www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 8, März 2001 - zurück zur Startseite

 

Ara, der Papagei auf meiner Schulter. (lex)

Liebes Tagebuch!

satan.gif (22371 Byte)Als ich vor die Tür ins Tageslicht trat um die Tränensäcke zu lüften - da flog ein Papagei durch die Luft. Komisch, dachte ich noch, können Papageien eigentlich fliegen? - aber da hatte sich dieses Tier schon auf meiner Schulter niedergelassen, und zwar auf der linken, und es stellte sich mit einer leichten Verbeugung vor: "Guten Tag, ich bin Ara, dein Papagei auf der Schulter. Ich werde dich ab heute dein Leben lang begleiten""
Heiliger Vater" , sagte ich, " was soll ich mit einem Papagei auf der Schulter. Und was sollen die Leute denken?" "
Gar nichts", erwiderte Ara, "die sehen mich nicht. So und nun schubse diesen Mann da vor die U-Bahn. "
"Aber warum denn? Den kenne ich doch gar nicht. Außerdem will ich nicht ins Gefängnis" erwiderte ich, etwas empört über die Ideen dieses Vogels
"Hab keine Angst. Kein Richter der Welt wird dich verurteilen. Denn du hast ja mich, den Papagei auf deiner Schulter. Nun mach mal!"
Ich würde Dir gern schildern was dann geschah, aber Ara hat mir das verboten. Er kann ja alles mitlesen, während ich hier am Schreibtisch sitze. Er sagt, ich hätte schon viel zu viel verraten und er will jetzt in die Küche zu seinem Trill. Ich glaube es ist besser, wenn ich an dieser Stelle abbreche, ich will Dir bald wieder schreiben liebes Tagebuch. Ich werde Dir bestimmt noch viel über meinen neuen Freund zu berichten haben. Also sei gegrüßt von mir, und natürlich vom Papagei auf meiner Schulter.
PS: Meine Frau ist der felsenfesten Überzeugung, daß ich spinne, aber Ara sagt, sie sei nur eifersüchtig, daß ich so was Exotisches auf meiner Schulter trage und sie nicht.

Dienstag 18. November

Liebes Tagebuch! Ara macht mir sehr zu schaffen. Ich habe heute herausgefunden, daß andere ihn tatsächlich nicht sehen können. Hab vor dem Kaufhaus gestanden. Bin auf die Leute zugegangen, hab mich vorgestellt und gefragt ob sie Ara sehen und wenn ja, was sie von ihm halten. Die meisten ignorierten mich einfach. Andere drehten sich um und tippten sich an die Stirn. Ein paar Mädchen kicherten und sagten ich hätte 'nen Vogel. Damit lagen sie gar nicht mal so falsch, den hab ich ja auch, auf meiner Schulter. Aber die meinten wohl nicht Ara. Zum Schluß kamen ein paar Männer in Uniform und mit Kaugummi im Mund. Die fragten: "Was machst'n Du hier?" Worauf ich wahrheitsgemäß antwortete: " Guten Tag, mein Name ist Johannes Berg und dieser kleine Rohrspatz - und ich zeigte dabei auf meine linke Schulter - ist Ara mein Papagei."
Du willst uns wohl verarschen", sagte der eine "Also paß mal uff Kollege, entweder du kofst hier wat, oder du haust ab. Verstehste? Kofen oder abhauen". Und der andere Sicherheitsmann sagte: "Wenn de nich von selba jehst dann wirste jegangen, unzwar von uns beeden". Ara sagte mir ins Ohr, daß diese Herren keinerlei Manieren hätten. Ich sollte sie dafür bestrafen. Ich kann hier nicht im einzelnen schildern, was dann passierte. Ara sagt, alle wollen immer nur Blut sehen und Leichen in Zeitschriften und so , aber wenn einer mal ernst macht vor ihrer Nase, dann schreien sie und laufen weg. Also ich will wirklich nicht auf Details eingehen, denn ich möchte keine Sensationen befriedigen. Ara will das nicht, und ich will es auch nicht. Jetzt sind wir zu Hause. Gerade schläft er, er hat Sonnenblumenkerne gegessen und ist dann eingenickt. Wenn ich nicht tue, was Ara mir sagt, hackt er mit seinem Schnabel auf meiner Schulter. Dann tut er mir sehr, sehr weh.

