| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 4, Mai 2000 - zurück zur Startseite |
Die Geschichte der Bibel, Teil2, aus: Bennos Hütte - Ausgabe 4, Mai 2000. Fortsetzung des Artikels "Biblisches" aus Ausgabe 3; http://www.bennoshuette.de
Unterwegs im Buch der Bücher
Die Geschichte der Bibel, Teil 2
...noch ganz in Gedanken an Mose und seinen
wundersamen Weg durch das Schilfmeer versunken merkte ich zuerst gar nicht, dass wir schon
nach wenigen Schritten an einem großen Platz angekommen waren, auf dem ein geschäftiges
Treiben herrschte. Jetzt aber schaute ich mich voll Neugier um: Händler boten hier
"Wein von Helbon" und "Wolle von Zachar" feil - jedenfalls deutete er
diesen Kauderwelsch so, ich verstand nicht ein Wort. Und dort, an einem der Marktstände,
wurde gerade um den Preis für eine Kanne Öl gefeilscht: Ein buckliger Mann verlangte
wohl mehr, als die junge Frau vor dem Stand bereit war zu zahlen - sie schien jedenfalls
heftig auf den Alten loszuschimpfen. Der seichte Wind, der über den Platz wehte, blies
dabei in ihre edlen Kleider und es war mir, als streichelte er sanft ihr wunderschön
schwarzes Haar - Ach, dachte ich bei mir, einmal Wind sein...
"Oh Jerusalem! Du geliebte, du heilige, du ewige Stadt, wie gern kehre ich doch zu dir zurück! Ist in dir nicht der Stein aller Weisheit und Herrlichkeit gelegt? Bist du nicht das gehütete Kleinod der Juden, eine Pilgerstätte der Muslime und die Schicksalsstadt der Christenheit? Jerusalem, ich grüße dich und wünsche dir Frieden und Wohlergehen allezeit!"
Jerusalem... Dieses Nest mit seinem staubigen Marktplatz und einer Handvoll armseliger Steinhäuser sollte die stolze Stadt Jerusalem sein? Und wo war nur der berühmte Tempel, der Wohnort des allmächtigen und heiligen Gottes Israels? Beschämt musste ich aber erfahren, dass auch die stolze Stadt Jerusalem in ihren Anfängen einem zarten Pflänzlein glich und erst im Laufe der Jahrhunderte zu der Größe und Pracht eines stattlichen Baumes heranwuchs.
Schon setzte er sich wieder in Bewegung und steuerte zielstrebig auf das größte Gehöft am Platze zu - wir hinterdrein. Putz bröckelte von der Fassade, das Dach schien erst halbfertig: Wenn das der berühmte Tempel Jahwes sein sollte, dann konnte dieser Gott nicht sehr wählerisch sein. Lediglich die fremdartigen Klänge, die aus dem Innern des Gebäude hinaus auf den Platz drangen, ließen erahnen, dass wir tatsächlich vor der heiligen Wohnstätte des Gottes Israels standen. "Nachdem der prunkvolle Salomonische Tempel von Nebukadnezar geschliffen worden war - ich glaube, das muss im Jahr 595 vor Christi Geburt gewesen sein - mussten die Juden lange Zeit ganz ohne einen Wohnort Gottes auskommen. Als Teile der Vertriebenen aus dem babylonischen Exil zurückkehrten, galt es zuerst, diesen Missstand zu beheben und den Tempel wiederaufzubauen. Mit Gold und Silber konnte man in der damaligen Notzeit nicht protzen und so entstand diese bescheidene Halle. Ehrlich gesagt mag ich sie sogar lieber als diesen klobigen Monumentalbau, den Herodes später errichten ließ."
Das rege Treiben auf dem Platz, das ich vorhin schon bemerkt hatte, ging offenbar vom Tempel aus. Es herrschte hier so ein Gedränge und Geschiebe, dass es eigentlich aussichtslos schien, wenigstens nur einen Blick in den Vorraum des Heiligtums zu wagen. Alles, was uns im Augenblick zu tun übrig blieb, war, der kommenden Dinge zu harren. Und während wir rätselten, was es denn mit der versammelten Menge auf sich habe, ging ihm allmählich ein Licht auf: "Hmmm... ja - das muss es sein! ....Was für ein großes Glück! ...Nur einmal im Jahr findet es statt und gerade heute, an diesem großen Tag, kann ich hier sein... Oh, welch ein Glück!" Wir wollten natürlich wissen, ob auch wir uns beglückwünschen könnten und was denn der eigentliche Grund dafür sei.
"Wie ihr sicherlich wisst, war der letzte vorexilische König Israels gemeinsam mit den "oberen Zehntausend" seines Volkes nach Babylonien deportiert wurden. Die Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der Monarchie aber blieben lebendig - so aussichtslos sie angesichts der tatsächlichen Machtverhältnisse dieser Zeit auch waren. Wie konnte man mit diesem Zwiespalt leben? Schlecht, wenn man nicht eine passende Antwort fand. Diese Antwort war die Idee des Gottkönigtums Jahwes, des Gottes der Erzväter und Erretters aus der ägyptischen Knechtschaft - davon habt ihr bereits gehört. Der Gott Israels, so hieß es jetzt, er war der eigentliche Herr der Geschichte und Fürst über alle Reiche der Welt."
Babylonien dort, Ägypten hier, erst die verrückten Masoreten, jetzt diese auf ihren König versessenen Juden... Ich fühlte mich überfordert und, dass ich bei 45 Grad in der prallen Sonne röstete, machte es auch nicht gerade besser. Kein netter Eisverkäufer in der Nähe, kein Sonnenschirm zur Hand... Statt dessen eine Einführung in die Geschichte Israels; hatte es nicht anfangs geheißen: Wir begeben uns auf eine Reise in die Bibel? Aber richtig, ich erinnerte mich: Er hatte uns auch gesagt, dass die Bibel vor allen Dingen Geschichte erzählen will. Ich glaubte, ich begann zu verstehen...
"Alles, was ich gerade gesagt habe, ist eine Theorie der Bibelforscher. Sie fanden in der Heiligen Schrift der Juden viele Texte, die von den Königen Israels und Judas Bericht geben, und einige Verse, in denen von der Königsherrschaft Gottes die Rede ist. Diese letzteren Stellen fanden sich fast ausschließlich in Texten, die erst nach der Zerstörung Jerusalems entstanden waren. Und lag es da nicht nahe anzunehmen, die Idee des Gottkönigtums sei aufgekommen, nachdem und weil an einen irdischen König Israels nicht mehr zu denken war? Na, wer zwei und zwei zusammenzählen kann..."
Mit stolz geschwellter Brust ergriff ich das Wort: "...Der kommt auf vier. Und das gesuchte Ergebnis in der Rechnung der Bibelforscher war das alljährlich begangene Thronbesteigungsfest. Nach ihrer Theorie soll das einst zu Ehren des Königs begangene Jahresfest seiner Inthronisation so abgewandelt worden sein, dass es in nachexilischer Zeit Jahwe, den Gott Israels, als den allmächtigen König und Herrscher der Welt proklamierte. Sie versuchten ihre These auch an Bibeltexten zu belegen, die ursprünglich auf den König Israels gemünzt waren, jetzt aber Jahwe als den einzigen Herrscher über ganz Israel und alle Welt verkündeten. Nur erinnere ich mich nicht mehr, was das für Texte waren..."
Ich war ganz außer Atem. Endlich hatte ich selbst einmal mein Bibelwissen unter Beweis stellen können - und am Ende hatte ich doch versagt! Er aber blickte mich gutmütig an und führte sogleich, ohne eine peinliche Pause aufkommen zu lassen, meinen Gedanken fort: "Es waren die Form- und Traditionsgeschichtler, die sich auf die Suche nach Spuren des besagten Thronbesteigungsfestes gemacht hatten. In den Psalmen wurden sie fündig. Hier ein Verslein und dort eine kleine Strophe: Alles, was irgendwie in Form und Inhalt an Texte der Proklamation und Akklamation eines Königs erinnerte, wurde zusammengestellt und ergab nun das alljährlich vollzogene Ritual der Thronbesteigung Jahwes, des Gottes Israels. Natürlich gab es auch Kritiker dieser Idee: Konnte es denn angehen, dass man etwa aus Goethes Liebesgedichten das Beste auswählte und anschließend meinte, hierin die Idealform des Goetheschen Liebesgedichts als solchem erblicken zu können, von der der Meister nun je nach augenblicklicher Laune und Neigung gegenüber seiner Geliebten mal mehr, mal weniger stark abgewichen war. Denn nichts anderes taten schließlich jene Fantasten, wenn sie zur Untermauerung ihrer fragwürdigen Hypothese ein "Biblisches Allerlei" aus fröhlich zusammengewürfelten Psalmenschnipseln zum Zeugen aufriefen! Und doch: Heute dürfen wir erleben, dass diese fantasiebegabten Forscher doch Recht hatten. Nichts anderes als Jahwes Thronbesteigung wird hier und heute begangen werden."
