www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 5, Juli 2000 - zurück zur Startseite

 

 
Reise nach Jerusalem (zugesandt von Carsten, Weimar)

Es waren Semesterferien, ich hatte keine Hausarbeit, die mir die freie Zeit vermieste, und die überschüssige Zeit stimulierte mein Fernweh. Mit dem Finger fing ich an über die Landkarte zu fahren - Kuba, Portugal, Sizilien, dann Israel und da blieb ich hängen. Eine Woche später schlenderte ich durch die Gassen von Jerusalem...

Jerusalem - El Quads, die Heilige - heiliger Ort der drei großen monotheistischen Weltreligionen, eine der ältesten Städte und ich war mittendrin, Jeder Quadratmeter der Altstadt ist geschichtsgetränkt, jeder Fels entweder Teil der biblischen Geschichte oder des Korans oder beides. Die Stadt ist der heiligste Ort des Judentums durch den Tempelberg. Der gleiche Berg ist nach Mekka und Medina der wichtigste Ort im islamischen Glauben. Nur wenige Meter davon entfernt durchschritt Jesus seinen Leidensweg. In dieser Stadt kulminiert die Menschheits- und Religionsgeschichte. Beim Spazieren durch die altstädtische Enge hat man das Gefühl, man läuft durch ein Geschichtsbuch, aber auch durch ein Pulverfaß. Die Konzentration der Religionen, die diese Stadt zu einer touristischen Attraktion macht, erzeugt bei den dort Lebenden Aggressionen, Feindschaften und unüberbrückbare Gräben.

So faszinierend die einzelnen Gotteshäuser waren, so vertraut das europäische Flair im jüdischen Viertel und das hektische Treiben auf den Basaren des muslimischen waren, mit Behagen habe ich mich nicht durch die Gassen der Altstadt bewegt. Vielleicht hat mich mein gestörtes Verhältnis zu Schußwaffen abgeschreckt, die im Stadtbild so selbstverständlich sind, wie in Deutschland Handys oder Regenschirme bei Regen. Vorallem weil einige Waffenträger nicht unbedingt den Eindruck erweckten, im Ernstfall einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch viel mehr ist es die unterschwellig zu spürende Kluft zwischen den einzelnen Religionsgruppen, hauptsächlich der Konflikt zwischen den islamischen Palästinensern und der jüdischen Bevölkerung. Das Christentum findet in der Altstadt eigentlich nur noch durch die nicht enden wollenden Ströme von Pilgergruppen aus aller Herren Länder statt. Die ganze Zeit muß man sich immer bewußt sein, auf welcher Seite der unsichtbaren Grenze zwischen den Vierteln man sich befindet. In dem einen Teil drückt ein arabischer Wortfetzen den Preis eines Souvenirs nochmals, im anderen kann es eine auf sich zeigende Gewehrmündung nach sich ziehen. Wenn man es schafft, die ganzen Touristen aus seiner Wahrnehmung zu verbannen, erkennt und beobachtet man Situationen, die diese Kluft im alltäglichen Leben zeigen:

israel_baertige.jpg (11664 Byte)Situation 1 - Der kürzeste Weg von der Klagemauer zum ultraorthodoxen Viertel Me’A She’Arim vor den Mauern der Altstadt führt mitten durch den muslimischen Teil. Ich habe keinen orthodoxen Juden durch das muslimische Viertel gehen sehen. Die wenigen, die aus Zeitgründen und was auch immer überhaupt einen Fuß in den "feindlichen" Teil gesetzt haben, rannten so schnell sie konnten durch die engen Gassen. Nicht nach links oder rechts schauend, den Kopf geneigt und nur die nötigen Meter voraussehend, fliegen sie an den Geschäften und Menschen vorbei, die ihrerseits bedacht sind, auch nicht den geringsten Hauch von Aufmerksamkeit zu entwickeln. Einmal faßten sich zwei Juden bei Händen, um die Kräfte beim Lauf durch die Hölle zu vereinen. Im jüdischen Viertel habe ich keinen einzigen Moslem gesehen.

Situation 2 - Durch ein paar arabische Worte in einer Imbissbude im islamischen Viertel war man als Freund der Araber eingestuft und ein nicht endender Wortschwall ergoß sich - über die Lügen der Juden, ihr Unvermögen zu zählen, bei den Opfer des Holocaust oder den in Jerusalem lebenden Muslims, über ihre Doppelmoral, ihren Beschützer Clinton, der gleichzeitig die irakischen Glaubensbrüder verhungern läßt und sich mit einer Praktikantin vergnügt, über das beschwerliche und ärmliche Leben durch die israelischen Besatzer, den eigenen ungebrochenen Stolz und den Glauben an Allah, der diese übernatürlichen Kräfte freisetzt. Im Laufe des Redeschwalls steigert sich die Aggression in der Stimme immer mehr, daß ich nur noch hoffte, den Imbissstand ohne größere Probleme verlassen zu können. Zur Verabschiedung streckt der Palästinenser das Victory-Zeichen nach oben und seine letzte Worte sind: "Es wird noch ein bißchen dauern, aber der Islam wird siegen."

Situation 3 - An der Sicherheitskontrolle, um auf das Gelände vor der Klagemauer zu kommen, herrschte wie immer durch die vielen Touristen ein dichtes Gedränge. Von den Massen hin und her gespült, kommt eine orthodoxe Jüdin neben zwei mit Kopftüchern bekleideten Frauen zu stehen. Danach war ihr einziges Bestreben, eine möglichst große Distanz aufzubauen, was in der Enge aber kaum möglich war. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt nur den beiden Frauen und die zu verhindernde Berührung. Die ganze Zeit hatte sie einen Ausdruck im Gesicht, den ich noch nie gesehen hatte. Er vereinte Ekel, Verachtung und Angst und ihre versteinerten Zügen entspannten sich erst als sie nach fünf Minuten endlich die Sicherheitskontrolle passiert hatte. Und selbst dann schaut sie immer noch unsicher um sich, um eine erneute Begegnung vermeiden zu können.


Jerusalem - der Ort, wo ein buntes Gemisch von Religionen und Kulturen das tägliche Leben bestimmt. An der Klagemauer kommunizieren die Juden, Männer und Frauen streng getrennt, mit ihren Gott, im Tempelbezirk dahinter diskutieren Moslims die Auslegung des Korans. Mit Dornen bekrönt und ein Kreuz tragend ziehen die christlichen Pilger die Via Dolorosa entlang und berühren mit ihren Lippen jede Station des Leidensweges. Der teilweise nicht einmal zwei Meter breite Weg zur Grabeskirche geht mitten durchs muslimische Viertel und der Geschäftssinn der Araber läßt sich auch nicht durch ein Gebet bremsen. Die Skurrilität der Situationen erinnerte mich unweigerlich an "Das Leben des Brian" ( Bitte nur ein Kreuz etc.). Aber nicht nur im muslimischen Teil versucht jeder, mit Hilfe der Touristen seine eigene finanzielle Situation zu verbessern. Die touristische Betriebsamkeit legt sich wie ein Schleier über die Spannungen und wer möchte kann sie ohne weiteres aus seiner Wahrnehmung verbannen. Aber wer in naher Zukunft an einen Frieden in dem Land glaubt, der auch ohne Waffengewalt aufrecht gehalten kann, der lebt in einer Illusion. Jerusalem ist in seiner Geschichte xmal vollständig oder teilweise zerstört worden, das letzte mal 1967. Immer wurde eine der Religionen für die Tat vorgeschützt und die Phasen der friedlichen Koexistenz waren kurz, religiöser Fanatismus setzte sich immer wieder gegen den menschlichen Verstand durch.

Ich war nur drei Tage in dieser faszinierenden Stadt, habe den unbeugsamen Stolz der Palästinenser erlebt und mir fiel der an Arroganz grenzenden Stolz der Juden, durch ihren Glauben, das einzig auserwählte Volk zu sein, auf. So sehr ich den Friedensprozeß im Nahen Osten begrüße, habe ich den Eindruck, daß er nur eine begrenzte Lebensdauer hat. Der Balkan hat in den neunziger Jahren gezeigt, wie schnell alte Gräben aufbrechen und sich die Gewalt innerhalb kürzester Zeit potenziert. In Jerusalem prallen die Fronten des Konflikts im Nahen Osten aufeinander, da beide Seiten sie als Hauptstadt beanspruchen. Meine Erlebnisse hinterlassen bei mir das ungute Gefühl, daß zumindest Teile der Altstadt noch in diesem Jahrhundert erneut eingeebnet werden, wenn beide Seiten nicht ihren gekränkten Stolz vergessen können.

 

Autor: carsten, benno@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte