Reise nach Jerusalem (zugesandt von Carsten, Weimar)
Es waren
Semesterferien, ich hatte keine Hausarbeit, die mir die freie Zeit vermieste, und die
überschüssige Zeit stimulierte mein Fernweh. Mit dem Finger fing ich an über die
Landkarte zu fahren - Kuba, Portugal, Sizilien, dann Israel und da blieb ich hängen. Eine
Woche später schlenderte ich durch die Gassen von Jerusalem...
Jerusalem
- El Quads, die Heilige - heiliger Ort der drei großen monotheistischen Weltreligionen,
eine der ältesten Städte und ich war mittendrin, Jeder Quadratmeter der Altstadt ist
geschichtsgetränkt, jeder Fels entweder Teil der biblischen Geschichte oder des Korans
oder beides. Die Stadt ist der heiligste Ort des Judentums durch den Tempelberg. Der
gleiche Berg ist nach Mekka und Medina der wichtigste Ort im islamischen Glauben. Nur
wenige Meter davon entfernt durchschritt Jesus seinen Leidensweg. In dieser Stadt
kulminiert die Menschheits- und Religionsgeschichte. Beim Spazieren durch die
altstädtische Enge hat man das Gefühl, man läuft durch ein Geschichtsbuch, aber auch
durch ein Pulverfaß. Die Konzentration der Religionen, die diese Stadt zu einer
touristischen Attraktion macht, erzeugt bei den dort Lebenden Aggressionen, Feindschaften
und unüberbrückbare Gräben.
So
faszinierend die einzelnen Gotteshäuser waren, so vertraut das europäische Flair im
jüdischen Viertel und das hektische Treiben auf den Basaren des muslimischen waren, mit
Behagen habe ich mich nicht durch die Gassen der Altstadt bewegt. Vielleicht hat mich mein
gestörtes Verhältnis zu Schußwaffen abgeschreckt, die im Stadtbild so
selbstverständlich sind, wie in Deutschland Handys oder Regenschirme bei Regen. Vorallem
weil einige Waffenträger nicht unbedingt den Eindruck erweckten, im Ernstfall einen
kühlen Kopf zu bewahren. Doch viel mehr ist es die unterschwellig zu spürende Kluft
zwischen den einzelnen Religionsgruppen, hauptsächlich der Konflikt zwischen den
islamischen Palästinensern und der jüdischen Bevölkerung. Das Christentum findet in der
Altstadt eigentlich nur noch durch die nicht enden wollenden Ströme von Pilgergruppen aus
aller Herren Länder statt. Die ganze Zeit muß man sich immer bewußt sein, auf welcher
Seite der unsichtbaren Grenze zwischen den Vierteln man sich befindet. In dem einen Teil
drückt ein arabischer Wortfetzen den Preis eines Souvenirs nochmals, im anderen kann es
eine auf sich zeigende Gewehrmündung nach sich ziehen. Wenn man es schafft, die ganzen
Touristen aus seiner Wahrnehmung zu verbannen, erkennt und beobachtet man Situationen, die
diese Kluft im alltäglichen Leben zeigen:
Situation 1 - Der kürzeste Weg
von der Klagemauer zum ultraorthodoxen Viertel MeA SheArim vor den
Mauern der Altstadt führt mitten durch den muslimischen Teil. Ich habe keinen orthodoxen
Juden durch das muslimische Viertel gehen sehen. Die wenigen, die aus Zeitgründen und was
auch immer überhaupt einen Fuß in den "feindlichen" Teil gesetzt haben,
rannten so schnell sie konnten durch die engen Gassen. Nicht nach links oder rechts
schauend, den Kopf geneigt und nur die nötigen Meter voraussehend, fliegen sie an den
Geschäften und Menschen vorbei, die ihrerseits bedacht sind, auch nicht den geringsten
Hauch von Aufmerksamkeit zu entwickeln. Einmal faßten sich zwei Juden bei Händen, um die
Kräfte beim Lauf durch die Hölle zu vereinen. Im jüdischen Viertel habe ich keinen
einzigen Moslem gesehen.
Situation
2 - Durch ein paar arabische Worte in einer Imbissbude im islamischen Viertel war
man als Freund der Araber eingestuft und ein nicht endender Wortschwall ergoß sich -
über die Lügen der Juden, ihr Unvermögen zu zählen, bei den Opfer des Holocaust oder
den in Jerusalem lebenden Muslims, über ihre Doppelmoral, ihren Beschützer Clinton, der
gleichzeitig die irakischen Glaubensbrüder verhungern läßt und sich mit einer
Praktikantin vergnügt, über das beschwerliche und ärmliche Leben durch die israelischen
Besatzer, den eigenen ungebrochenen Stolz und den Glauben an Allah, der diese
übernatürlichen Kräfte freisetzt. Im Laufe des Redeschwalls steigert sich die
Aggression in der Stimme immer mehr, daß ich nur noch hoffte, den Imbissstand ohne
größere Probleme verlassen zu können. Zur Verabschiedung streckt der Palästinenser das
Victory-Zeichen nach oben und seine letzte Worte sind: "Es wird noch ein bißchen
dauern, aber der Islam wird siegen."
Situation 3 - An der
Sicherheitskontrolle, um auf das Gelände vor der Klagemauer zu kommen, herrschte wie
immer durch die vielen Touristen ein dichtes Gedränge. Von den Massen hin und her
gespült, kommt eine orthodoxe Jüdin neben zwei mit Kopftüchern bekleideten Frauen zu
stehen. Danach war ihr einziges Bestreben, eine möglichst große Distanz aufzubauen, was
in der Enge aber kaum möglich war. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt nur den beiden Frauen
und die zu verhindernde Berührung. Die ganze Zeit hatte sie einen Ausdruck im Gesicht,
den ich noch nie gesehen hatte. Er vereinte Ekel, Verachtung und Angst und ihre
versteinerten Zügen entspannten sich erst als sie nach fünf Minuten endlich die
Sicherheitskontrolle passiert hatte. Und selbst dann schaut sie immer noch unsicher um
sich, um eine erneute Begegnung vermeiden zu können.
Jerusalem
- der Ort, wo ein buntes Gemisch von Religionen und Kulturen das tägliche Leben bestimmt.
An der Klagemauer kommunizieren die Juden, Männer und Frauen streng getrennt, mit ihren
Gott, im Tempelbezirk dahinter diskutieren Moslims die Auslegung des Korans. Mit Dornen
bekrönt und ein Kreuz tragend ziehen die christlichen Pilger die Via Dolorosa entlang und
berühren mit ihren Lippen jede Station des Leidensweges. Der teilweise nicht einmal zwei
Meter breite Weg zur Grabeskirche geht mitten durchs muslimische Viertel und der
Geschäftssinn der Araber läßt sich auch nicht durch ein Gebet bremsen. Die Skurrilität
der Situationen erinnerte mich unweigerlich an "Das Leben des Brian" ( Bitte nur
ein Kreuz etc.). Aber nicht nur im muslimischen Teil versucht jeder, mit Hilfe der
Touristen seine eigene finanzielle Situation zu verbessern. Die touristische
Betriebsamkeit legt sich wie ein Schleier über die Spannungen und wer möchte kann sie
ohne weiteres aus seiner Wahrnehmung verbannen. Aber wer in naher Zukunft an einen Frieden
in dem Land glaubt, der auch ohne Waffengewalt aufrecht gehalten kann, der lebt in einer
Illusion. Jerusalem ist in seiner Geschichte xmal vollständig oder teilweise zerstört
worden, das letzte mal 1967. Immer wurde eine der Religionen für die Tat vorgeschützt
und die Phasen der friedlichen Koexistenz waren kurz, religiöser Fanatismus setzte sich
immer wieder gegen den menschlichen Verstand durch.
Ich war nur drei Tage in dieser faszinierenden Stadt, habe
den unbeugsamen Stolz der Palästinenser erlebt und mir fiel der an Arroganz grenzenden
Stolz der Juden, durch ihren Glauben, das einzig auserwählte Volk zu sein, auf. So sehr
ich den Friedensprozeß im Nahen Osten begrüße, habe ich den Eindruck, daß er nur eine
begrenzte Lebensdauer hat. Der Balkan hat in den neunziger Jahren gezeigt, wie schnell
alte Gräben aufbrechen und sich die Gewalt innerhalb kürzester Zeit potenziert. In
Jerusalem prallen die Fronten des Konflikts im Nahen Osten aufeinander, da beide Seiten
sie als Hauptstadt beanspruchen. Meine Erlebnisse hinterlassen bei mir das ungute Gefühl,
daß zumindest Teile der Altstadt noch in diesem Jahrhundert erneut eingeebnet werden,
wenn beide Seiten nicht ihren gekränkten Stolz vergessen können. |