| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 4, Mai 2000 - zurück zur Startseite |
STRANGE MAIN BRAINS
Es
ist immer wieder erbaulich sich mit echten Musik-Profis zu unterhalten: Martin
(voc.) hatte - so schien es mir - absolut keinen Bock auf blöde Journalisten
mit dämlichen Fragen zur Bandfindungsgeschichte, verkackten Auftritten, dem
politischen Gehalt der Song-Texte oder dem Bandnamen (und diese Frage ist wirklich
doof). Er hat das echt clever gemacht und mich glatt an den Manager der Band
weiter verwiesen. Traf sich auch ganz gut, weil Lars (bass) selbst Mitglied
der Combo ist. Wir verabredeten uns für einen Nachmittag im Krokodil. Blöderweise
ist keinem von uns eingefallen, dass das Krokodil erst abends aufmacht und so
standen wir dann in der Kälte und mussten noch auf Andreas a.k.a. Zachi (git.)
und Thomas (drum) warten, die sich spontan entschlossen hatten, auch zu kommen.
Weil Lars und ich etwas zu früh da waren, saßen wir kurz im Auto und hauchten
zitternd die Scheiben zu, aber wir konnten uns schon mal über einiges unterhalten.
Als die beiden anderen dann kurz darauf kamen, fuhren wir zum Griechen in der
Puchanstraße, wo man zumindest die drei öfter treffen kann; Martin klinkt sich
da manchmal aus.
Strange Main Brains - ein Name, der Zungen brechen kann - gibt es so richtig
seit '95. Davor kannten sich die vier aber schon und hatten ziemlich rüh beschlossen,
eine Band zu gründen. Keiner von ihnen konnte irgendwas spielen, und so gaben
sie sich erst mal ein Jahr Zeit um ihre Instrumente zu lernen. Anfangs probten
sie in der Unterwelt der Gerhart-Hauptmann-Schule. Thomas als Drummer stellte
dabei seine Kreativität im Instrumentenbau unter Beweis. Er schlug auf eine
Standpauke, die als Tomtom-Surrogat herhielt, ein und als Hi-Hat diente ihm
ein in Tücher gewickelter Schellenring. Sein Becken muss man sich als ein an
der Decke angebundenes UFO vorstellen, was, nachdem es einmal angeschlagen wurde,
jedem weiteren Schlag geschickt auswich. Als Snare nutzte er das eher klassische
Tamburin. Aber schließlich hat jeder mal versucht auf Muttis Kochtöpfen zu trommeln...
Richtig los ging es aber erst, als sie den Proberaum von Pulp (ja, Pulp) erbten,
in welchen sie auch ein ordentliches Drum-Kit stellen konnten. Die beiden Gitarristen
sind nämlich Brüder. Heute heißt Pulp übrigens Stone in Surf und sie wussten
damals noch gar nicht, dass sie den Namen der wenig berühmteren Brit-Pop-Kapelle
trugen.
Ihren ersten Gig hatten die Jungs von den Strange Main Brains zum Abi-Ball '96
damals noch mit KHS und Trixta. Später spielten sie auf kleineren Partys, wobei
auch schon mal die Polizei nach dem Rechten schaute. So standen dann die Polizisten
gemeinsam mit der Mutter um eine Hanf-Pflanze und checkten das nicht mal - ein
Bild für die Götter, wie Lars sich erinnert. Ein zweites mal bekamen sie Kontakt
mit dem Arm des Gesetzes, als sie auf einer illegalen Party im stillgelegten
Heizkraftwerk von Alt-Glienicke im Winter spielten. Ein Freund hatte ein Event
mit Modenschau auf den alten Heizkesseln, Artistik und Dia-Performance organisiert.
Etwa 200 Leute kamen und froren trotz der Heizgebläse. Dem Organisator hing
man wohl noch eine Klage wegen Hausfriedensbruch an.
Den größten Auftritt meinten sie in der Stadthalle von Erkner gehabt zu haben.
Dort waren unter anderem auch Stone in Surf, Bad Taste und De la Mad Mannaz.
Letztere wollten erst nicht auf die Bühne, weil ihnen zu wenig Publikum da war.
Schließlich musste ihnen der Saft abgedreht werden, weil sie nicht mehr aufhörten
zu spielen.
Die vier waren auch beim FEZ-Contest dabei, kamen aber nicht gegen die Fan-Gemeinde
von Aimless an. So konnten die Brains auch nicht mit den Aniseed Balls (der
Band vom jüngeren Bruder Martins, also Henrik) im Finale spielen. Konkurrenz
zwischen den Brüdern gibt es nicht, obwohl sich Fabian von den Aniseed Balls
da nicht so ganz sicher ist. Jedenfalls mögen die Strange Main Brains auch die
Musik der Aniseed Balls und manchmal singen die Brüder auch gemeinsam. Die Musik
geht fast in die gleiche Richtung, wobei die Strange Main Brains weniger poppig
im Sinne von tanzbar sind. Ihre Musik ist eindringlicher und teilweise melancholisch.
