www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 6, September 2000 - zurück zur Startseite

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Kind der DDR
(zugesandt von Sandra, Berlin)

Teil 1: Erfahrungsbericht eines DDR-Kindes

Ich bin ein Kind der DDR. Ich war 12 als die Wende kam. Ich war außerdem ein fast privilegiertes Kind der DDR, da ich im sozialistischen Ausland aufwuchs. Ich wohnte zum Beispiel in Ungarn. Da gab es Melonen und Weintrauben in Hülle und Fülle. Die Ungarn übten sich in demokratischem Sozialismus. Der äußerte sich vorwiegend in den Reisemöglichkeiten ins kapitalistische Ausland. Dementsprechend sah auch die Warenpalette auf ungarischen Märkten aus. Ich sammelte Match-Box-Autos und gab damit an. Über Versorgungsmängel kann ich mich kaum beklagen. In der DDR gab es keine Weintrauben und Match-Box-Autos nur im Intershop.

Auch meine frühjugendliche Sozialisation sah anders aus. Ich wuchs mit Kindern aller Hautfarben und Kontinente auf. Auf dem Spielplatz verständigten wir uns mit Händen und Füßen oder auf englisch - ungarisch war einfach zu schwer.

Die Schule war sicherlich auch anders als in der Heimat. Die Botschaftsschule der DDR hatte in ihren besten Tagen gerade mal 60 Schüler zu unterrichten. In meiner Klasse waren 8 Schüler. Jeder hatte eine politische Funktion. Das paßte genau: Freundschaftsratsmitglied, Gruppenratsvorsitzender, dessen Stellvertreter, Wandzeitungsagitator usw. An die Inhalte der Gruppenratssitzungen und Pioniernachmittage habe ich keine Erinnerungen mehr. Unsere Klassenlehrerin hat uns immer aus der Patsche geholfen und die zur Debatte stehenden Themen selbst entschieden. Ich wurde jedes Jahr aufs Neue zur Gruppenratsvorsitzenden gewählt. Die Beste war ich nie, hatte aber eine große Klappe, sang im Chor, betrieb intensiven Sport und war bei jedem Wettbewerb erfolgreich dabei. Meine Funktion beinhaltete hauptsächlich bei jedem Appell mit stolzgeschwellter Brust vor den Direktor zu treten: "Klasse 3 ist vollzählig zum Appell angetreten. Ingo hat sein Halstuch vergessen." Das machte ich gern. Ich war stolz auf meine Funktion. Meine Klassenkameraden respektierten mich. Ich konnte jederzeit petzen und mir wurde geglaubt. Wichtiger war allerdings, daß ich beim 1000m Lauf schneller lief als die Jungs und auch mehr Klimmzüge schaffte. Ich hatte früh gelernt, daß es gut sei vorn zu laufen. Im Kindergarten war ich die letzte, die eine Schleife binden konnte. Das hatte mir gar nicht gefallen und deshalb war ich von diesem Zeitpunkt an sehr aufmerksam. Ich war auch immer dabei, wenn es ums Spalierstehen beim Staatsbesuch oder ähnlichen Anlässen ging. Es wurden dem hohen Gast Blümchen geschenkt, artig geknickst und gegebenenfalls Drücker und Küsse entgegengenommen. Für diejenigen, die zu solchen Ereignissen nicht mitdurften, war es eine schlimme Strafe.

Das Schönste waren aber die Treffen der Pionierbrigade mit ihren Paten, vor Allem zum Kindertag. Da gab es Geschenke. Wir hatten verschiedene Patenbrigaden, die sich immer etwas einfallen ließen und tatsächlich Zeit mit uns verbrachten.

An ein Ereignis kann ich mich allerdings erinnern, welches mich sehr verstörte, dessen Dimensionen ich aber längst nicht erfasste. Es ging um einen Talentwettbewerb. Ich hatte zu Hause eine Schallplatte mit Liedern aus den Musicals des GRIPS-Theaters. Ich liebte ein Lied, in dem es um einen Baum ging. Wegen 4 Textzeilen durfte ich dieses Lied nicht vortragen und war aus dem Rennen. Ich war am Boden zerstört. Ich verstand nicht wieso ich dieses Lied nicht singen durfte. Noch heute überlege ich , ob es wegen dem Ursprung des West- Liedes war oder weil es um Umweltschutz ging. Was wog wohl wichtiger? Es ging um folgende Zeilen: "Wie blöd die Menschen heute sind und dich Murkel quälen, und: Schaffste`s nicht, wird`s auch für uns keine Zukunft geben." Das war alles, der gesamte Stein des Anstoßes. Mein Vater rannte wutentbrannt in die Schule, aber es half nicht. Beinahe hätte auch er noch Ärger bekommen.

