| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 7, November 2000 - zurück zur Startseite |
Der Charter darf nicht starten (lex) Den dicksten Menschen der Welt bin ich auf einem Provinzflughafen in Südosteuropa begegnet. Es handelte sich bei diesen Dickies - so will ich sie mit einem Augenzwinkern mal nennen - um eine schottische Reisegruppe, die ungesunde Sonnenbrände krebsroter Färbung auf Gesicht und Armen trugen. Sie waren so beleibt, ach Schluss mit den Schmeicheleien, das waren westlich degenerierte Speckeckchen mit Wülsten, die aus Stiefel, Schaft und Wams hervorquollen, Wülste so breit wie der Ärmelkanal. Diese Dickheit machte mir Angst. Was das alles nach sich zieht, dachte der Medizinmann in mir: Gelenkaufbröslung, Haltungsschäden, Cellulithis - und ständig scheuern die Schenkelinnenseiten aneinander. Die Lautsprecherdüse verkündete einen verspäteten Abflug der Maschine. Die Bar hatte früh um vier noch geschlossen und im zollfreiem Laden gab's nur Zigaretten und Alkohol zum Trinken und zum an den Hals sprühen. Aber nichts zu essen. Das bereitete mir Sorgen. Die Mär vom gemütlichen Dicken ist eine Schmach und eine nashorndicke Lügentracht des Volksmund. Dicke Tanten mit Perlenketten lecken sich die Lippen und gieren nach dem Eis kleiner Mädchen mit Zöpfen, worauf diese Angst bekommen wie vor einem Bettlakengespenst und fürchterlich zu weinen beginnen. Überdies hatte sich die Wartehalle inzwischen mit meckernden und betrunkenen deutschen Touristen gefüllt. Auch sie sahen sehr dick und gut erholt aus, aber das alles hier entsprach nicht den Vorstellungen eines hart erarbeiteten Neckermann-Urlaubs. Und in einem ostdeutschem Anflug weltmännischer Geschäftstüchtigkeit wurde der Unmut herausgeblasen: Diese Südeuropäer müssen erst mal lernen zu arbeiten. Das Szenario bewog mich, die Toilette aufzusuchen. Hier fand ich einen wunderbaren Mehrzeiler auf dem Boden liegend, versehen mit einem Salamander-Sandaletten-Fußabdruck, ein Poem, verfasst in der Landessprache Bulgarisch, das ich mittels eines Wörterbuches frei ins Deutsche übersetzte: DER CHARTER DARF NICHT STARTEN Der Charter darf nicht starten Der Flieger steht am Boden Respektvoll ziehe ich meinen Hut und sage: Gelobt seien diese Südeuropäer. Statt unfreundliche Touristen in der Bar zu bedienen, denen man jegliche Verwendung des Wortes Hungers verbieten müsste, schreiben sie einfühlsame Gedichte. Gedichte, welche die Ungerechtigkeiten unseres Zeitalters zur Sprache bringen. Zurückgekehrt auf meine Bank, fühlte sich mein Sitznachbar zur Konversation bemüßigt und der Höflichkeit halber leihte ich ihm mein Ohr, und zwar das linke, aber nur zur Hälfte. Was ich hörte, erfüllte mich mit Grausen und ich fürchtete mich wie vor einem Bettlakengespenst. Er wandte sich unvermittelt zu mir und erzählte mir die Geschichte der argentinischen Sportmannschaft, die mit dem Flugzeug in den Anden abstürzte und, um zu überleben, die Toten aß. Nicht nur quälte mich wegen des zulässigen Gesamtgwichts eine unbestimmte Flugangst, nun wußte ich auch, was mich im Falle meines Todes erwarten würde. Um mich zu revanchieren, erzählte ich meinem korpulenten Sitznachbarn die Geschichte eines korpulenten Mannes, der aus Eitelkeit im Anästhesieprotokoll 32kg Körpergewicht unterschlagen hatte und während der OP, in der ihm das Bein amputiert wurde aufwachte und vor Schmerzen verstarb. Die nun eingetretene Ruhe nutzte ich für ein kleines Schläfchen, das von Sequenzen albtraumhaften Charakters durchsetzt war wie ein Gruselfilm. Mir träumte, ich sei in den Anden und würde verfolgt von meinem Sitznachbarn, dem Pawlowscher Speichel aus den Mundwinkeln rann. Da ich über ein kurzes und ein langes Bein verfügte, blieb mir nur im Kreis um den Gipfel hoch zu flüchten, während mein Verfolger mit einem Bratenmesser zwischen den Zähnen den direkten Weg nahm. Oben erwartete mich eine Tante im Blümchenkleid, die an einem Speiseeis leckte, zu ihren Füßen sprang ein weinerliches kleines Mädchen mit Zöpfen. Dann verwandelte sich die Tante in eine Schildkröte auf deren Panzer zu lesen stand: Folge mir! Ich setzte mich auf die Schildkröte und rutschte auf ihr ins Tal, wo ein Anwalt auf mich wartete und mir bei Geldstrafe androhte, nie wieder Sequenzen aus den Geschichten Michael Endes in meinen Träumen einzubauen, geschweige denn literarisch weiterzuverwenden. Dann gab er mir den Tipp jetzt verstört aufzuschrecken, um die Maschine nach Berlin nicht zu verpassen. |
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