| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 5, Juli 2000 - zurück zur Startseite |
Gundermann - welch ein
Mensch! (mat) Der 14. Juni 1998 war ein Geschenk.
Achtzig oder ein paar mehr Menschen kamen in das verschlafene Nest Krams, das irgendwo da
draußen im Brandenburgischen liegt. Irgendwo im Nirgendwo - das war der richtige Ort, um
seinen Liedern und Geschichten zu lauschen. Die Texte seiner Songs erzählten auch von
ihrem Leben, seine Musik wurde Spiegel ihrer Seele - ja: ein Geschenk, kein kleines. Mein Mutter ist so tot wie auch
mein Vater Ich selbst las eine Woche später in der Zeitung: Ostdeutscher Sänger Gerhard Gundermann in der Nacht vom 21. zum 22. Juni gestorben. Er würde nicht mehr mit der Gitarre auf eine Bühne treten, die Zuhörer mit seiner Musik verzaubern und mit seinen Zwischentexten zum Lachen, zum Nachdenken bringen. Ich war am 14. Juni nicht in das kleine Dorf Krams gekommen. Ich hatte vor diesem Zeitungsbericht den Namen des Liedermachers aus der Lausitz nicht gelesen, nicht gehört. Gundermann würde nicht mehr singen - auch nicht für mich. Manchmal werd ich wiederkommen,
nach Dir zu sehn Ein Feuilletonist, der sich der Musik
verschreibt, ist vielleicht nicht mehr als ein Dolmetscher. Ist er ein guter, ist das
nicht wenig: eine Ahnung und Idee vom musizierenden Künstler und klingenden Kunstwerk
weckt er in uns, den Lesern - für einen Augenblick nimmt er uns an die Hand, führt uns
hinein in die Gefühlswelt des Schaffenden, in die Klangräume seiner Werke. Ein
schlechter Dolmetscher dagegen versucht erst gar nicht, das Nichtsagbare zur Sprache zu
bringen; so klammert er sich an die biographischen Details des Musikers, an das rational
Fassbare in dessen Werken. Beides präsentiert er uns dann eingekleidet in gefallende
Satzperioden, vor den staunenden Augen des Lesers mit musikalischen Fachtermini
jonglierend und Opus und Vita des verehrten Meisters kenntnisreich und
genussvoll ausbreitend. Hier bin ich geborn Hier, wo ich stehe, ist alle Landschaft spröde und rau. Ich kenne die schmutzigen Winter, ich kenne die staubigen Sommer: Der Schnee ist vom schwarzen Kohlenstaub dunkel eingefärbt, die Sonne lässt in der trockenen Hitze alles Grün verdorren. Ich kenne diesen Ort: Alles Getier ist lange schon geflohen, Bäume und Sträucher müssen dem Bagger weichen. Hier, wo ich stehe, gibt es auch für Menschen nur Entwurzelung, Einsamkeit, Resignation. Hier liegt mein Vater unter der
Erde Hier, im Lausitzer Tagebaurevier,
sind tiefe Wunden geschlagen: Erde ist um- und umgegraben, Städte und Dörfer sind
verschwunden, Menschen sind vertrieben worden - noch jetzt auf die Suche nach einer neuen
Heimat. Wer einmal frei atmen und friedlich ruhen möchte, wer sich Wärme und
Geborgenheit wünscht, der fährt weit weit weg, flieht, zieht fort, verkriecht sich -
oder er singt... Hier bin ich geborn Musiker und Liedtexter ist Gundermann nicht erst geworden, als er im Tagebau arbeitete. Doch die rauen Töne und spröden Verse seiner Songs sind hier herangewachsen, haben hier ihre eigentümlich-anziehende Gestalt gefunden. Einige Liedtexte wirken improvisiert, wie in der Frühstückspause oben auf dem Bagger oder unterwegs in einem D-Zug durch die Lausitz geschrieben, andere bleiben verschlossen und rätselhaft, wieder andere beschreiben Gundermanns Blick auf seine Welt, seine Mitmenschen, seine Umgebung, sind darin erschreckend und entwaffnend ehrlich. Eine kraftvoll angeschlagene Gitarre und Gundermanns warme Stimme verzaubern die Liedtexte, verwandeln sie in Melodien voll farbigem Leben und bewegendem Ausdruck. Gundermann provoziert seine Zuhörer dazu, die eigene Gefühlswelt zu erkunden, sich ihrer ganzen Vielfalt und Mächtigkeit auszuliefern: aller Alltag liegt hinter uns, vor uns das Leben selber, ganz nackt und bloß - gerade so liebens- und lebenswert. Und ich weiß nicht, ob ich noch
singen kann bis in eine Seele Ich stehe an der provisorisch
aufgebauten Bar in der alten Scheune von Krams, dem verschlafenen Nest in der Priegnitz.
Ich habe mich mit auf Gundermanns Reise durch sein Leben nehmen lassen. Es ist auch ein
Weg der Wiederentdeckung und Neuerkundung der eigenen Vergangenheit. Der Mann dort vorne
auf der Bühne - lebendige Augen blinzeln durch eine große Brille, die langen Haare sind
nach hinten zusammengebunden und geben den Blick auf das eine grenzenlose Offenheit
ausstrahlende Gesicht frei, Arme und Hände fliegen durch die Luft, ihre Sprache begleitet
die langen Ansagen zwischen den Songs - dieser Mann singt sich an diesem Sonntagnachmittag
nicht nur in meine Seele. Die Zukunft ist ne abgeschossne
Kugel, Gundermann ist 43 Jahre alt geworden. Sein Lebensweg ist kein gemächlich-breiter, bequem zu beschreitender Pfad durch die Geschichte; Gundermann hat immer alles gegeben, hat stets versucht, die eigenen Grenzen auszuloten, die eigenen Träume zu verwirklichen. In 43 Jahren haben sich unzählige Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen angesammelt, die ihre Spuren in Musik und Texten hinterlassen: inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, Baggerfahrer, Familienvater, erst Mitglied, dann Verfemter der SED, Liedermacher, Neuerer, Offiziersschüler, Pflanzenfresser... In allem hat Gundermann versucht, Mensch zu bleiben, Mensch zu werden, Mensch zu sein - ist dabei angeeckt, hat sich die eigene Meinung nicht verbieten lassen, ist auch gegen den Strom der Masse geschwommen. Ich schwimme mittendrin in meinem
alten Hemd Ich sehe es in den Augen der anderen
Gäste; Gundermann erzählt ja auch ihre Geschichten. Er besingt eine verloren gegangene
Zeit, die Trauer über die Verluste an Menschlichkeit, die Ängste vor einer Zukunft, die
in ganz unterschiedlichen Farben ausgemalt wird. Mit seinen Zwischentexten bringt er die
achtzig Leute in der Scheune zum Lachen, regt er sie zum Nachdenken an, er provoziert,
träumt, mahnt, weissagt. Auch ich fühle so, denke in einem Moment: Ein moderner Don
Quichotte steht dort vorn auf der Bühne und kämpft gegen Windmühlen; in einem anderen
Moment: Wie genau er die Zeichen dieser stürmischen Zeit zu deuten weiß. Und vor dieser
Menschheit, vor mir selber schrecke ich im nächsten Augenblick zurück: Bin auch ich
nicht so? Habe auch ich nicht solches getan? Habe auch ich mich zuletzt nicht in allem
schuldig gemacht? Der Geheimcode ist lange verraten Nein: in dem kleinen Nest Krams bin ich nie gewesen. Und doch: sooft die schillernde Scheibe mit der Aufschrift Krams elegant in diesem schwarzen Kasten namens CD-Spieler verschwindet, sehe ich das alles vor mir: die kleine Bühne, das bunte Durcheinander der Zuhörer und dann ihn - Gundermann. Jetzt spielst Du für mich, ist Deine Musik mein Lebens-Mittel, singst Du Dich in meine Seele, bist Du Tankstelle für mich, den Verlierer: immer noch und immer mehr. Gundermann: Deine Musik war, ist und bleibt ein Geschenk - ja, das ist es und es ist kein kleines! Hörproben von Gundermann: http://members.aol.com/seilschaft |
| Autor: mat, mat@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 2000, Bennos Hütte |