www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 5, Juli 2000 - zurück zur Startseite

 
Das Eierkartell
(dramatisierte Fassung)

Mittwoch, 12.04.00, 19:00:
Robert war schon seit langer Zeit auf der Suche nach Eiern von glücklichen Hühnern, am Telefon sagte er mir, er wüßte ja, daß die Eier bei den Hühnern aus dem Po kommen. Dieser Robert! Spricht vom Eierkartell und sagt, daß wir vorsichtig sein müßten. Er recherchierte im Supermarkt zwischen Kühltruhe und Wurststand, schrieb die Adresse von den Eierpackungen ab und - als hätte man es erahnt - provozierte einen faustdicken Skandal, so schnell geht das. Der Verkaufsstellenleiter war drauf und dran, Robert rauszuschmeissen. Robert hat dann schnell den Schafspelz übergezogen. Immerhin ließ sich der Kittelträger dazu hinreissen, von einem Schweigegebot zu sprechen. So läuft das also.

Nachts, ein seltsamer Traum:
grösser!Ich stehe in einem Hühnerverschlag, in den Nestern liegen bunte Ostereier. Ich bin ein Hühneraufwiegler, ein Spartakus vom Dorf, ich rufe : Na los ihr Hennen, fliegt! Fliegt! Ihr müßt es nur versuchen. (Gacker, gacker, Tumult im Stall). Ihr seid Vögel. Wozu habt ihr Flügel. Macht euch auf und davon. (Ein Huhn legt aufgeregt ein Ei, ein anderes flattert im Tiefflug über den Boden, allgemeine Unruhe). Noch bevor die über Jahrtausende domestizierte Wut der Haustiere ausbrechen kann, wache ich verstört auf.

Am nächsten Morgen - Planung und Recherche bei Robert:
Wir sprachen mit dem Eierdisponenten einer großen Handelskette. Alle Eier werden überwacht. Alles paletti. Wenn Boden, Freiland oder Bio auf dem Eiersixpack draufsteht, kann sich der Kunde darauf verlassen. Ich war beruhigt. Wir hätten jetzt den Artikel schreiben können. Aber was wäre das denn für ein Journalismus! Von meinem Traum erzählte ich Robert lieber nichts. Also: Ab, rauf auf die Autobahn und raus aus der Stadt. Dorthin wo die Eier gelegt werden. Aufs Land. Zum Hühnerhof. Dessen Eierpackungen den Slogan Das Ei mit Herkunft tragen. Wir wollten natürlich Eier mit Inhalt und darüber hinaus rief tief in unseren verweichlichten Stadtherzen eine voyeuristische Stimme danach, dem intimen Legen zwischen Huhn und Ei beizuwohnen.

So ein Hühnerdorf:
grösser!Wir drehten um den Anger. Der Bürgermeister ist hier ehrenamtlich, zu sprechen gibt's den nur am Freitag. Der Bäcker macht um 12 Uhr dicht. Keine Karte, keine Passanten, kein Hühnerhof in Sicht. Noch nicht mal eine Gardine wackelte. Sehr verdächtig. Im Restaurant Zum Deutschen Haus war gerade Mittagszeit, dort speisten im Hinterzimmer ein paar Herren, deren Schlipse lustig in die Hemdstaschen hochgeschlagen waren. Der Schein trügte: Hier, das lag in der Luft, heckten die Erben der örtlichen LPG ihre Krummen Dinger aus. Erfinden Geschichten von Bio-Eiern , von glücklichen Kühen und fliegenden Schweinen. Na, denen würden wir die Suppe schon noch kräftig versalzen. Der Wirt musterte uns mißtrauisch. Ich hatte Robert gleich gesagt, daß unsere aus karierten Hemden bestehende Tarnung auf dem Lande nichts bringt: Städter erkennt man hier am Geruch oder am Dialekt. Vor allem aber erkennt man sie am Kennzeichen ihres Autos. Als wir uns nach dem Hühnerhof erkundigten, richteten sich die Blicke auf uns. Die Herrschaften hielten mit dem Essen inne, einige wollten gerade ein Stück Fleisch zum Mund führen, jetzt aber schwebten ihre Gabeln in der Luft, ganz so als wäre die Zeit stehengeblieben. Es wurde nichts gesprochen, kein Geräusch drang aus der Küche. Jemand hatte eine große Käseglocke über das Restaurant Zum Deutschen Haus gesetzt, nun waren wir gefangen wie die Fliegen. Mir lief die Brühe im Nacken. Würde man nun unsere Füße in Beton gießen und uns in die Erpe schmeißen?

Bestechungen im Deutschen Haus:
grösser!Robert hatte ganz im Gegensatz zu mir seine Geistesgegenwart behalten, er holte drei Würste, fünfviertel Wulst Käse und drei Dukaten aus einem Säckel und legte alles zusammen ganz beiläufig auf den rustikalen Tresen. Der Wirt nahm einen der Dukaten in den Mund und prüfte mit den Backenzähnen seine Echtheit. Dann sagte er, daß wir fünfhundert Schritt geradeaus gehen, zur Seite links schweifen, am Feuerwehrteich vorbei und dann rechterhand 60 Schritt an der Scheune vorbei geradewegs auf den Hühnerhof zugehen müßten. Jemand hatte die Käseglocke wieder weggenommen, die speisende Gesellschaft belebte sich und wenn ich mich nicht täuschte, lächelte der Wirt sogar. Wir verließen diesen unglückseligen Ort. Auf dem Weg zum Hühnerhof erzählt mir Robert, daß er die Leut' vom Land recht zu nehmen wüßte, weil er als Kind oft hier gewesen war.

Ein Hühnchen? Pah! Nur ein Zahnrad des Systems:
grösser!Das Tor zum Hühnerhof stand sperrangelweit offen. Wir schlichen durch die Lagerhallen vorbei an Fließbändern und Packmaschinen. Wo man hinschaute: überall lagerten Eier. Mir war schon ganz schwindelig im Kopf. Die Eierarbeiter trugen lustige Haarnetze, auch die Männer, als ob so ein ausgefallenes Haar auf irgendwelchen Wegen ins Frühstücksei gelangen könnte. Eine zackige mittelgroße, mittelblonde und mittelalte Frau stellt sich als Geschäftsführerin vor. Vielleicht dachte sie, wir seien so ein Eierdisponententeam einer großen Handelskette. Sie sagte, daß hier alles mit rechten Dingen zu ginge. Mit rechten Dingen, mit rechten Dingen! Die Halle sah aus wie das Bühnenbild einer Kafkainszenierung. Auf einem Fließband kamen durch einen Wanddurchbruch die Eier angerollt, worauf sie alsbald von lauten Maschinen gewaschen, durchleuchtet und selektiert, nach Farbe und Gewicht sortiert, verpackt und in die klimatisierte Lagerhalle gefahren wurden, vor deren Ladetoren schon die LkWs ihren Schlund aufrissen. Aber woher kamen sie, die Eier? Das durften wir aus hygienischen Gründen leider nicht sehen. Vielleicht war es besser so: Ich hätte bestimmt den Hühnerstall aufgewiegelt. Aber ein ungutes Gefühl blieb. Wir fühlen uns vom Ei entfremdet. Jedenfalls so lange, bis wir es irgendwann einmal mit eigenen Augen aus dem Hühnerpo herauskommen sehen.



lex

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte