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Mein Freund Andras sagt, ich soll nicht immer so ungerecht sein. Die Masse der Leute
hätte nun mal nicht die großen idealen Ansprüche an die Welt. Wenn ich das erwarten
würde, wäre ich ungerecht. Menschen mit meinen Vorstellungen wären nun mal in der
Minderheit. Ich würde das merken, wenn ich mal mit offenen Augen durch das Leben gehen
würde. Die Mehrheit hat diese Ideale nicht und es sollte nicht von ihr erwartet werden.
Die Mehrheit ist einfacher.
Aber keine Ideale, das bedeutet doch Stillstand, erwidere ich. Alles bleibt so beschissen,
wie es ist. Ach Stillstand, meint er, ein Großteil der Leute wäre halt mit viel weniger
zufrieden. Die BRD ist wie ein großes System, das sich selbst ins Gleichgewicht bringt.
Wären die Menschen insgesamt unzufrieden, würde sich schon was ändern. Aber sie sind es
im Großen und Ganzen nun mal nicht. Viele stört halt nur, wenn der Nachbar mit dem
Gemeinschaftswasser den Rasen zu ausgiebig sprengt oder wenn die Bußgelder angehoben
werden. Ich solle dieses Gleichgewicht endlich akzeptieren und es mir nicht unnötig
schwer machen.
Da fehlen mir die Argumente. Die ganze Argumentation klingt schlüssig, aber irgendetwas
in mir sträubt sich dem zuzustimmen. Es ist nicht so, dass ich es mir unnötig
schwer machen will. Dazu finde ich alles schon anstrengend genug. Ich finde nur, dass da
wirklich was schief läuft.
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Die Diskussion hatte mal wieder damit angefangen, dass ich mich über die Medien aufgeregt
hatte. Ich weiß nicht mehr genau, was es war. Wahrscheinlich nur eine Kleinigkeit,
irgendein Schwachsinn, den ich mal wieder im Fernsehen gesehen hatte. Und dann hatte ich
das Ganze aufgebauscht. Dass Medien eine Verantwortung hätten, dass sie eine wichtige
Funktion innerhalb der Demokratie haben und dass sie mit Schuld daran seien, wenn die
Leute Zlatko mehr interessiert, als was sonst so in der Welt los ist.
Sicher hat Andras recht, wenn er meint, ich würde jetzt übertreiben. Außerdem sagt er,
ich würde die ganze Sache verdrehen. Zlatko ist so oft im Fernsehen, weil er
die Leute interessiert. Und nicht, weil er mehr im Fernsehen ist, interessieren sich die
Leute nicht mehr für andere Dinge. Fernsehen müsse sich schließlich verkaufen. Man kann
also sicher sein, dass die nur genau das machen, was die Zuschauer wollen. Ich bin mir
nicht sicher, ob das wirklich so einfach ist.
Wenigstens kommt mir Tara jetzt zur Hilfe. Sie glaubt schon, dass die Leute mehr
Informationen darüber wollen, was in der Welt passiert. Oder vielmehr genauere. Sie ist
politisch nicht besonders interessiert, sagt sie. Aber selbst sie hätte gemerkt, dass zum
Beispiel im Kosovokrieg die Zuschauer verarscht wurden. Das hätte sie wütend gemacht.
Ihr Gesicht bekommt wieder einen wütenden Ausdruck, wenn auch viel schwächer. Sie kann
sich nicht vorstellen, warum Journalisten so berichten, wie es den Regierenden in den Kram
passt - und nicht so, wie es wirklich passiert ist. Das wäre schließlich ihre Aufgabe.
Weil sie auch nichts anderes wissen, meine ich. Weil auch sie nur die Informationen
bekommen, die sie bekommen sollen. Das kann doch aber nicht sein, erwidert Tara. Vor zehn
bis zwanzig Jahren hätte es ja auch Medien gegeben, die solche Sachen aufgedeckt hätten.
