www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 7, November 2000 - zurück zur Startseite

 

Alles nur eine Frage der Technik? (mat)
Ein Beitrag zu der von Rob angeregten Zukunftsdiskussion

"Es ist so einfach, Tatkraft zu haben, und so schwierig, einen Tatsinn zu suchen! Das begreifen heute die wenigsten. Darum sehen die Tatmenschen wie Kegelspieler aus, die mit den Gebärden eines Napoleon imstande sind, neun hölzerne Dinger umzuwerfen. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn sie am Ende gewalttätig übereinander herfielen, bloß wegen der ihnen über den Kopf gewachsenenen Unbegreiflichkeit, dass alle Taten nicht genügen! ... In Wahrheit haben wir nicht Taten von einander zu fordern, sondern ihre Voraussetzungen erst zu schaffen; so ist mein Gefühl!"
   Ulrich zu Agathe, in Musils "Mann ohne Eigenschaften" (III,10)

1 All unser menschliches Handeln stellt uns vor zwei Grundfragen.

1.1 Die erste Frage lautet: Was wollen wir?

1.1.1 Diese Frage nach den Zielen unseres Handelns ist grundlegend. Sie setzt allerdings notwendig eine zweite Frage aus sich heraus.

1.2 Die zweite Frage lautet: Wie können wir erreichen, was wir wollen?

1.2.1 Diese Frage nach denjenigen Wegen unseres Handelns, auf dem wir dessen Ziele erreichen können, leitet sich notwendig aus der ersten Frage ab.

1.3 All unser menschliches Handeln stellt uns vor diese zwei Grundfragen.

1.3.1 Die zwei Grundfragen sind notwendig so aufeinander bezogen, dass sich weder die Frage nach den Zielen auf diejenige nach den Wegen, noch umgekehrt die Frage nach den Wegen auf diejenige nach den Zielen zurückführen lässt.


2 Techniken sind diejenigen Künste, deren Zweck das sichere und geordnete Erreichen von bestimmten Zielen auf bestimmten Wegen ist.

2.1 Technik entspringt der Einsicht, dass sich ein bestimmtes Ziel desto sicherer und geordneter erreichen lässt, je besser der zu dessen Verwirklichung führende Weg genau diesem seinen Ziel angepasst ist.

2.2 Technik ist Kunst, insofern sie als sicheres und geordnetes Erreichen von bestimmten Zielen die Kenntnis und Beherrschung hierzu geeigneter Handlungsvollzüge voraussetzt; diese Handlungsvollzüge heißen: Technologien.

2.3 Das Streben nach immer besserer Beherrschung von solchen Handlungsvollzügen, die ein möglichst sicheres und geordnetes Erreichen bestimmter Ziele ermöglichen, führt zur Herstellung und Anwendung von technischen Hilfsmitteln.

2.3.1 Sinn und Zweck technischer Hilfsmittel ist es, Handlungsvollzüge so zu gestalten, dass sie einem bestimmten Weg ein Höchstmaß an Sicherheit und Ordnung geben.

2.3.2 Prüfstein für die bevorzugte Wahl eines bestimmten technischen Hilfsmittels ist aber nicht allein seine Eignung dazu, einen Weg möglichst geordnet und gesichert zu beschreiten, sondern auch die Einschätzung der Frage, wie weit dieses Hilfsmittel erlernbar und beherrschbar ist.

2.3.3 Herstellung und Anwendung beliebiger technischer Hilfsmittel sind also kein Selbstzweck. Sie sind vielmehr nur dann gerechtfertigt, wenn zu erwarten ist, dass der Gebrauch dieses Hilfsmittels den betreffenden Weg im Sinne von größerer Sicherheit und Ordnung gangbarer macht - möglicherweise: als unter Gebrauch eines bereits vorhandenen Hilfsmittels.

2.4 Herstellung und Anwendung beliebiger technischer Hilfsmittel berühren nicht nur die Frage danach, ob sie einen Weg gangbarer machen; sie berühren auch die Frage nach dem Ziel des betreffenden Weges.


3 Die Krise der Moderne besteht darin, dass die Frage nach den Zielen unseres Handelns entweder nur unzureichend beantwortet oder überhaupt erst gar nicht gestellt wird.

3.1 Die Frage nach den Zielen unseres Handelns wird heutzutage unzureichend beantwortet, indem als oberstes und letztes Ziel all unseren Handelns die Anhäufung von Kapital eingefordert wird.

3.1.1 Die Krise besteht hier darin, dass die Herrschaft des Kapitals nicht mehr nur von der Wirtschaft verfochten wird, sondern so gut wie alle Funktionsbereiche der Gesellschaft erfasst hat, so dass deren spezifischer Beitrag zum Funktionieren des Gemeinwesens - entgegen seiner ursprünglichen Eigenbewandtnis - zuerst daran bemessen wird, ob sie der Anhäufung von Kapital nutzen oder schaden.

3.1.2 Anhäufung von Kapital ist eine unzureichende Antwort auf die Frage nach den obersten und letzten Zielen unseres Handelns, weil sie einem zwar allgegenwärtigen, aber letztlich doch unzureichenden Menschenbild entspringt.

3.1.2.1 Der Mensch wird hier in erster Linie verstanden als Verbraucher von Angeboten, die ihm zur Sicherung seines leiblichen und seelischen Wohles dienen. Es wird unterstellt, dass der Mensch seine Bedürfnisse nach einem dauerhaften leiblichen und seelischen Wohlergehen anders nicht sichern kann als unter Aufwendung des von ihm angehäuften Kapitals.

3.1.2.2 Tatsächlich ist der Mensch aber durchaus in der Lage, einen kleinen Teil seiner leiblichen sowie einen großen Teil seiner seelischen Bedürfnisse ohne die Aufwendung von Kapital zu befriedigen.

3.2 Die Frage nach den Zielen unseres Handelns wird heutzutage gar nicht mehr gestellt, indem nur noch über Wege, Technologien und technische Hilfsmittel geredet wird.

3.2.1 Die Krise besteht hier darin, dass einerseits mit der fehlenden Diskussion über die Ziele unseres Handelns diese der Beliebigkeit überlassen werden und andererseits mit der ausschließlichen Diskussion über Wege die Frage nach der Wünschbarkeit zugunsten der Frage nach der Machbarkeit preisgegeben wird.

3.2.2 Obwohl uns als Handelnden unaufgebbar die Frage sowohl nach den Wegen als auch nach den Zielen unserer Handlungen gestellt ist, wird von denjenigen, die ausschließlich über Wege, Technologien und technische Hilfsmittel reden, fälschlicherweise unterstellt, dass nach den Zielen unseres Handelns nicht gefragt zu werden brauche. Die gängigen Begründungen lauten: Alle Menschen haben so oder so dasselbe Ziel (üblicherweise wird unterstellt: Anhäufung von Kapital); oder: Die Ziele der Menschen sind so unterschiedlich, dass ihre Diskussion nur hinderlich ist; oder: Der Weg ist das Ziel - etwa im Sinne eines Glaubens an den Selbstzweck des Fortschritts. Diese und ähnliche Begründungen halten aber genauerer Prüfung nicht stand.


4 Die Krise der Moderne kann nur dann entschärft werden, wenn die Frage nach den Zielen unseres Handelns bleibend gestellt und umfassend beantwortet wird.

4.1 Die Frage nach den Zielen unseres Handelns ist notwendig und hinreichend beantwortet durch unsere Weltanschauung.

4.1.1 Weltanschauung ist der Inbegriff der Grundannahmen über Ursprung, Wesen und Bestimmung unserer selbst, der Menschheit, der Welt und - wenn möglicherweise auch nur als Aussage seiner Nichtexistenz - des Schöpfers und Erhalters dieses Weltganzen.

4.1.2 Der Weltanschauung wohnt eine das menschliche Handeln bestimmende Prägekraft dergestalt inne, dass sich all unser Handeln an den uns gewissen Grundannahmen über Ursprung, Wesen und Bestimmung unserer selbst, der Menschheit, der Welt und - wenn möglicherweise auch nur als Aussage seiner Nichtexistenz - des Schöpfers und Erhalters dieses Weltganzen orientiert.

4.2 Wenn die Krise der Moderne darin besteht, dass die Frage nach den Zielen unseres Handelns entweder nur unzureichend beantwortet oder überhaupt erst gar nicht gestellt wird, ist die Ursache in zwei Momenten zu finden:

4.2.1 Die Frage nach den Zielen unseres Handelns wird nur unzureichend beantwortet, weil ihr eine unzureichende Weltanschauung zugrunde liegt.

4.2.2.1 Die hier zugrundeliegende Weltanschauung ist einerseits deshalb unzureichend, weil sie ein nicht angemessenes Bild des Menschen entwirft.

4.2.2.1.1 Der Mensch wird in erster Linie als ein unmündiger Verbraucher verstanden, dem die freie Entscheidungsfähigkeit über die Wege und Ziele seines Handelns weitestgehend abgesprochen wird, und zwar zugunsten seines Entscheidungsvermögens über diejenigen unter Einsatz seines Kapitals zu wählenden Möglichkeiten, die der Befriedigung seiner - durch die zugrundenliegende Weltanschauung selbst vorgegebenen - leiblichen und seelischen Bedürfnisse dienen.

4.2.2.1.2 Angemessener wäre ein Bild des Menschen, das diesem mindestens die Fähigkeit zusprechen würde, sowohl eine eigenständige Anschauung von den Zielen seines Handelns - einschließlich seiner leiblichen wie seelischen Bedürfnisse - auszubilden, als auch eine selbstständige Wahl der diesen Zielen angemessenen Wege zu vollziehen.

4.2.2.2 Die hier zugrundeliegende Weltanschauung ist andererseits deshalb unzureichend, weil sie ein nicht angemessenes Bild des Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt entwirft.

4.2.2.2.1 Die Umwelt wird in erster Linie als derjenige Bereich der Lebenswelt verstanden, der dem Menschen zur Befriedigung insbesondere seiner leiblichen Bedürfnisse dient. Mensch und Umwelt werden dergestalt voneinander abgekoppelt, dass jener die Gewissheit darüber verliert, stets und unaufgebbar auf diese bezogen zu sein.

4.2.2.2.2 Angemessener wäre ein Bild des Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt, dass jenem die Rolle eines verantwortlichen Partners der Umwelt zuweist. Partner wäre der Mensch in Erkenntnis dessen, dass er immer nur gemeinsam mit der Umwelt am Weltgeschehen teilhat; verantwortlicher Partner wäre er in dem Sinne, dass er sein notwendiges Bezogensein auf die Umwelt nicht nur als eine dauerhafte Gabe, sondern auch als eine bleibende Aufgabe begreift.

4.2.2 Die Frage nach den Zielen unseres Handelns wird heutzutage gar nicht mehr gestellt, weil die Bedeutsamkeit unserer Weltanschauung bestritten wird.

4.2.2.1 Die Bedeutsamkeit unserer Weltanschauung wird einerseits bestritten, indem sie zur Privatsache erklärt und ihr eine Bedeutung für öffentliche Zusammenhänge abgesprochen wird.

4.2.2.1.1 Tatsächlich bestimmt uns unsere Weltanschauung jedoch in allen unseren Handlungen, und zwar auch in öffentlichen Zusammenhängen.

4.2.2.1.2 Die These, dass Weltanschauung eine Privatangelegenheit und in öffentlichen Zusammenhängen fehl am Platz sei, ist selbst eine weltanschauliche Grundannahme, die zudem nicht frei von fragwürdigen Schlussfolgerungen ist.

4.2.2.2 Die Bedeutsamkeit unserer Weltanschauung wird andererseits bestritten, indem der Zusammenhang zwischen unserem Handeln und unserer Weltanschauung geleugnet wird.

4.2.2.2.1 Tatsächlich wohnt unserer Weltanschauung jedoch eine unser Handeln bestimmende Prägekraft inne, so dass einerseits alle unsere Handlungen im Blick auf deren Ziele Auskunft über die uns leitende Weltanschauung geben, andererseits die Entscheidung über die Ziele unseres Handelns immer auf Grundlage der uns bestimmenden Weltanschauung getroffen wird.

4.2.2.2.2 In den Handlungszusammenhängen werden notwendig unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandertreffen. Die Offenlegung und Diskussion der jeweils unser Handeln leitenden Weltanschauung sind dabei insofern wünschenswert, als auf diesem Weg ein angemessenerer Umgang mit den zu Tage tretenden Unterschieden möglich ist, als das beim Umgehen dieser Auseinandersetzung der Fall wäre; denn diese Unterlassung wird sich zumeist zugunsten einer bestimmten Weltanschauung, damit aber auf Kosten der anderen Weltanschauungen vollziehen.

4.3 Die Krise der Moderne kann also nur dann entschärft werden, wenn all diejenigen Anstrengungen unternommen werden, die eine umfassende Diskussion der im Blick auf das Wesen und die Ziele unserer Handlungen unzureichenden Weltanschauungen sowie die Aus- und Weiterbildung von solchen Weltanschauungen, die das Wesen und die Ziele unseres Handelns angemessener beschreiben, ermöglichen.

Die Diskussion soll weitergehen - sendet Eure Beiträge an die Hütte!

 

Autor: mat, mat@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2000, Bennos Hütte