www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 4, Mai 2000 - zurück zur Startseite

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Moskau (zugesandt von Sandra, Berlin)

Seit einiger Zeit fahre ich mehrmals im Jahr nach Moskau. Die Euphorie, wie ich sie zu dem ersten, kürzeren Besuch verspürte, ist längst vergangen. Dennoch zieht es mich immer wieder mit großer Neugier und neuer Hoffnung hierher.

Mir hat mal einer gesagt: "Was erwartest Du? Hab ein wenig Geduld! Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. So ein gesellschaftlicher und politischer Transformationsprozeß braucht eben seine Zeit! Und schau Dir mal an, wie riesig Rußland ist und was die nicht alles unter einen Hut bekommen müssen in ihrer Föderation!" Da mußte ich ihm recht geben. Mir fiel dann noch ein, daß man sich hier ja nicht nur an den Kapitalismus und den freien Markt wieder gewöhnen müsse, wie die anderen ehemaligen Ostblockstaaten (wenn freilich auch nach sehr langer Zeit). Nein, in Rußland gibt es zwar schon lange technisches und auch kulturelles know how, auch an die neuen Marktmechanismen hat man sich schnell gewöhnt, oft einfach aus der puren Not heraus, aber eine freie, demokratische Gesellschaft - wie soll das denn gehen?!

Wie lange sollen die Russen noch warten? Für manch einen geht es ums nackte Überleben! Am kommenden Wochenende sind Wahlen. Der Gewinner steht schon fest: Wladimir Putin, der Interimspräsident, dessen spärliche Äußerungen zum angestrebten politischen Kurs viel Anlaß zu Spekulationen und Interpretationen geben. Aber eigentlich weiß man nichts Genaues. Nun ja, er ist KGB-Zögling, spricht fließend Deutsch, läßt sich nie Erregung anmerken, wirkt glatt, alles prallt an ihm ab, deswegen wird er hierzulande auch der 'eiserne Putin' genannt.

Ach ja, da war ja noch die Sache mit der fast schon genial eingefädelten Wegbereitung. Jelzin begibt sich zu einem denkwürdigen Datum in den Ruhestand, nicht ohne vorher dem Kronprinzen eine reibungslose Thronfolge zu ermöglichen. Niemand hatte damit gerechnet, daß 1) Zar Boris das Schlachtfeld lebendig verläßt, und daß 2) der neue Premier (nach so vielen Vorgängern) der Auserwählte sein sollte.

Was sagen denn die Russen zu solchen Wahlpraktiken? Die Meisten meinten bisher total resigniert, daß es doch egal sei, welches Marionettentheater gerade gespielt würde. Ob Kommunisten oder Liberale, hinter Allem stünden eh die Oligarchen, allen voran Beresowski, der zwielichtige Finanzier, Fernsehstationenbesitzer und Jude (ich erwähne es nur, weil diese Herkunft in Rußland alles zu erklären scheint). Und es gibt auch noch einige andere reiche, gesetzesuntreue, monopolistisch-manipulierende Elemente. Doch mit Putin scheint die Hoffnung auf bessere, gerechtere Zeiten wieder zu steigen. Man klammert sich an ihn. Das ist schon traurig mitanzusehen, wie das erst abhanden gekommene Vertrauen in die russische Obrigkeit, das nationale Bewußtsein und die Motivation der russischen Wähler zur Wahlurne zu gehen ausgerechnet durch putinsche Versprechen, wie `gemäßigter Liberalismus` und die Überwindung der Schmach des ersten Tschetschenienkrieges durch einen eindeutigen, endgültigen Sieg über die Banditen ausgelöst werden.

Neues Spiel - neues Glück, scheint man sich hierzulande zu denken. An Motivation und Arbeit denkt man wohl nicht so gerne. Verständlich, meine ich. Man weiß nie, ob die Früchte der Arbeit von der Steuer verschlungen werden, oder ob es morgen nicht vielleicht schon wieder ganz anders kommt. Manche wünschen sich auch den Zar zurück. An den sind die Erinnerungen wohl schon ein wenig verblaßt. Auch stalinsche Zeiten, dessen Anhänger einträchtig mit Jungfaschisten gegen Gorbatschow und auch gegen Jelzin demonstrieren, sind anscheinend längst als `doch nicht so schlimm gewesen` abgehakt. Putin scheint von Allem ein bißchen in sich zu tragen.

