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Das
Eierkartell
(dramatisierte Fassung)
Mittwoch, 12.04.00,
19:00:
Robert war schon seit langer Zeit auf der Suche nach Eiern von glücklichen Hühnern, am
Telefon sagte er mir, er wüßte ja, daß die Eier bei den Hühnern aus dem Po kommen.
Dieser Robert! Spricht vom Eierkartell und sagt, daß wir vorsichtig sein müßten. Er
recherchierte im Supermarkt zwischen Kühltruhe und Wurststand, schrieb die Adresse von
den Eierpackungen ab und - als hätte man es erahnt - provozierte einen faustdicken
Skandal, so schnell geht das. Der Verkaufsstellenleiter war drauf und dran, Robert
rauszuschmeissen. Robert hat dann schnell den Schafspelz übergezogen. Immerhin ließ sich
der Kittelträger dazu hinreissen, von einem Schweigegebot zu sprechen. So läuft das
also.
Nachts, ein seltsamer Traum:
Ich stehe in einem Hühnerverschlag, in den
Nestern liegen bunte Ostereier. Ich bin ein Hühneraufwiegler, ein Spartakus vom Dorf, ich
rufe : Na los ihr Hennen, fliegt! Fliegt! Ihr müßt es nur versuchen. (Gacker, gacker,
Tumult im Stall). Ihr seid Vögel. Wozu habt ihr Flügel. Macht euch auf und davon. (Ein
Huhn legt aufgeregt ein Ei, ein anderes flattert im Tiefflug über den Boden, allgemeine
Unruhe). Noch bevor die über Jahrtausende domestizierte Wut der Haustiere ausbrechen
kann, wache ich verstört auf.
Am nächsten Morgen - Planung und
Recherche bei Robert:
Wir sprachen mit dem Eierdisponenten einer großen Handelskette. Alle
Eier werden überwacht. Alles paletti. Wenn Boden, Freiland oder Bio auf dem Eiersixpack
draufsteht, kann sich der Kunde darauf verlassen. Ich war beruhigt. Wir hätten jetzt den
Artikel schreiben können. Aber was wäre das denn für ein Journalismus! Von meinem Traum
erzählte ich Robert lieber nichts. Also: Ab, rauf auf die Autobahn und raus aus der
Stadt. Dorthin wo die Eier gelegt werden. Aufs Land. Zum Hühnerhof. Dessen Eierpackungen
den Slogan Das Ei mit Herkunft tragen. Wir wollten natürlich Eier mit Inhalt
und darüber hinaus rief tief in unseren verweichlichten Stadtherzen eine
voyeuristische Stimme danach, dem intimen Legen zwischen Huhn und Ei beizuwohnen.
So ein Hühnerdorf:
Wir drehten um den Anger. Der Bürgermeister ist hier
ehrenamtlich, zu sprechen gibt's den nur am Freitag. Der Bäcker macht um 12 Uhr dicht.
Keine Karte, keine Passanten, kein Hühnerhof in Sicht. Noch nicht mal eine Gardine
wackelte. Sehr verdächtig. Im Restaurant Zum Deutschen Haus war gerade Mittagszeit, dort
speisten im Hinterzimmer ein paar Herren, deren Schlipse lustig in die Hemdstaschen
hochgeschlagen waren. Der Schein trügte: Hier, das lag in der Luft, heckten die Erben der
örtlichen LPG ihre Krummen Dinger aus. Erfinden Geschichten von Bio-Eiern , von
glücklichen Kühen und fliegenden Schweinen. Na, denen würden wir die Suppe schon noch
kräftig versalzen. Der Wirt musterte uns mißtrauisch. Ich hatte Robert gleich gesagt,
daß unsere aus karierten Hemden bestehende Tarnung auf dem Lande nichts bringt: Städter
erkennt man hier am Geruch oder am Dialekt. Vor allem aber erkennt man sie am Kennzeichen
ihres Autos. Als wir uns nach dem Hühnerhof erkundigten, richteten sich die Blicke auf
uns. Die Herrschaften hielten mit dem Essen inne, einige wollten gerade ein Stück Fleisch
zum Mund führen, jetzt aber schwebten ihre Gabeln in der Luft, ganz so als wäre die Zeit
stehengeblieben. Es wurde nichts gesprochen, kein Geräusch drang aus der Küche. Jemand
hatte eine große Käseglocke über das Restaurant Zum Deutschen Haus gesetzt, nun waren
wir gefangen wie die Fliegen. Mir lief die Brühe im Nacken. Würde man nun unsere Füße
in Beton gießen und uns in die Erpe schmeißen?
Bestechungen im Deutschen Haus:
Robert hatte ganz im Gegensatz zu mir seine
Geistesgegenwart behalten, er holte drei Würste, fünfviertel Wulst Käse und drei
Dukaten aus einem Säckel und legte alles zusammen ganz beiläufig auf den rustikalen
Tresen. Der Wirt nahm einen der Dukaten in den Mund und prüfte mit den Backenzähnen
seine Echtheit. Dann sagte er, daß wir fünfhundert Schritt geradeaus gehen, zur Seite
links schweifen, am Feuerwehrteich vorbei und dann rechterhand 60 Schritt an der Scheune
vorbei geradewegs auf den Hühnerhof zugehen müßten. Jemand hatte die Käseglocke wieder
weggenommen, die speisende Gesellschaft belebte sich und wenn ich mich nicht täuschte,
lächelte der Wirt sogar. Wir verließen diesen unglückseligen Ort. Auf dem Weg zum
Hühnerhof erzählt mir Robert, daß er die Leut' vom Land recht zu nehmen wüßte, weil
er als Kind oft hier gewesen war.
Ein Hühnchen? Pah! Nur ein Zahnrad
des Systems:
Das Tor zum Hühnerhof stand sperrangelweit offen. Wir
schlichen durch die Lagerhallen vorbei an Fließbändern und Packmaschinen. Wo man
hinschaute: überall lagerten Eier. Mir war schon ganz schwindelig im Kopf. Die
Eierarbeiter trugen lustige Haarnetze, auch die Männer, als ob so ein ausgefallenes Haar
auf irgendwelchen Wegen ins Frühstücksei gelangen könnte. Eine zackige mittelgroße,
mittelblonde und mittelalte Frau stellt sich als Geschäftsführerin vor. Vielleicht
dachte sie, wir seien so ein Eierdisponententeam einer großen Handelskette. Sie sagte,
daß hier alles mit rechten Dingen zu ginge. Mit rechten Dingen, mit rechten Dingen! Die
Halle sah aus wie das Bühnenbild einer Kafkainszenierung. Auf einem Fließband kamen
durch einen Wanddurchbruch die Eier angerollt, worauf sie alsbald von lauten Maschinen
gewaschen, durchleuchtet und selektiert, nach Farbe und Gewicht sortiert, verpackt und in
die klimatisierte Lagerhalle gefahren wurden, vor deren Ladetoren schon die LkWs ihren
Schlund aufrissen. Aber woher kamen sie, die Eier? Das durften wir aus hygienischen
Gründen leider nicht sehen. Vielleicht war es besser so: Ich hätte bestimmt den
Hühnerstall aufgewiegelt. Aber ein ungutes Gefühl blieb. Wir fühlen uns vom Ei
entfremdet. Jedenfalls so lange, bis wir es irgendwann einmal mit eigenen Augen aus dem
Hühnerpo herauskommen sehen.

lex
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