Dann kam ich in die 7. Klasse und in die russische Botschaftsschule. Das war 1989. Diese Schule war riesig. Dort trafen sich Schüler aus allen möglichen sozialistischen Ländern. Ich sprach so schlecht russisch, daß ich praktisch nicht gefragt wurde. Es war der reinste Urlaub. Die Aufsätze schrieb ich bei meiner Banknachbarin ab, bei Gedichten brauchte ich nur die 1. Strophe auswendig lernen und in Mathe und Englisch hatte ich einen riesigen Vorsprung. Ich konnte mir außerdem aussuchen, ob ich lieber singen oder Sport treiben oder an einem Malkurs teilnehmen wollte. Dort ging das Motto: "jedem nach seinem Talent und Interesse" um. Man konnte es sich leisten bei über 900 Schülern. Die Schule der DDR trat zu jedem Wettbewerb mit einer Auswahl von 50-60 Schülern an. Und das Kräftemessen zwischen den ungarischen, russischen und deutschen Freunden fand praktisch ständig stand. Talent- oder Sportwettbewerbe oder einfach die schöneren Pionieruniformen, im Nachhinein empfinde ich den Leistungsdruck, unter dem wir Schüler standen, als enorm.

Ob der Druck geschadet hat? Ich war ständig in Aktion, lernte russisch und ungarisch. Das kann ich nicht als negativ beurteilen. Hat es mich auch zur Selbständigkeit und eigenständigem Denken erzogen? Diese Frage ist schwer zu beantworten, wenn man versucht ehrlich zu sein. Natürlich habe ich unter Zwängen gestanden. Ich sollte ein gutes, fleißiges, angepaßtes und gehorsames Kind sein und ich war es. Ich bin sicher, daß ich ein guter FDJler (Freie Deutsche Jugend) geworden wäre. Ich bin sehr anfällig für Gruppenzwänge. Auf keinen Fall hat die autoritäre Erziehung mich zu einem Neo-Nazi gemacht. Im Gegenteil, die eindringliche Warnung und schonungsloser Umgang mit dem Thema, wie beispielsweise die Besichtigung von Konzentrationslagern und Museen, hat meine tiefste Abneigung allen rassistischen Tendenzen gegenüber ein für alle mal geprägt! Natürlich sind meine Erinnerungen subjektiv und nur die Besten, aber es geht ja auch um meine Heimat und meine Vergangenheit, in welcher man mich erzog. Ich bin sogar stolz ein Ossie zu sein, auch wenn mir der Leser jetzt sicherlich eine Trotzreaktion anhängen möchte. Wieso stolz? Ich habe in meiner kurzen Biographie im Vergleich zu meinen Altersgenossen im Westen eine Gesellschaftsordnung mehr hinter mich gebracht, habe mehr zu erzählen, kann mehr reflektieren und demnach mehr kritisieren. Das ist ein Vorsprung der sicherlich Neid erzeugt.


Teil 2: 10 Jahre später

Für mich kam die Wende früh genug, um mir mehrere Entwicklungsmöglichkeiten offenzuhalten. Ein Großteil meiner Freunde hatte nicht das Glück zur Wende noch Schulkind gewesen zu sein. Für diejenigen, die 1989 16 waren und nicht zu den 2 besten Schülern einer Klasse gehörten, die an die EOS (Erweiterte Oberschule) durften, war die Wende kein Segen. Sie begannen Hals über Kopf eine Lehre. Hauptsache man hatte erst mal einen Lehrstellenplatz. Diese Generation hat jetzt erhebliche Nachteile gegenüber ihren Altersgenossen aus dem Westen oder auch gegenüber den Jüngeren, wie mir. Viele versuchen sich nachträglich zu qualifizieren, um eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Viele müssen ein doppeltes Pensum bewältigen. Sie haben Familie, eine Arbeit und studieren nicht selten zusätzlich. Sie sind oftmals älter und fester in familiäre Strukturen eingebunden, als ihre westlichen Kollegen. Das stellt ein erhebliches Manko auf dem Arbeitsmarkt dar.