Das Ausland scheint wenig beunruhigt ob der Ereignisse in Rußland. Mit Putin hat man sich schon arrangiert und was soll man schon gegen Tschetschenien sagen. Der Westen hatte doch gerade erst sein Kosovo-`Problem` und die Russen haben zwar gemurrt und gewettert, aber es doch schließlich geduldet. Das wäre ja jetzt unfair, sich in Tschetschenien einzumischen.

So macht man eben die große Politik - mit Kompromissen. Nur manchmal hege ich den paranoiden Gedanken, daß man sich im Westen ja sogar freuen könnte über den Krieg. Der scheint die russische Wirtschaft nicht wirklich anzukurbeln. Ich will darüber auch gar nicht spekulieren. Dazu kenne ich mich mit Marktmechanismen zu wenig aus. Ich weiß nur, daß er ausländische Investoren keineswegs abschreckt. Abschreckend wirken da eher die Mühlen der Bürokratie und die ausgestreckten Hände derjenigen, die ein Stück vom großen Kuchen kosten möchten.

Was bewirkt denn der Krieg in den Gemütern der Menschen? Wirklich kriegsgeil ist niemand.

Trotzdem sind die einzigen, die heulen, die Soldatenmütter. So ein Krieg eint eben. Man fühlt sich stark. Gemeinsam schaffe man alles. Dieses Gefühl war schon länger als neun Jahre nicht mehr da. Es wäre auch nicht so groß; man ist schließlich müde und hat andere Sorgen. Aber da haben die Medien ganze Arbeit geleistet. Es ist von der nötigen Vernichtung der Banditen und verbrecherischer islamistischer Fundamentalisten die Rede und man verweist auf Bassajews Überfall auf Dagestan. Die Zahlen über Opfer auf russischer Seite werden oft verschwiegen oder komplett gefälscht. Ein Sieg sei bald in Sicht. Dummerweise nur hat man ein ganzes Land dem Erdboden gleichgemacht. Fragt sich nur, wieviele wirkliche Banditen dabei getroffen wurden. Ausgerechnet Putin hat neulich im russischen Fernsehen ein Kind zitiert, das nicht verstand, wie eine ganze Nation aus Banditen bestehen solle und ob Banditentum nicht eher eine Profession sei? Es gibt in Tschetschenien zweifellos mafiose Strukturen. Auch die Fundamentalisten sind schwer einzuschätzen. Auf alle Fälle boten die einen prima Anlaß, einen Krieg zu rechtfertigen: 'Rußland der Beschützer des Ostens', die NATO kann schließlich nicht alles alleine machen und braucht sich deshalb auch nicht einzumischen. Die Sache nimmt und nimmt aber kein Ende. Die Zivilbevölkerung hat sich so lange es ging verteidigt. Wer läßt sich auch gerne ausbomben. Tragischerweise sind Teile der Bevölkerung seit jeher pro-russisch eingestellt. Sie meinen, daß es sich mit Russland besser leben ließe.

Gelitten haben mal wieder all jene, die nur Opfer sein können: die Frauen und die Kinder. Viele elternlose Kinder verstecken sich noch in den Kellern von Grosny. Sie haben nicht einen 'militärischen Einsatz' erlebt, wie so oft beschwichtigend geschrieben wird. Diese Kinder sahen ihre Eltern und Familien sterben - russische und tschetschenische Kinder. Es gibt eine Frau, Tschetschenin, namens Chatyschat, die alle diese Kinder zu retten versucht. Sie sucht die Waisen in Kellern und zerstörten Häusern, muß sie erst adoptieren und schafft sie dann nach Inguschetien und in die Ukraine. Das ZDF hat darüber berichtet und Cap Anamour hat (bisher die einzige Initiative) ein Spendenkonto eingerichtet. Ich möchte diesen Artikel, auch in Anbetracht der geringen internationalen Anteilnahme, dazu nutzen, die Leser zum Spenden aufzurufen. Wenn vielleicht nicht die Leser selbst, dann haben vielleicht ihre etwas wohlsituierteren Angehörigen die Möglichkeit zu helfen? Diese Kinder haben keine große Lobby und erst recht keine Betten oder Kleidung oder Medikamente.

Spendenkonto:
Cap Anamour; Stichwort: Tschetschenien
Stadtsparkasse Köln
KN: 2222222; BLZ: 37050198

Vielen Dank im Voraus!

 

Autor: sandra, benno@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte