| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 5, Juli 2000 - zurück zur Startseite |
Verbundene Klänge (ricarda)
Der Tag beginnt und endet. Das Leben der anderen lebt. Man ist eingesperrt in
einer Kugel, die nach Trauer riecht. Die eigenen Füße tragen einen hinaus; zum
Studieren, die Ohren können Worte hören und manchmal verstehen, man kann lächeln. Auch,
wenn das Leben einen gerade im Stich lässt. Weil es nicht fruchtbar ist, weil es die Tage
mit Nebel füllt, weil es einen durchsichtigen, nicht begreifenden Blick in die Welt
sendet.
Man sieht Gesichter; erkennt und fühlt dennoch die Wände der Kugel, die auch Wut, Enttäuschung und Leblosigkeit inmitten des eigenen gelebten Lebens bergen.
Man kann sich wundern über ein Angesprochenwerden, weil der Mensch im gewohnten Lauf des Lebens neu ist, weil er trotz der Kugel das eigene Wesen sehen kann und weil er sich traut, die Nebel zu zerreißen - für Augenblicke. Kleine Freude, für die Zukunft, die mit Notwenigkeiten gefüllt ist - vorerst.
Man kann lächeln, kann sich normal geben und die momentan eigene Wirklichkeit verstecken vor denen, die sie nicht sehen können, weil sie nicht wollen; weil sie am eigenen Leben sowieso nicht teilnehmen. Man kann Dinge aufschreiben, sich mit dem Studieren beschäftigen, als wäre die Kugel nicht, die sich mal mehr, mal weniger aufbläht.
Die eigenen
Füße tragen einen wieder zurück, in das Nest, das seine Funktion des sich gut Fühlens
für einige Zeit vernachlässigt. Man wohnt dort, und hat dennoch die Klarheit, gerade
nicht dahin zu gehören. Die Wärme der Decke, die fast selbstverständliche Liebe des
Katers hüllen einen ein, ohne die Traurigkeit, die Ratlosigkeit zu verscheuchen. Man kann
sein vertrautes Zimmer betrachten, und dabei bemerken, das es einen für einige Zeit
ausgeschlossen hat. Nicht wirklich.
Die Geräusche im Bauch lassen einen erinnern, das es lange her ist, dass man aus
Vergnügen schmeckte, sie sind ein anderes Zeichen für die Ruhelosigkeit, ein bemerkbares
Zeichen, weil in den Kopf, ins Herz, in die Seele niemand schauen kann. Auch man selbst
nicht mit Bestimmtheit. Nicht mit der Gewissheit, um die Dinge in ihnen zu wissen, sie als
gegeben aufzunehmen. So geht man, als wäre man sich fremd.
Es ist still, innen, weil die eigene Stimme sich für einige Zeit hingelegt hat. Die Stille überschattet manchmal das Leben der anderen, draußen. So dass man denkt, die Welt, in der man sich sonst gut bewegte, drehe sich langsamer. Manche Tränen, die man weinte, dienten dazu, den Kreis, in dem man sich befindet, zu durchbrechen. Damit man wieder mit Leben gefüllt wird. Mit dem wirklichen, dem Genussreichen. Der Kopf denkt sie nicht mehr, das Herz fühlt sie nicht mehr, der Mund formt sie nicht mehr, die Koseworte, die man für einen hatte. Diese Geschichte ist zu Ende.
Die Kugel wird
noch eine Weile halten. Bis sich die Zeit unbeugsam ihren Weg bahnt, die Traurigkeit, die
Wut, die Grübeleien wegspült; damit das Leben kommen kann. Man kann nicht voraus
schauen, kann nicht den Lauf der Dinge voran treiben, weil man noch nicht wissen kann,
dass es so kommen wird. Die Kugel wird halten, solange sie gebraucht wird.
Dann kann man sich an den neuen Menschen erinnern, kann ihn wiederfinden, draußen. Dann
kann man spüren, wie die Kugel langsam zerbirst, wie die Traurigkeit, die Enttäuschung
und das Seil, das um die eigenen Gedanken gebunden war, sich löst, um mit dem anderen
hinausgeschwemmt zu werden; zu dem, der sie dann brauchen wird. Dann kann man fühlen, wie
es in einen hineinfließt, das Leben; der Genuss und die Klarheit, mit denen man von da an
das Leben lebt.
Ricarda
| Autor: ricarda, ELfe-blau@gmx.de | Artikel kommentieren | Copyright 2000, Bennos Hütte |