Warum heute nicht mehr?
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Ich
weiß es auch nicht. In dieser Frage bin ich ebenso ratlos, enttäuscht und gleichzeitig
unsicher, ob früher wirklich mehr aufgedeckt wurde. Verkaufszwang und Kostendruck, der
teure eigene Recherche verhindert, fallen mir als moralisch am wenigsten abgründige
Argumente ein. Das hätte es aber früher auch schon gegeben, meint Tara, und trotzdem gab
es tiefergehende Berichte. Das erscheint mir auch so. Die Katze beisst sich in den
Schwanz.
Jetzt kommt auch Andras wieder zu Wort. Wir sollen endlich mit unseren beschissenen
Verschwörungstheorien aufhören. Wir würden doch nicht ernsthaft annehmen, dass in
unserer modernen Demokratie absichtlich Informationen zurückgehalten werden können. Die
Journalisten tun ihr Bestes und es wird noch genauso viel aufgedeckt wie früher. Um es zu
beweisen, zählt er eine Hand voll Enthüllungen der letzten Zeit auf. Allen voran die
Spendenaffäre. Das wäre ja wohl ohne die Medien nicht möglich gewesen. Und alle anderen
Länder beneiden ums um dieses funktionierende Kontrollsystem, in dem es möglich ist,
Ex-Regierende derart zur Verantwortung zu ziehen.
Das stimmt. Aber wir beide sind nicht wirklich überzeugt. Tara sagt, wenn sie sich an den
Spiegel von vor zehn Jahren erinnert, dann hätten dort knallharte und sehr kritische
Dinge gestanden. Zurückhaltung hat es da vor niemandem gegeben. Heute mag sie den Spiegel
nicht mehr lesen, weil er genau den seichten Kram bringt wie alle anderen. Nur niemandem
weh tun und immer mehr Massenthemen aufgreifen. Sie will genaue und wahrheitsgetreue
Information. Und wenn jemand wie sie es will, muss es noch sehr viele andere geben.
Und genau da bin ich mir nicht so sicher. Warum muss dann die TAZ seit Jahren um das
Überleben kämpfen? Warum verflachen Nachrichten immer mehr und rücken den
Unterhaltungsaspekt in den Vordergrund? Warum kommt eine bescheuerte Show nach der
nächsten ins Fernsehen? Warum kommen gute Dokumentationen nur noch mitten in der Nacht?
Warum hören wir von Menschen in anderen Ländern nur, wenn sie sich umbringen? Warum
fallen mir nur diese plakativen Anklagen ein?
Ich weiß auch nicht, warum ich in dieser Hinsicht
so negativ bin, warum ich den Menschen ein tieferes Interesse nicht mehr zutraue.
Wahrscheinlich, weil auch ich von den Medieninhalten auf das Publikum schließe. Tara ist
da positiver. Sie sagt, sie kann sich nicht vorstellen, dass die Menschen so schlecht sind
wie das Programm. Ich wünschte, es wäre so, aber weiß nicht, ob ich daran glauben kann.
Warum sagen es die Leute dann nicht, sondern akzeptieren was ihnen vorgesetzt wird?
Als Kompromiss schlage ich vor, dass das Ganze vielleicht wie so eine Art Spirale
funktioniert. Medien bringen das, wovon sie glauben, dass es die Menschen haben wollen -
nicht unbedingt, was sich das Publikum wirklich wünscht. Aus diesem eingeschränkten
Angebot akzeptieren die Leute und wählen irgendetwas aus. Die Medien glauben jetzt noch
genauer zu wissen, was sich verkauft. Das Niveau sinkt und die Spirale dreht sich ins
Bodenlose. So richtig überzeugend klingt das für uns nicht - und für Andras schon gar
nicht. Alles gipfelt und endet schließlich immer wieder in der Frage, die schon Tucholsky
in einem Gedicht stellte: |
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