Wenn Martin auf der Bühne steht, so scheint es, als versinke er in eine ganz
andere Welt. Dabei reißt er das Publikum mit seiner Stimme mit. Neidisch sind
die Strange Main Brains auch nicht, dass die Aniseed Balls schneller bekannt
wurden, obwohl sie noch nicht so lange zusammen sind. Fabian hingegen ist darauf
schon stolz.
Songs entstehen bei den vier, indem jeder seine Ideen von zu Hause mitbringt
und sie gemeinsam jamen. Martin nimmt sich dann meist eine Aufnahme mit und
denkt sich Texte dazu aus, deren Inhalt durch die sehr metaphorische Sprache
nur schwer zu erkennen ist. Schließlich trifft sich die Band erneut und arrangiert
das Stück ordentlich durch. Im Café konnte man sie kürzlich mit Verstärkung
sehen. Thomas aus dem Musikladen in Grünau, setzte mit seiner Gitarre klassisch-rockige
Akzente. Nach der Meinung von den anderen vier passte dies aber nicht so gut
und schließlich entschied man sich wegen der stilistischen Differenzen, weiter
ohne Thomas zu spielen. Thomas ging einfach zu wenig auf die Richtung der Band
ein, die stark durch eine Mischung aus R.E.M., Radiohead und Sonic Youth geprägt
ist. Sonst hören die Jungs privat alles, was nicht irgendwelchen Klischees entspricht
wie Ben Folds Five, Placebo, Skunk Anansie oder neuerdings Muse (der New-Comer-Band
des Jahres). Sie verabscheuen abgrundtief Bands, die jedes Jahr die gleiche
Platte rausbringen. Paradebeispiel sind da die Toten Hosen.
Beinahe hätten sie sogar einen Plattenvertrag gehabt. Der Manager von Flower
Records kam mit seinem Aktenkoffer und Sonnenbrille und versprach ihnen das
Blaue vom Himmel. Dafür hätten sie aber (NUR!!) ihr Studium abbrechen und 5000,-
DM für die Produktion der ersten Single vorschießen müssen. Nachdem sie dann
einige von ihm produzierte Stücke gehört hatten, erschien ihnen aber die ganze
Sache zu heiß, weil sie diese Aufnahmen in ihrem Wohnzimmer besser hingekriegt
hätten. Also, seid gewarnt ihr Combos da draußen!
Letztlich wollen sie die Band Strange Main Brains einfach als Hobby betreiben.
Zu große Hoffnungen hält Lars einfach für unrealistisch. Sie haben auch nicht
die Zeit. Sie freuen sich aber immer wieder, gemeinsam zu spielen, stundenlang
zu jamen und auf einem Thema rumzureiten. Für Lars ist die Musik einfach ein
wunderschönes Mittel der Kommunikation. Er meint es käme sogar ein wenig an
Sex heran, da beim gemeinsamen spielen eine spontane Harmonie entsteht, die
einfach allen Beteiligten gefällt. (Zachi hingegen beschreibt das Musizieren
poetisch mit dem Gefühl, nachdem man auf Klo war.) Deshalb wollen sie die Band
auch nicht aufgeben.
In der Köpenicker "Szene" stecken sie ihrer Ansicht nach recht wenig
drin. Schließlich sind "... wir ja alle nur alleinerziehende Mütter",
sagt Zachi und meint damit, das einfach keine Zeit bleibt, sich den einzelnen
Cliquen und losen Haufen, die sich so gebildet haben, anzuschließen. Als da
zum Beispiel die Leute um Malatesta oder um Maladment wären. Lars bedauert,
dass hier alles noch nicht so zusammengewachsen ist und freut sich über die
Ansätze von InterKörmit und auch SRF. Bedauern tun Zachi und Lars auch, das
Helden wie Evelyns Pørk oder Sirius schon aufgegeben haben.
Selber schauen die Strange Main Brains der Zukunft positiv entgegen. Sie planen
ihre Songs auf CD zu bringen, die Ihr dann auch über den LET-Versand beziehen
könnt. Einige Tracks haben sie schon, feilen aber immer noch daran herum, bis
wirklich alle aus der Band damit zufrieden sind. Jedenfalls gehen sie ins Studio
der Klappstulle in Erkner. Dort kann man für 60 Märker am Tag ins Studio und
achtspurig auf Harddisk aufnehmen, wenn der Schlagzeuger von Bad Taste Bock
hat. Der managt das ganze nämlich. Na ja, und dann ist da noch der Plan mit
der Welttournee 2003 ...
Stephan der Dritte
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