"Unglaublich!" hörte ich mich laut ausrufen. Ich hatte Glück, dass gerade jetzt die Menge in Bewegung kam und meine Stimme in dem einsetzenden Klingen der Instrumente und Singen der Menschen unterging. Sicher hätten sich einige nach mir umgeschaut: mein Ausruf musste hier sehr, sehr fremdländisch klingen. Doch alle Aufmerksamkeit war momentan auf den Tempel gerichtet, dessen schwere Türen gerade geöffnet worden waren. Das schöne Lied der Tempelsänger war jetzt deutlich zu hören und auch die Männer und Frauen um uns herum sangen innig mit. Dieses Lied schien der Tiefe ihrer Seele zu entspringen und wirklich: Die orientalisch klingende Melodie verzauberte auch mich. Ich war mir nicht sicher, ob die Menschen uns sahen oder hörten; nur: wenn es so war, dann müssten wir schon sehr bald auffallen. Während alles sang und dabei voll Freude in die Hände klatschte - einige nahmen auch den Nachbarn bei der Hand und vollführten mit ihm einen kleinen Freudentanz -, standen wir wie angewurzelt und blickten stumm und fassungslos in Richtung Tempel.
"Wir gehen lieber kein Risiko ein und verdrücken uns", flüsterte nun auch er uns unauffällig zu. Mir selbst war bei dem Gedanken an einen Ort, der für unsere Gruppe sicherer wäre, wohler. Aber bedeutete das nicht, den Dorfplatz, auf den jetzt immer mehr Menschen strömten, zu verlassen? Blieb nicht so im Dunkel, ob die Idee des Thronbesteigungsfestes mehr als eine Hypothese war? Doch er hatte die Entscheidung schon getroffen, der wir uns nur fügen konnten, und so blieb das Geheimnis dieses Festes - zumindest für diesmal - bewahrt.
Urplötzlich standen wir wieder inmitten der großen, weiten Halle, die wir schon mehrmals durchquert hatten. Auch hier herrschte ein reges Treiben. Nur: Wein oder Oliven wechselten hier nicht den Besitzer, alles drehte sich um Papyrus, Bücher und Pergament. Mir fiel auch wieder jene eindrückliche Papyrusrolle ein, die ich gleich zu Beginn unserer Expedition entdeckt hatte. Ob sie schon weggeräumt worden ist, fragte ich mich. Zu gern hätte ich gewusst, welche Geheimnisse in ihr aufbewahrt wurden - denn ich hatte von verborgenen Büchern der Bibel gehört und diese Rolle machte mir doch einen sehr mysteriösen Eindruck... Aha - sie lag noch da! Wann also, wenn nicht jetzt?
Während die Gruppe noch aufgeregt über unser kleines Jerusalem-Abenteuer sprach, konnte ich die Rolle unbemerkt vom Boden aufheben, der über und über mit Bucheinbänden, Schreibgriffeln sowie unzählbaren Fetzen von Büchern und Handschriften bedeckt war. In diesem Chaos würde keiner meinen Fund vermissen! Zudem schienen mich weder die hier beschäftigten Schreiber und Archivare entdeckt zu haben, noch hatte mich jemand aus der Gruppe vermisst - Geschafft! Das Fest der Thronbesteigung dieses Jahwe-Gottes sollte von mir aus für immer ein Geheimnis bleiben, ich trug von jetzt an einen ganz eigenen geheimnisvollen Schatz unter meinem Hemd - welche verborgenen Weisheiten er wohl offenbaren würde...
Schließ' dieses Fenster, um zur Hütte zurückzukommen.
| Autor: mat, mat@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 2000, Bennos Hütte |