Ich hasse Neo-Nazis und habe Angst vor ihnen, aber ich halte nichts von einseitigen Schuldzuweisungen. Ganz sicher hängt die Ausländerfeindlichkeit mit der Sozialisation in der DDR zusammen. Ganz sicher aber weiß ich, daß der Kindergartenbesuch und arbeitstätige Mütter nichts damit zu tun haben. Da fast alle Kinder diese Erziehungen genossen, müßten heute alle mit einem ähnlichen "Klapps" rumrennen. Ist das zu simpel gedacht? Ich denke, daß die Tendenz zu rechtsextremem Verhalten wohl eher mit dem familiären Umfeld zu erklären ist. Es ist kein Geheimnis, daß Kinder gewalttätiger Eltern selbst zu Gewalttaten neigen und das Kinder aus asozialen Familien seelische Schäden verstärkt davontragen. Diese Ursachen sind ganz sicher nicht nur im Osten verankert. Warum äußern sich dann aber vor Allem im Osten die Jugendlichen so ausländerfeindlich und viel wichtiger ist die Frage, warum gerade sie so besonders gewalttätig sind. Es gab Neo-Nazis auch vor der Wende. Ein extrem bedrohliches Maß haben sie aber erst nach der Wende angenommen. Es kommt einer Abschüttlung jeglicher Verantwortung gleich, wenn man die Ursachen in der DDR sucht.

Das private Chaos der Eltern, verbunden mit Zukunfsängsten und Minderwertigkeitskomplexen und die Chancenlosigkeit vieler ostdeutscher Jugendlicher aufgrund ihrer Prägung Made in East sollte in diesem Zusammenhang wohl eher untersucht werden. Durch Gewalt und ein eindeutiges Feindbild werden Frust, Perspektivlosigkeit und Langeweile kompensiert. Im Osten kommt der Aufbau neuer sozialer Bindungen, eines neuen Gruppenbewußteins, ein Starkfühlen hinzu. Diese nationalistischen Empfindungen sind doch in deutschen Landen kein neues Phänomen. Begünstigend zu diesen Faktoren kommt ein prinzipieller Rechtsruck und neues konservatives Denken in der Bundesrepublik hinzu. Es ist kein Tabu mehr, den Ausländern die Schuld für die private Misere zu geben. Stinknormale Bürger schaffen sich ihre von Ausländerwohnheimen national befreiten Zonen. Man jubelt gar vor einem von Vietnamesen bewohnten, brennenden Wohnhaus. Ist dieser Geschäftsmann Jude? Na, alles klar. Wen juckt schon ein in Abschiebehaft gestorbener Afrikaner. Die sind doch selber schuld! Ich weiß, das ist sehr polemisch formuliert, soll aber nur das Sinken der Empörungsschwelle in unseren Landen versinnbildlichen. Solche Nachrichten gehören zu unserem Alltag. Auch das ist Wasser auf die Mühlen der Nazis. Wie unwichtig ist es doch da über Kindheit in der DDR zu fabulieren.

Ich schäme mich für solche, meine Mit-Ossies. Ich bin auch sauer darüber, daß sie im März 1990 mehrheitlich die Ost-CDU und damit die schnelle Einheit gewählt haben. Verübeln kann ich ihnen ihre Naivität allerdings nicht. Dieser Aufsatz ist übrigens für Wessies geschrieben. Einige Gespräche mit ihnen über eben diese Themen haben mich meist sehr aufgewühlt und mir gezeigt, daß wir noch weit von einer "Einheit" entfernt sind. Da kommen Fragen, wie: "Warum habt Ihr uns überhaupt gewählt, wenn Ihr jetzt nur meckern könnt, anstelle zu arbeiten? War die Kindheit nicht schlimm und von Entbehrungen geprägt?" Die Überzeugung ist im Allgemeinen groß, daß die Rettung in letzter Sekunde kam. Man mußte die maroden Betriebe schließen oder sie sich schenken lassen, sanieren hätte nichts gebracht. Die Qualifikationen im Osten sind viel niedriger und daher die Arbeitslosigkeit viel größer. In den Osten fährt man nicht, weil da nur Nazis wohnen. Und wenn Ihr glaubt, das ist stark übertrieben, dann fragt mal einen Nichtberliner im Westen! Die Toleranz und das Verständnis für den Osten sind nicht sehr groß. Vielleicht ist daran der Solibeitrag schuld, denn vom Absatzmarkt-Ost hat ja auch der Normal-Wessie nicht viel.

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Autor: sandra, benno@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte