Wie ich mit meiner Taschenuhr die Zeit anhielt (lex)

Als ich
noch bei meinen Eltern wohnte, ging manchmal die Phantasie mit mir durch. Im Keller
unseres Hauses lebte ein Reptilesel, der sich nur mir zeigte, nie aber meinem Vater oder
einem anderen Hausbewohner aufgefallen war. Der Reptilesel lebte hinter einem Verschlag.
Ging man allein daran vorbei, dann zischte er, streckte seine lange Zunge durch das
Holzgatter, manchmal leuchteten seine Augen rot wie das Feuer in der Hölle oder aber er
schlug mit seinem Schwanz gegen die Heizungsrohre, daß es bebte. Meine Versuche das
Ungetüm im Keller zu ignorieren schlugen fehl, mal mußte ich Einweckgläser holen, mal
Kartoffeln. Anfreunden wollte ich mich mit dem Reptilesel schon gar nicht. Ich glaube, er
mochte mich nicht. Ich mochte ihn auch nicht. Wir waren Gegner.
Einmal wollte ich einen selbstgefertigten Brandsatz in den Verschlag werfen, aber ein
Nachbar, der sich im Keller eine Werkstatt eingerichtet hatte, in der es immer etwas zu
löten gab, hatte gerade etwas zu löten. Ganz schön gefährlich, so alleine hier unten
den ganzen Abend, dachte ich noch. Er riß mir die Klebstofflasche aus der Hand, noch
bevor ich das Papiertaschentuch darauf anzünden konnte. Dann ging er in seine Werkstatt,
kramte ein bißchen und kam mit einem passenden Verschluß für die Klebstofflasche
wieder. Das sei so sicherer. Man könne das doch nicht mit einem Taschentuch
verschließen, wegen der Dämpfe, Junge, Junge, was ich mir dabei gedacht hätte. Der
Reptilesel feixte. Aber der Nachbar hat das gar nicht gehört.
Wenn ich in der Schule vom Reptilesel erzählte, glaubte mir niemand. Dann war ich der
Lügenbold, der Spinner, der Geschichtenerzähler, dem man nicht trauen durfte. Seitdem
ich einmal damit geprahlt hatte, einen Fußball im hohen Bogen von Köpenick nach
Lichtenberg geschossen zu haben, hatte ich diesen Ruf. Ich hatte wirklich einen Fußball
von Köpenick nach Lichtenberg geschossen, und von Lichtenberg nach Köpenick auch wieder
zurück, in der zweiten Halbzeit. Über den Fußballplatz zog sich nun einmal die
Stadtbezirksgrenze. Aber vielleicht glaubten sie mir auch nicht, weil ich den Fußball in
meiner Erzählung zu einem Medizinball gemacht hatte.
Von meiner Taschenuhr, mit der man die Zeit anhalten konnte, traute ich mich gar nicht
erst zu erzählen. Niemand hätte mir geglaubt. Wie sollte ich auch beweisen, die Zeit zum
Stehen bringen zu können. Standen ja alle versteinert da, wenn ich den Knopf drückte und
die Zeiger stehenblieben. Dann war ich allein auf der Welt umgeben von Wachsfiguren, die
ihre Arme lustig von sich streckten oder in der Luft hingen, weil meine Taschenuhr ja ihre
Bewegung unterbrochen hatte. Und wenn ich dann die Zeit wieder laufen ließ, war alles
wieder wie vorher, nur ich war ein bißchen älter geworden. Ich habe viel experimentiert
mit meiner Uhr. Leider konnte man mit ihr die Zeit nicht zurückdrehen oder nach vorne.
Zeitlupe wie im Fernsehen mit dem blinkenden R oben in der Bildschirmecke ging auch nicht.
Die Uhr war trotzdem sehr nützlich. Man mußte im Kino den Film nicht verpassen, wenn man
zur Toilette ging. Was man noch alles machen konnte: Kostenlos in der Kaufhalle einkaufen
und keiner merkte es. In der Straßenbahn Zigaretten rauchen. Gucken ob der Herr da
gegenüber ein Perücke trägt und wenn ja, dann verkehrt herum aufsetzen. Und viele
andere schöne Sachen. Die Uhr stellte mich aber auch vor schier unlösbare Probleme. Das
wurde mir klar als, ich eines Nachts schweißgebadet aufwachte. Ich hatte geträumt, daß
alle Flugzeuge abstürzten, während ich die Zeit anhielt. Am nächsten Tag hab ich sie am
Himmel beobachtet. Sie waren aber nicht im Einflußbereich meiner Uhr und zogen weiter
friedlich ihre weißen Strahlen hinter sich her. Nur in Schönefeld mußte ich vorsichtig
sein, wenn ich da mal hinkommen sollte.
Aber etwas anderes machte mir zu schaffen. Es war immer das gleiche wenn ich die Zeit
wieder zum Laufen bringen wollte. Wo stand ich denn? Und welcher Pose verflucht. Die
anderen wußten ja nicht, daß sie soeben für einige Augenblicke eingefroren worden
waren. Für sie mußte ich also unter furchtbaren epileptischen Zuckungen leiden, wenn ich
nicht milimetergenau die Pose vom Anfang der Unterbrechung einnahm. Dazu kam noch, daß
die ganzen lustigen Sachen. die man machen konnte alleine gar nicht so lustig waren. Ich
begann mich einsam zu fühlen. Wie ein Wissenschaftler der eine traurige Entdeckung für
die Menschheit gemacht hatte und sie nun geheimhalten mußte. Als ich einmal das Mädchen,
in das ich mich verliebt hatte so dastehen sah, versteinert und irgendwie nicht lebendig,
da fühlte ich mich richtig schlecht. An diesem Tag verschloss ich die Uhr in meinem
Schatzkästchen.
Da liegt sie heute noch. Hin und wieder ziehe ich sie auf, damit sie nicht stehenbleibt.
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