www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 5, Juli 2000 - zurück zur Startseite

 

Das Baumblütenfest in Werder (daslars)

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Ich hab doch nicht gewusst, dass hier das zweit größte Sauffest nach dem Oktoberfest stattfindet - ehrlich, ich wär' doch sonst gar nicht dahin gefahren. Was einem die einschlägigen "Saufen, Singen und sündige Möpse"- Magazine im Fernsehen als die Höhepunkte des deutschen Kulturgutes verkaufen wollen, ist wahrlich abschreckend genug.

Baumblütenfest - das klingt doch nach Romantik. Liebreizende Jungfrauen tanzen mit Blüten in den Haaren weichgezeichnet zu lieblicher Musik. Man selbst liegt unter Obstbäumen im Halbschatten. Ein Wind, der nach Frühling duftet, weht einem durchs Haar. Während man den Blick über's weite Havelland streifen lässt, nippt man hin und wieder an einem Gläschen herrlichen Obstwein ...
 

 

 

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Die S-Bahn Richtung westlicher Stadtrand war bereits verdächtig voll. Wahrscheinlich hatten auch noch andere von der romantischen Wiese in Werder gehört. In Potsdam verdichteten sich die Massen dann zu einem zähen Strom - kein Problem mehr, den Weg zu finden. Im Bahnhof Werder selbst begrüßte einen ein unerwartet großes Aufgebot an Bahnpersonal, Polizei und Rettungswagen - aber das hat ja noch nicht unbedingt was zu sagen. Aber als ich die zehnjährigen Jungs entdeckte, da hätte ich es wissen müssen. Sie hatten es sich mit ein paar Flaschen Obstwein in der oberen Etage eines verlassenen Hauses bequem gemacht und schauten mit Kissen unter den Ellenbogen aus den kleinen Fenstern. Wie gesagt, jetzt hätte ich es wissen müssen, dass sich hier heute noch ein großes Schauspiel ereignen würde. Nur so clever wahr ich nicht - es reichte gerade mal dazu, sich darüber aufzuregen, dass der Wein an Kinder verkauft wurde.

Wir liefen also in die Stadt - immer in der Hoffnung, bald einen dieser romantischen Plätze zu finden. Damit die Suche nicht zu lang wurde, genehmigten wir uns erst mal ein paar Becher Obstwein. Nebenbei schauten wir in den Himmel, der sich bedenklich verdunkelte. War es bis eben ein wunderbarer Tag mit strahlendem Sonnenschein, brach jetzt ein Gewitter los. Wir stellten uns unter einem kleinen Vorsprung unter und feilschten darum, wer die nächste Flasche hohlen muss. Draußen strömten weiterhin die Massen vorbei, die nassen T-Shirts entblößten, was besser verhüllt geblieben wäre, und uns wurde bewusst, dass wir Sommerregenuntersteller waren - darauf erst mal noch einen Schluck.

Als es nur noch nieselte, wagten wir uns hervor. Langsam bewegten wir uns in das Zentrum das Festes. Wie immer bei solchen Anlässen gab jede Menge Fressbuden und Verkaufsstände mit Dingen, die im nüchternen Zustand sowieso keiner haben will. Aber lasst den Leuten ihre Stände - wir wollten zu unserer romantischen Wiese.

Als der nächste Regenguss einsetzte, waren wir auf einer Wiese. Wir quetschten uns auf eine Bank unter einem Vorsprung an der Rückwand einer Bratwurstbude. Neben uns stapelte sich der Müll, unter uns lag ein vollgeschissener Schlüpfer, aber wenigsten hatten wir den Blick auf die Havel. Schnell huschte ich in den Regen, um eine neue Flache Wein zu besorgen. Neben uns im Regen prügelten sich ein paar Jungs mit aufblasbaren schwarz-rot-goldenen Keulen zusammen mit ihren Mädels und lachten sich dabei halb tot. Wir müssen wohl etwas betrübt gewirkt haben, den einer von den Typen kam auf uns zu. Aber nachdem sich auch nach dem dritten Schlag mit seiner Plaste-Keule auf meinen Kopf immer noch kein Lächeln auf meine Lippen zauberte, ließ er ab. "Eyh, ihr müsst doch n bisschen Spaß haben!". Ich nahm erst mal einen Schluck.

Als der Regen wieder nachließ, beschlossen wir zu flüchten, denn die Leute um uns wurden langsam bedrohlich lustig. Wir bewegten uns schnellen Schrittes wieder in Richtung Bahnhof und überholten eine Gruppe marschierender junger Männer, die laut grölten und auf alles einschlugen, was Lärm machte. Welchen Lärm ich machen würde, wenn sie auf mich einschlugen, wollte ich heute nicht herausfinden.

Wir liefen schneller und versuchten den Abstand zu ihnen zu vergrößern. Zwischendurch kauften wir noch ein paar Flaschen - so viel Zeit muss sein. Ein Typ mit tätowiertem freien Oberkörper hatte da eine andere Methode. Er nahm die Flaschen einfach mit. Über die schreienden und auf ihn einschlagenden Frauen lachte er nur und schüttelte sie einfach von sich ab. Zwischendurch schaffte er es noch ein paar Nazis mit strahlendem Grinsen so frech anzumachen, dass die nicht wussten, wie sie sich als echte Deutsche zu verhalten hatten. Aber schon lud er ein paar hübsche junge Mädchen auf einen Schluck Wein ein. Die wollten eigentlich gar nichts, konnten sich aber nicht wehren. Die Entscheidung wurde ihnen allerdings überraschend abgenommen, als die Freundin von dem tätowierten Typ angestürzt kam. Sie stieß eins der Mädchen ihn den Dreck und schrie, dass die Fotzen gefälligst die Finger von ihrem Kerl lassen sollten. Dann drückte sie ihrem Mann den Kinderwagen in die Hand, damit er nicht wieder auf dumme Ideen kommt. Wir bekamen die Münder nicht zu und machten, dass wir weg kamen.

Endlich saßen wir im rettendem Zug und dann später in der S-Bahn - alles schien überstanden zu sein - doch leider waren wir nicht allein. Du bist nie allein - schoss es mir in den Kopf, als eine Teenager-Gruppe mit Ausgang sich bemühte, mit lautem Oh-la-la das Big-Brother-Lied zum besten zu geben. Ihr Fehler - denn im Waggon befand sich auch noch eine Alt-Herren-Gruppe. Einmal auf solch ein sangesfreudiges Publikum getroffen, ließen die nicht mehr locker und animierten den ganzen Wagen zum Mitsingen sämtlicher Sauflieder. Erschreckend viele stiegen lautstark darauf ein. Die Teenager-Gruppe schaute etwas beschämt darüber, was sie angerichtet hatten, und versuchte dann noch einmal mit den Toten Hosen zu kontern. Aber als sie alle nach zwei Zeilen, den restlichen Text nur summen konnten, hatten sie verloren.

Ein kleiner Junge fragte seine Mutter mit staunenden Augen, was denn mit den Männern los sei. Die sind lustig, sagte die Mutter. Richtig - schön lustig. Ich war traurig, als ich mit wankenden Schritten aus der Bahn stieg. Ich nahm einen letzten Schluck und schleuderte die Plaste-Flasche mit dem restlichen Wein in die Büsche. Am Alkohol konnte es jedenfalls nicht gelegen haben, dass ich nicht so schön lustig war, wie die anderen.
 

 

 

 

Autor: daslars, daslars@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte