www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 5, Juli 2000 - zurück zur Startseite

 
Wie ich an Wänden laufen lernte (
lex)

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, lernte ich an unserer Hauswand hochzugehen. Es war gar nicht schwer. Ich mußte dazu nicht einmal die Schuhe ausziehen. Anfangs war alles noch ein bißchen wacklig und ich mußte mit den Armen das Gleichgewicht ausbalancieren. Aber mit der Zeit ging es immer besser. An unserer Hauswand hochzugehen machte Spaß. Man lief direkt auf den Himmel zu. Ich hatte mir ganz schön was vorgenommen, denn unser Haus war ein Plattenbau mit 11 Stockwerken. Als ich gerade zwischen dem 2 und 3 Stock war, kam der Hausmeister vorbei. Er schimpfte und sagte, ich solle runter kommen. An der Hauswand wieder runter zu laufen, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich lief also rückwärts und als ich unten war, zeigte der Hausmeister auf die Fußabdrücke, die ich an der Wand hinterlassen hatte. Er schlug vor, die Schuhe auszuziehen und wenn ich nicht über die Fenster laufe und auch sonst keinen Krach mache, dürfte ich weiterlaufen. Er probierte dann auch ein bißchen an der Hauswand zu laufen, aber er war sehr ungeschickt und außerdem meldete ihm sein Piepgerät eine Havarie in der Nummer 18 und er ging weg. Ohne Schuhe am Haus hochzulaufen war gar nicht so leicht. Ich hatte Schweißfüße und unser Haus außen Kacheln, weil es in den frühen siebziger Jahren gebaut worden war und damals hatte man noch Geld für sowas. Später dann nicht mehr. Das sah man ganz eindeutig an den neueren Hochhäusern. Die waren so hoch, dort hätte ich mich bestimmt nicht getraut hochzulaufen. Von ganz oben habe ich früher mal einen Gummifußball heruntergeworfen. Der ist dann wie ein Komet auf das Dach eines Trabanten gefallen. Naja.

Als ich im 5 Stockwerk angelangt war, öffnete sich ein Fenster und meine Mutter erschien darin. Sie war sehr erschrocken. Ich würde mir den Tod holen, wenn ich hier draußen so lang liefe, sagte sie, ganz ohne Schuhe und Strümpfe auf den nackten Kacheln. Sie reichte mir dann ein paar Wollsocken heraus, die ich mir sofort anziehen mußte. Bevor meine Mutter das Fenster wieder schloß, ermahnte sie mich pünktlich zum Abendbrot zu Hause zu sein. Ich war fast im achten Stock, da rief ein kleiner Mann in einer grauen Blousonjacke, ob ich auch nichts in den Taschen hätte. Wenn das nämlich herausfiele und auf seinem Trabant landete, nicht auszudenken wäre das. Ich aber konnte ihn beruhigen. In meinen Taschen befanden sich ein Bindfaden, Knallplätzchen und ein Abziehbild, das ich in der Schule eingetauscht hatte. Meinen Schlüssel trug ich an einem Band um den Hals. Das gefiel dem kleinen Mann und er sagte, daß ich ruhig weitermachen könne.

Ich war jetzt fast ganz oben, schaute aber noch mal zurück. Ein dunkelhaariges Mädchen, das ich nicht kannte, das aber aus der Ferne sehr schön aussah, stand unten und streckte seinen Kopf in die Höhe. Ich rief: Warte! und lief die Hauswand hinunter, diesmal aber vorwärts, denn inzwischen war ich sicherer geworden und außerdem wollte ich das dunkelhaarige Mädchen ein bißchen beeindrucken. Je weiter ich hinunterkam, um so besser gefiel sie mir. Als ich unten ankam, wollte ich sie überreden auch mal zu probieren an der Hauswand hochzugehen. Sie traute sich aber nicht. Ich glaube, damals hatte ich mich das erste mal verliebt. Ich wollte ihr zeigen wie es geht, um ihr die Angst zu nehmen. Aber irgendwie schaffte ich es selbst nicht mehr. Ich kam mit viel Anlauf bis zum ersten Stock und fiel dann aber in die Rosenstrauchrabatte und zerkratzte mir die Arme. Das dunkelhaarige Mädchen wischte mit einem Taschentuch die Blutkratzer weg. Dann sagte sie, sie müsse jetzt gehen. Ich habe sie nicht mehr wiedergesehen. Und an unserer Hauswand hochzulaufen wollte mir auch nicht mehr gelingen.
 

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte