Kind der DDR (zugesandt von Sandra, Berlin)
Teil 1: Erfahrungsbericht eines
DDR-Kindes
Ich bin ein Kind der DDR. Ich war 12 als die
Wende kam. Ich war außerdem ein fast privilegiertes Kind der DDR, da ich im
sozialistischen Ausland aufwuchs. Ich wohnte zum Beispiel in Ungarn. Da gab es Melonen und
Weintrauben in Hülle und Fülle. Die Ungarn übten sich in demokratischem Sozialismus.
Der äußerte sich vorwiegend in den Reisemöglichkeiten ins kapitalistische Ausland.
Dementsprechend sah auch die Warenpalette auf ungarischen Märkten aus. Ich sammelte
Match-Box-Autos und gab damit an. Über Versorgungsmängel kann ich mich kaum beklagen. In
der DDR gab es keine Weintrauben und Match-Box-Autos nur im Intershop.
Auch meine frühjugendliche Sozialisation sah anders aus. Ich wuchs mit Kindern aller
Hautfarben und Kontinente auf. Auf dem Spielplatz verständigten wir uns mit Händen und
Füßen oder auf englisch - ungarisch war einfach zu schwer.
Die Schule war sicherlich auch anders als in der Heimat. Die Botschaftsschule der DDR
hatte in ihren besten Tagen gerade mal 60 Schüler zu unterrichten. In meiner Klasse waren
8 Schüler. Jeder hatte eine politische Funktion. Das paßte genau:
Freundschaftsratsmitglied, Gruppenratsvorsitzender, dessen Stellvertreter,
Wandzeitungsagitator usw. An die Inhalte der Gruppenratssitzungen und Pioniernachmittage
habe ich keine Erinnerungen mehr. Unsere Klassenlehrerin hat uns immer aus der Patsche
geholfen und die zur Debatte stehenden Themen selbst entschieden. Ich wurde jedes Jahr
aufs Neue zur Gruppenratsvorsitzenden gewählt. Die Beste war ich nie, hatte aber eine
große Klappe, sang im Chor, betrieb intensiven Sport und war bei jedem Wettbewerb
erfolgreich dabei. Meine Funktion beinhaltete hauptsächlich bei jedem Appell mit
stolzgeschwellter Brust vor den Direktor zu treten: "Klasse 3 ist vollzählig zum
Appell angetreten. Ingo hat sein Halstuch vergessen." Das machte ich gern. Ich war
stolz auf meine Funktion. Meine Klassenkameraden respektierten mich. Ich konnte jederzeit
petzen und mir wurde geglaubt. Wichtiger war allerdings, daß ich beim 1000m Lauf
schneller lief als die Jungs und auch mehr Klimmzüge schaffte. Ich hatte früh gelernt,
daß es gut sei vorn zu laufen. Im Kindergarten war ich die letzte, die eine Schleife
binden konnte. Das hatte mir gar nicht gefallen und deshalb war ich von diesem Zeitpunkt
an sehr aufmerksam. Ich war auch immer dabei, wenn es ums Spalierstehen beim Staatsbesuch
oder ähnlichen Anlässen ging. Es wurden dem hohen Gast Blümchen geschenkt, artig
geknickst und gegebenenfalls Drücker und Küsse entgegengenommen. Für diejenigen, die zu
solchen Ereignissen nicht mitdurften, war es eine schlimme Strafe.
Das Schönste waren aber die Treffen der Pionierbrigade mit ihren Paten, vor Allem zum
Kindertag. Da gab es Geschenke. Wir hatten verschiedene Patenbrigaden, die sich immer
etwas einfallen ließen und tatsächlich Zeit mit uns verbrachten.
An ein Ereignis kann ich mich allerdings erinnern, welches mich sehr verstörte, dessen
Dimensionen ich aber längst nicht erfasste. Es ging um einen Talentwettbewerb. Ich hatte
zu Hause eine Schallplatte mit Liedern aus den Musicals des GRIPS-Theaters. Ich liebte ein
Lied, in dem es um einen Baum ging. Wegen 4 Textzeilen durfte ich dieses Lied nicht
vortragen und war aus dem Rennen. Ich war am Boden zerstört. Ich verstand nicht wieso ich
dieses Lied nicht singen durfte. Noch heute überlege ich , ob es wegen dem Ursprung des
West- Liedes war oder weil es um Umweltschutz ging. Was wog wohl wichtiger? Es ging um
folgende Zeilen: "Wie blöd die Menschen heute sind und dich Murkel quälen, und:
Schaffste`s nicht, wird`s auch für uns keine Zukunft geben." Das war alles, der
gesamte Stein des Anstoßes. Mein Vater rannte wutentbrannt in die Schule, aber es half
nicht. Beinahe hätte auch er noch Ärger bekommen.
Dann kam ich in die 7. Klasse und in die russische Botschaftsschule. Das war 1989. Diese
Schule war riesig. Dort trafen sich Schüler aus allen möglichen sozialistischen
Ländern. Ich sprach so schlecht russisch, daß ich praktisch nicht gefragt wurde. Es war
der reinste Urlaub. Die Aufsätze schrieb ich bei meiner Banknachbarin ab, bei Gedichten
brauchte ich nur die 1. Strophe auswendig lernen und in Mathe und Englisch hatte ich einen
riesigen Vorsprung. Ich konnte mir außerdem aussuchen, ob ich lieber singen oder Sport
treiben oder an einem Malkurs teilnehmen wollte. Dort ging das Motto: "jedem nach
seinem Talent und Interesse" um. Man konnte es sich leisten bei über 900 Schülern.
Die Schule der DDR trat zu jedem Wettbewerb mit einer Auswahl von 50-60 Schülern an. Und
das Kräftemessen zwischen den ungarischen, russischen und deutschen Freunden fand
praktisch ständig stand. Talent- oder Sportwettbewerbe oder einfach die schöneren
Pionieruniformen, im Nachhinein empfinde ich den Leistungsdruck, unter dem wir Schüler
standen, als enorm.
Ob der Druck geschadet hat? Ich war ständig in Aktion, lernte russisch und ungarisch. Das
kann ich nicht als negativ beurteilen. Hat es mich auch zur Selbständigkeit und
eigenständigem Denken erzogen? Diese Frage ist schwer zu beantworten, wenn man versucht
ehrlich zu sein. Natürlich habe ich unter Zwängen gestanden. Ich sollte ein gutes,
fleißiges, angepaßtes und gehorsames Kind sein und ich war es. Ich bin sicher, daß ich
ein guter FDJler (Freie Deutsche Jugend) geworden wäre. Ich bin sehr anfällig für
Gruppenzwänge. Auf keinen Fall hat die autoritäre Erziehung mich zu einem Neo-Nazi
gemacht. Im Gegenteil, die eindringliche Warnung und schonungsloser Umgang mit dem Thema,
wie beispielsweise die Besichtigung von Konzentrationslagern und Museen, hat meine tiefste
Abneigung allen rassistischen Tendenzen gegenüber ein für alle mal geprägt! Natürlich
sind meine Erinnerungen subjektiv und nur die Besten, aber es geht ja auch um meine Heimat
und meine Vergangenheit, in welcher man mich erzog. Ich bin sogar stolz ein Ossie zu sein,
auch wenn mir der Leser jetzt sicherlich eine Trotzreaktion anhängen möchte. Wieso
stolz? Ich habe in meiner kurzen Biographie im Vergleich zu meinen Altersgenossen im
Westen eine Gesellschaftsordnung mehr hinter mich gebracht, habe mehr zu erzählen, kann
mehr reflektieren und demnach mehr kritisieren. Das ist ein Vorsprung der sicherlich Neid
erzeugt.
Teil 2: 10 Jahre später
Für mich kam die Wende früh genug, um mir
mehrere Entwicklungsmöglichkeiten offenzuhalten. Ein Großteil meiner Freunde hatte nicht
das Glück zur Wende noch Schulkind gewesen zu sein. Für diejenigen, die 1989 16 waren
und nicht zu den 2 besten Schülern einer Klasse gehörten, die an die EOS (Erweiterte
Oberschule) durften, war die Wende kein Segen. Sie begannen Hals über Kopf eine Lehre.
Hauptsache man hatte erst mal einen Lehrstellenplatz. Diese Generation hat jetzt
erhebliche Nachteile gegenüber ihren Altersgenossen aus dem Westen oder auch gegenüber
den Jüngeren, wie mir. Viele versuchen sich nachträglich zu qualifizieren, um eine
Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Viele müssen ein doppeltes Pensum bewältigen. Sie
haben Familie, eine Arbeit und studieren nicht selten zusätzlich. Sie sind oftmals älter
und fester in familiäre Strukturen eingebunden, als ihre westlichen Kollegen. Das stellt
ein erhebliches Manko auf dem Arbeitsmarkt dar.
Ich hasse Neo-Nazis und habe Angst vor ihnen, aber ich halte nichts von einseitigen
Schuldzuweisungen. Ganz sicher hängt die Ausländerfeindlichkeit mit der Sozialisation in
der DDR zusammen. Ganz sicher aber weiß ich, daß der Kindergartenbesuch und
arbeitstätige Mütter nichts damit zu tun haben. Da fast alle Kinder diese Erziehungen
genossen, müßten heute alle mit einem ähnlichen "Klapps" rumrennen. Ist das
zu simpel gedacht? Ich denke, daß die Tendenz zu rechtsextremem Verhalten wohl eher mit
dem familiären Umfeld zu erklären ist. Es ist kein Geheimnis, daß Kinder gewalttätiger
Eltern selbst zu Gewalttaten neigen und das Kinder aus asozialen Familien seelische
Schäden verstärkt davontragen. Diese Ursachen sind ganz sicher nicht nur im Osten
verankert. Warum äußern sich dann aber vor Allem im Osten die Jugendlichen so
ausländerfeindlich und viel wichtiger ist die Frage, warum gerade sie so besonders
gewalttätig sind. Es gab Neo-Nazis auch vor der Wende. Ein extrem bedrohliches Maß haben
sie aber erst nach der Wende angenommen. Es kommt einer Abschüttlung jeglicher
Verantwortung gleich, wenn man die Ursachen in der DDR sucht.
Das private Chaos der Eltern, verbunden mit Zukunfsängsten und Minderwertigkeitskomplexen
und die Chancenlosigkeit vieler ostdeutscher Jugendlicher aufgrund ihrer Prägung Made in
East sollte in diesem Zusammenhang wohl eher untersucht werden. Durch Gewalt und ein
eindeutiges Feindbild werden Frust, Perspektivlosigkeit und Langeweile kompensiert. Im
Osten kommt der Aufbau neuer sozialer Bindungen, eines neuen Gruppenbewußteins, ein
Starkfühlen hinzu. Diese nationalistischen Empfindungen sind doch in deutschen Landen
kein neues Phänomen. Begünstigend zu diesen Faktoren kommt ein prinzipieller Rechtsruck
und neues konservatives Denken in der Bundesrepublik hinzu. Es ist kein Tabu mehr, den
Ausländern die Schuld für die private Misere zu geben. Stinknormale Bürger schaffen
sich ihre von Ausländerwohnheimen national befreiten Zonen. Man jubelt gar vor einem von
Vietnamesen bewohnten, brennenden Wohnhaus. Ist dieser Geschäftsmann Jude? Na, alles
klar. Wen juckt schon ein in Abschiebehaft gestorbener Afrikaner. Die sind doch selber
schuld! Ich weiß, das ist sehr polemisch formuliert, soll aber nur das Sinken der
Empörungsschwelle in unseren Landen versinnbildlichen. Solche Nachrichten gehören zu
unserem Alltag. Auch das ist Wasser auf die Mühlen der Nazis. Wie unwichtig ist es doch
da über Kindheit in der DDR zu fabulieren.
Ich schäme mich für solche, meine Mit-Ossies. Ich bin auch sauer darüber, daß sie im
März 1990 mehrheitlich die Ost-CDU und damit die schnelle Einheit gewählt haben.
Verübeln kann ich ihnen ihre Naivität allerdings nicht. Dieser Aufsatz ist übrigens
für Wessies geschrieben. Einige Gespräche mit ihnen über eben diese Themen haben mich
meist sehr aufgewühlt und mir gezeigt, daß wir noch weit von einer "Einheit"
entfernt sind. Da kommen Fragen, wie: "Warum habt Ihr uns überhaupt gewählt, wenn
Ihr jetzt nur meckern könnt, anstelle zu arbeiten? War die Kindheit nicht schlimm und von
Entbehrungen geprägt?" Die Überzeugung ist im Allgemeinen groß, daß die Rettung
in letzter Sekunde kam. Man mußte die maroden Betriebe schließen oder sie sich schenken
lassen, sanieren hätte nichts gebracht. Die Qualifikationen im Osten sind viel niedriger
und daher die Arbeitslosigkeit viel größer. In den Osten fährt man nicht, weil da nur
Nazis wohnen. Und wenn Ihr glaubt, das ist stark übertrieben, dann fragt mal einen
Nichtberliner im Westen! Die Toleranz und das Verständnis für den Osten sind nicht sehr
groß. Vielleicht ist daran der Solibeitrag schuld, denn vom Absatzmarkt-Ost hat ja auch
der Normal-Wessie nicht viel.
Schließ' dieses Fenster, um zur Hütte
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