In diesem Text soll der Rückfall in den Feudalismus angeprangert werden. Jetzt raschelt es im Zeitgeistcafe, ein paar Gäste blicken auf, Feudalismus - das geht ja gar nicht, wir haben doch Demokratie. Ein Anhänger des Kommunismus ruft im Vorbeigehen: Na das ist ja das Schlimme. Eine Baronin rührt im Bohnenkaffe und schließt sich an: Eben, eben. Ein Sozialist ruft: Halt den Schnabel, Blaublut! Demokratie und Kommunismus - das schließt sich nicht aus. Doch bevor es zu einem Konsensgespräch kommen kann, würgt der Autor diese Szene einfach ab und geht weiter im Text. Richtig, der Feudalismus sollte ja angeprangert werden. Feudalismus - das sind die Velotaxis auf den Busspuren des Neuen Berlin. Mit diesen Droschken können sich betagte Großjunker nebst Baronin von flachbrüstigen Studenten an den Sehenswürdigkeiten vorbeiziehen lassen. Der Großjunker peitscht dem dürren Studenten ein, Schweißtropfen fliegen aus dessen Gesicht, die Nüstern beben. Der Baron tönt: Hier kannst du was fürs Leben lernen und nun lauf zu, denn Zeit ist Geld! Vor dem Adlerhotel legt der Herr Baron dann die Peitsche weg, hilft seiner gnädigen Frau Baronin beim Aussteigen und läßt sich anschließend von tuberkulosekranken Kindern den Berliner Straßendreck von den Gamaschen wienern. Wer ob dieser unhaltbaren Zustände nicht auf der Stelle eine Revolution vom Zaune brechen möchte, der hat kein Herz und keinen Verstand. Stellvertretend für all die Herz- und Verstandeslosen möchte ich hiermit die Revolution ausrufen. Gern sähe ich die Straßen und Plätze belebt wie eine Tanzfläche oder wie eine Beatmungspuppe des DRK. Man stelle sich vor: Zwischen Einkaufsbuden und Bratwurstzentren brennt die Luft, Schüsse fallen, Reporter flüchten in sichere Hauseingänge und überall wüten Studentenfunktionäre mit Megafon und Mensa-Ausweis. In diese aufgepeitschte Atmosphäre prescht vielleicht ein Velotaxi, darin Außenminister Fischer nebst Baron und Gattin, vertieft in ein Gespräch über irischen Zwirn. Was nun geschieht, das wage ich nicht zu beschreiben. Metaphorisch umschrieben schlägt man sich gegenseitig kräftig auf die Rübe. Aus dem Fenster des Instituts für Geschichte blicken einige Historikerprofessoren. Sowas passiert sonst zwar auch vor ihrer Nase, aber nur in dicken Büchern. Dann schließen sie das Fenster und ziehen sich für 25 Jahre zur Beratung zurück. Auf den Straßen feiern derweil all die sozial Benachteiligten ein ausgelassenes Fest; es wird gefeiert, getanzt, gesungen, sogar Feuerschlucker sind da und anschließend geht man nach Haus, um sich in Frieden fortzupflanzen und seine Kariere als Baron oder Außenminister voranzutreiben. Einige Leser werden jetzt die Stirn verrunzeln und sagen: Das ist ja unerhört. Das ist ja maßlos übertrieben. Ist es auch. Ich bin nämlich ein vollgepumpter Wirt für Viren und anderlei Gekräusch, ein Fieberer, ein Nieser und ein Grippebolzen. Kein Wunder, dass ich phantasiere. Falls jemand glaubt, ein grippaler Infekt sei durch Texte wie dieser übertragbar, so werfe er ihn augenblicklich weg, auf der Stelle, und er wasche seine Hände in Desinfektion. Sollte er den Text aber hören, so brauche er keinerlei Gedanken daran zu verschwenden, denn dann werde ich bereits geheilt und gesund sein wie ein amerikanischer Dollar. Es sei denn, ich werde Opfer eines Krankenwagens ohne Blaulicht. Als ich in einem Velotaxi sitzend durch Berlin gezogen wurde, überholte ein solches Gefährt so rasant und knapp, dass in mir der Verdacht erwachte, die schaffen sich ihre Kundschaft selbst. Was in Zeiten vor der Revolution, in denen Studenten sich freiwillig vor einen reichen Sack spannen lassen, ja auch nicht wirklich überrascht.
|