Noch immer Dienstag, 18. November

Liebes Tagebuch! Ich habe mich inzwischen an Aras Anwesenheit gewöhnt. Man könnte sagen, wir seien wie ein älteres Pärchen. In manchen Momenten, denke ich, wäre es schöner ohne Ara. Aber im Großen und Ganzen kommen wir gut miteinander aus. Im Internet haben wir eine Photographie von einer Maus gesehen, der man ein menschliches Ohr auf den Rücken transplantiert hatte. Wozu, weiß ich auch nicht. Aber wenn es so was gibt, warum sollte nicht ein Papagei auf meiner Schulter leben? Als ich vor dem Spiegel stand, hab ich gesehen daß Aras Krallen und meine Haut miteinander zu verwachsen beginnen. Darüber war ich ein wenig erschrocken. "Das ist der Lauf der Zeit" ,sagte Ara. Wer weiß denn, wieviel Zeit uns noch auf Erden beschieden ist? Laß sie uns nutzen, lieber Ara, laß sie uns nutzen!

Liebes Tagebuch! Ich muß mich sehr beeilen, denn Ara schläft nur sehr kurz. Also: Ara sagt, ich soll meine Frau vom Dach stoßen. Sie sei mißtrauisch und feindselig uns beiden gegenüber. Und außerdem hätte sie mit einem anderen Mann geschlafen. Und anschließend hätten die beiden über uns gelacht. Ich kann das nicht ertragen liebes Tagebuch. Das darf nicht so weitergehen, ich glaube, bei der nächsten Gelegenheit .... Pst. Ara wacht auf. Bis bald.

Mitwoch, 19. November

Liebes Tagebuch, gerade war ich in der Küche, da lag ein Messer, damit hab ich Ara den Kopf abgeschnitten, ha, ha, ha. Jetzt ist überall Blut, das aber keiner sehen kann außer mir. Ha, ha . jetzt ist wieder Ruhe. Die Radiostimme in meinem Ohr sagt, das hätte ich gut gemacht. Sie sagt auch, daß alle Ärzte Lügner und Heuchler sind. Dagegen sollte man mal was unternehmen. Das finde ich eigentlich auch. Ich schaue Fernsehen. Eine Reporterin steht auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz. Sie ist blond und blutjung und sie spricht in ein langes weißes Mikrofon: Vogestern stieß ein ältere Mann auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz einen unbeteiligten Passanten vor die Räder einer einfahrenden U-Bahn der Linie Fünf. Der Kameramann schwenkt auf die Gleise. Zwischen den Schwellen liegt Sägespänenmehl, es ist dunkelbraun verfärbt. Für den 46-Jährigen kam jede Hilfe zu spät. Der U-Bahnführer erlitt einen Schock und wurde ins Bundeswehrkrankenhaus Berlin Mitte eingeliefert Nach Angaben der Polizei, sagte der mutmaßliche Täter bei seiner Festnahme aus, daß ein Papagei ihn zu dieser Tat gezwungen hätte. Auf dem Bildschirm erscheint die Phantomzeichnung eines älteren Mannes. Er sieht aus wie jemand, dem ich schon mal begegnet bin. Auf seiner Schulter hat der Polizeigraphiker einen Papagei gemalt. Das ist mir doch wirklich zu blöd. Wer soll denn das glauben? Ein Papagei auf der Schulter! Der mutmaßliche Täter konnte jedoch entkommen. Die genaue Umstände der Flucht sind nach wie vor ungeklärt. Zeugen erklärten, er sei geflogen, oder, Zitat, von irgendwas fliegendem an der linken Schulter getragen worden. Die Radiostimme in meinem Ohr sagt, sie verabscheue Fernsehmenschen, sie seien eitel, sensationslüstern und eigentlich interessierten sie die Schicksale über die sie berichten einen Dreck. Dagegen müßte man mal was machen. Das finde ich eigentlich auch.

 

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte