
das Ganze ein bißchen straffer organisieren mußten. Da haben wir zum Beispiel einen
richtigen Tresen gebaut, statt unseres Küchentischs als Bar. Und als wir dann so drei
Monate am Wursteln waren, zogen oben im Haus die Leute vom WTF ein.
Wir hatten erfahren, daß das WTF am selben Tag wie wir eine Party angesetzt hatte. Da
sind wir hochgegangen, haben uns freundlich vorgestellt, und haben vorgeschlagen, ob wir
die Party nicht zusammen machen können, weil es doch Scheiße wäre, in einem Haus
gegeneinander zu arbeiten. Wir kommen alle ursprünglich aus der Hausbesetzerszene, und da
hat man ja eh eine etwas andere Einstellung zu Nachbarn. Die fanden das auch ganz prima,
und dann haben wir uns darauf geeinigt, bei uns ist Chillout, und bei denen ist der
Dancefloor.
Der Abend endete damit, daß die DJ's von oben herunterkamen, und fragten, ob sie nicht
lieber bei uns auflegen könnten, und die Gäste von oben auf einmal bei uns rumhingen.
Wir hatten das zuerst gar nicht so registriert.
Dann hat es nicht mehr lange gedauert, bis Scout bei uns auf der Matte stand, und sagte:
"Kinder, es wird Zeit, daß hier mal ein bißchen Techno gespielt wird.", damit
auch mal ein bißchen Kohle in die Bude kommt. Scout, Audio-Sex, Kristalis und später
noch Gamma-Ray haben uns dann quasi als Location etabliert, weil sie schon ein festes
Publikum hatten.
In diesem Winter 1994/95 lief bei uns hauptsächlich Acid und Hardtrance. Dann, im Frühling schleppte ein guter Freund von uns einen jungen Mann an, der grade aus Indien kam und nun in Berlin einen Ort suchte, wo er auflegen kann. Wir haben gesagt: "Ja, klar, leg' mal Deine Kassette ein, laß uns das mal anhören, was Du mitgebracht hast" - und das war Goa-Trance. Wir hatten diesen Sound bis dato nie gehört, es gab nur eine ganz ganz kleine Szene in Berlin, da kannte jeder jeden. Er legt also die Kassette ein, und wir haben gesagt: "Das isses, das wollen wir auch in Zukunft spielen."
Q: Wer war dieser DJ?
Das war Dominique Sangeet. So hat sich der Hirsch-Sound entwickelt, als Mischung aus Trance, Hardtrance, Acid und Techno.
Q: Ab wann hieß es eigentlich Hirschbar?
Von Anfang an. Ich hatte mich für den Namen und das Logo entschieden, der ganze Style in und um den Laden herum ist ursprünglich auf meinem Mist gewachsen.
Q: Es ist interessant, daß es über die ganzen Jahre nie einen Club gab, der den Goa-Sound so vertreten hat wie ihr. In Berlin gab es für Goa eigentlich immer nur eine Adresse, die Hirschbar.
Wir hatten diese Nische nicht aus marktstrategischen Gesichtspunkten ausgewählt, wir hatten den Sound gehört und uns in den Sound verliebt. Daß wir da eine neue Szene etabliert haben und quasi eine neue Technosparte in der Stadt ins Leben gerufen haben, war uns damals überhaupt nicht bewußt. Die Ausmaße, die es letztendlich angenommen hat, waren nicht beabsichtigt, da haben wir staunend davor gestanden.
Q: Die Parties damals fanden ziemlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, ihr hattet zwar keine Gesichtskontrollen, aber so ein "members only"-Ding mit Clubkarten. Ihr hättet doch auch sagen können, wir haben hier einen neuen Sound, den alle interessierten Leute hören können.
Nee, wir wollten einfach unseren "Family-Salon" behalten. Es
war ja nicht nur ein Club, wir haben da gewohnt und unsere Ateliers gehabt, es war alles
offen. Deshalb haben wir uns nur über Mundpropaganda verbreitet. Es war gar nicht
beabsichtigt, daß es richtig öffentlich wird.
Später konnten wir vor der Entwicklung nicht mehr die Augen zumachen. Wenn plötzlich 500
Leute vor der Tür stehen und du weißt nicht, woher die kommen, spielt natürlich auch
das Ego eine Rolle. Einerseits habe ich die Möglichkeit gesehen, meine Bilder zu
verkaufen, andererseits war es auch angenehm, endlich die Miete pünktlich zahlen zu
können.
Das Auswahlverfahren lief einfach so, daß wir nette Leute haben wollten. Wir hatten
keinen Bock auf Prolls, wir hatten auch keinen Bock auf Leute, die, wenn sie Eintrittsgeld
zahlen, der Meinung sind, sie können sich alles leisten und alles nehmen. Wir haben damit
viele Probleme gehabt. Es ist viel geklaut und kaputt gemacht worden, weil die Leute nicht
kapiert haben, daß sie sich in einem privaten Raum befinden. Wenn viel geklaut und
kaputtgemacht wurde, hat sich parallel dazu auch die Türpolitik geändert. Das war
nichts, was wir wollten. Wir wollten nicht elitär sein. Wir haben damals nur versucht,
uns zu schützen. Dazu kam auch noch, daß die Parties illegal waren und daß wir ein sehr
hohes Risiko zu tragen hatten. Ein Rausschmiß hätte für uns bedeutet, kein Atelier,
kein Proberaum, keine Werkstatt, kein Zuhause mehr.
Q: Aber irgendwann musstet ihr von der Holzmarktstraße wegziehen.
Im Gebäude an der Jannowitzbrücke war im Sommer 1996 der Punkt
erreicht, an dem wir soviel Ärger bekommen hatten, daß wir nicht mehr weitermachen
konnten. Wir hatten zum Beispiel permanenten Streß mit der Presse, weil wir nicht in die
Zeitung wollten, die aber über uns geschrieben haben, was zur Folge hatte, daß das
Gewerbeamt plötzlich in der Tür stand.
Dazu kam, daß sich das WTF nicht an die Spielregeln gehalten hat. Ständig sind die
Bullen eingerückt, wegen zu hoher Lautstärke zum Beispiel. Das WTF hat oben die Fenster
aufgehabt, die Bullen sind bei uns rein und haben die Anlage konfisziert. Das ging ein
halbes Jahr so, und dann hatten wir so viel Scheiße am Hals, das wir einfach mattgelegt
waren. Wir waren gezwungen, uns Wohnungen zu suchen, und haben auf dem Güterbahnhof
Revaler Straße/Warschauer Straße unser neues Atelier/Werkstatt/Proberaum eingerichtet.
Dort haben wir viel Pech gehabt. Zuerst hatten wir alles anders
aufgezogen. Wir hatten einen Raum für die Parties, wo man nix kaputtmachen oder klauen
kann, und wo eine Stahltür vor der Werkstatt ist. Das war leider so. Es mußte auch eine
harte Türpolitik gemacht werden, weil es immer öfter Idioten gab, die jemandem auf
einmal ein Messer an den Hals gehalten haben und solche bescheuerten Sachen. Dann ging der
große Dealerkrieg los, wo dann irgendwelche Mädels auf einmal bewußtlos auf dem Klo
lagen, weil sie irgendwelche Scheiße verkauft bekommen haben. Da muß man drauf
reagieren.
Wir haben einen großen Teil unseres Stammpublikums auf der Revaler verloren, weil sie die
Veränderung nicht verstehen konnten.
Tja, dann waren wir da drei Monate drin, und dann haben sie uns den
Laden angezündet.
Bevor sie ihn angezündet haben, haben sie noch alles rausgeholt. Die Werkstatt
leergeräumt, den Proberaum leergeräumt, die Lichttechnik mitgenommen, sogar das Leergut
geklaut. Dann haben sie den Rest angezündet. Danach haben sie das Atelier aufgebrochen
und alles kaputtgemacht, Bilder, die ich im Laufe von 10 Jahren gemalt habe, sind in einer
Nacht zu Klump geschlagen worden.
Danach war alles aus. Wir hatten keine Kohle, alle Geräte waren weg, wir waren psychisch demoralisiert und innerhalb der Gruppe total zerstritten. Dann war ein Jahr Pause.
Q: Wart Ihr irgendwie versichert?
Nee.
Q: Das darf man sich gar nicht vorstellen.
Es war Horror. Wir sind nie dahintergekommen, wer es war, keine Ahnung. Diese Sache war der Grund, warum wir nie wieder eine eigene Location hatten.
Q: Aber ihr habt weitergemacht.
Ja. Ich habe bei aller Kunst- und Kulturarbeit, die ich gemacht habe, immer darauf geachtet, nicht nur selbst produzieren, sondern Formen zu schaffen, mit denen das Geschaffene nach außen präsentiert werden kann, weil ich das für sehr wichtig halte. Und im Laufe der Jahre hängt da auch mein Herz dran. Es ist unglaublich einfach, sich hinzustellen, und zu sagen, "früher war das in Berlin viel schöner, da war es lustiger, es gab mehr zu gucken, und die Musik war besser" - aber man muß ja auch was für tun. Genauso Scheiße finde ich die Einstellung von Künstlern, die sich in ihren Elfenbeinturm zurückziehen und nur für sich produzieren und sich ihren eigenen Arsch streicheln, aber für die Grundsituation nichts tut. Deswegen habe ich weitergemacht.
Im Frühjahr 1998 haben wir die Hirschbar zurück ins Leben gerufen, im
Pfefferberg Subground, und ich habe mich dort sehr für ein Zusammenwirken von DJs und
Musikern eingesetzt. Seitdem gibt es die Live-Acts in der Hirschbar.
Die Parties haben sich zu dieser Zeit verändert. Man kannte immer weniger Leute, so hat
sich auch die Grundatmosphäre verändert. Es gab mehr Abchecken der Leute untereinander,
und auch diese Anonymität, die in der Clubszene häufig entsteht. Die Leute sind deutlich
jünger geworden, es gab mehr Leute aus dem Umland, die eine Fahrgemeinschaft organisiert
haben, um zu Parties zu fahren. Es gab mehr kommerziell orientierte Leute.
Q: Hat sich das auch auf euren Stil ausgewirkt?
Nein, da bin ich stur, da sage ich, friß oder stirb. Nur die Ausstattung haben wir verändert, es gab keine kleine Sachen mehr, die man leicht in die Tasche stecken kann, der Rest wurde "abwaschbar" gestaltet.
Q: Die Ausstattung spielt für Dich eine sehr wichtige Rolle. Im Artikel in der letzten Hütte hatte ich die Party im Subground beschrieben, wo über der Tanzfläche ein Tarnnetz mit unzähligen Margaritenblüten gespannt war. Das ist doch unglaublich aufwendig, besonders, weil ihr euch jedesmal eine andere Deko ausdenkt und gestaltet.
Ja, acht Stunden auf der Leiter stehen. Ich habe von dieser Party auch nicht viel gehabt. Nach zwei Stunden bin ich ins Bett gegangen, weil ich völlig fertig war.
Für mich ist jede Party etwas Eigenständiges, wir haben kein Baukastenprinzip, aus dem wir uns bedienen. Wir arbeiten auch nur mit Leuten zusammen, die wir persönlich gerne mögen, was uns intern angeht, ist es "unsere" Party. Das ist vielleicht auch ein Unterschied zu anderen Parties, wo der Türsteher schon muffig ist. Dieser erste Eindruck begleitet Dich dann durch den ganzen Laden. Ich finde, man hat es verdient, daß man mal angelächelt wird, und daß man sich nicht entschuldigen muß, wenn man ein Bier trinken will. Ich glaube, daß viele Leute das auch zu schätzen wissen, sonst hätten wir ja nicht unser Publikum.
Q: Rechnet sich der Aufwand denn finanziell?
Ich sage mal so, wenn wir die Parties minimalistisch gestalten würden, dann könnten wir von den Parties gut leben. Dadurch, daß wir diesen hohen Aufwand betreiben, haben wir immer wieder ein sehr hohes Risiko.
Q: Dein neues Projekt heißt "Electric Rodeo" (Bennos Hütte berichtete). Entschuldige die Frage, aber wie kommt man dazu, Electro und Breakbeat mit Country und Western zu verbinden?
Das ist doch eigentlich ganz klar, oder? (lacht)
Ein guter Freund von mir, DJ Spit, hat bei Evosonic Radio eine Sendung gemacht, und die
hieß "Breakbeat Rodeo". So gesehen geht diese Mischung auf sein Konto. Ich habe
dann nicht mehr oder weniger gemacht, als das zu einem Konzept zu formen. Die Livemusiker,
die dort auftreten, sind alles Leute, die damals schon in unserer Fabriketage mit dabei
waren. "Bruno Adams and the lost Weekenders" zum Beispiel. Das sind alles alte,
liebe Freunde.
Die Barriere zwischen Musiker und DJ ist immer noch unglaublich groß. Das liegt zum einen daran, daß Anfang der 90iger, als hier alles anfing, eher die Bands präsent waren. Dann kam Techno, und die Bands wurden durch DJs abgelöst, es gab keine Auftrittsmöglichkeiten mehr für Bands, die DJs haben horrende Honorare verdient, und die Bands haben Müll geschippt, um zu überleben. Deshalb haben viele Musiker Vorbehalte gegenüber DJs. Es ist nicht so einfach, das aus den Köpfen rauszubekommen. Daher auch mein Anliegen bei der Rodeogeschichte, weil ich einfach sehe, daß die Mischung aus beiden etwas ganz tolles ergeben kann.
Q: Ist Electric Rodeo von Deinem Standpunkt aus erfolgreich?
Inhaltlich ja. Finanziell ein totales Desaster. Leider sind wir gezwungen, uns eine andere Location für die Parties zu suchen. Dazu kommt, daß die Jungs von der Band den ganzen April in Amerika sind, für Plattenaufnahmen. Und jetzt kommt der Sommer, da brauchen wir in Berlin keine Indoor-Veranstaltungen aufzubauen. Das heißt, wir werden frühestens im September weitermachen mit "Electric Rodeo". Im Winter ist dann eine Tour durch Deutschland geplant. Weißt Du, so wie das früher bei den Rodeos auch war. Das musikalische Konzept wird noch durch einen elektronischen Live-Act erweitert.
Letztendlich steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen, wir sind dabei herauszufinden, was man machen kann, was inhaltlich möglich ist und wie man es am besten realisieren kann.
Natascha, vielen Dank für das Gespräch.
Hirschbar im Netz: http://www.hirschbar.de |
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