www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 8, März 2001 - zurück zur Startseite

 

Freitag Abend

Ich komme nach Hause, schließe die Tür hinter mir ab und lasse mich auf mein Sofa fallen. Es ist Freitag abend. Geschafft. Ich bin früh aufgestanden, im Dämmergrau über die Torstraße gefahren, habe gearbeitet, auf dem Nachhauseweg Geld abgehoben. Ich habe nichts besonderes getan an diesem Freitag, trotzdem bin ich erschöpft und müde, ausgelaugt vom Tag und der Woche. Mein Kopf ist leer1, mein Blick fast so stumpf wie das Fernsehprogramm vor mir. Die Fernbedienung auf meinem Oberschenkel2, fehlt nur noch die frisch gekaufte Bierdose aus dem Kühlschrank auf meinem Bauch3, und das Schicksal dieses Freitag Abends ist besiegelt.

Doch es regt sich Widerstand. Freitag abend, das war einmal ein magischer Zeitpunkt. Der helle Punkt am Ende der Woche, Auftakt für zweieinhalb Tage voller Parties, Kneipenbesuche, Clubs, Kinos. Die Belohnung für die Alltäglichkeit des Alltags. Die Zeit, um die Woche aus den Knochen zu treiben, den Kopf freizumachen vom Pfropf, der verstopft. Zuviel Bier, Freunde um mich. Fühlen, daß man lebt.

Während ich darüber nachdenke, werde ich schläfrig. Schade, daß "Voyager" freitags nicht mehr kommt.

Ich sitze auf meinem Sofa zwischen den Stühlen4. Die Woche ist vorbei, das Wochenende hat noch nicht begonnen. Bleibe ich sitzen, kapituliere ich vor der Woche, vor der Erschöpfung, die keine ist, vor der Leere, resigniere. Die Versuchung ist groß, meine Couch ist sehr bequem, das sagen alle. Vor meinem Fenster ohne Jalousie ist die faszinierende bunte Welt. Berlin, die Stadt, von der alle denken, daß immer überall etwas abgeht. Wahrscheinlich stimmt das sogar.
Man könnte ja ins WMF5, nur mal angenommen. Vor dem Reingehen schon stellt sich die wichtige Frage, ob man die Jacke im Auto läßt und sich an der Tür eine Erkältung holt, oder innen noch mal zwei Mark für die Garderobe bezahlt. Dann der Club, Location abchecken. Bekannte Gesichter suchen, den DJ kritisch beäugen, über den Sound fachsimpeln. Becks für fünf Mark trinken, tanzen. Augen auf die schick angezogenen Frauen werfen, sich vorstellen, wie sie morgens nach dem Aufstehen ohne Schminke6 aussehen. Tanzen. Eine Stunde länger bleiben als man wollte. Verschwitzt und durchgefroren zu Hause ankommen. Zu müde, um Zähne zu putzen, einfach nur schlafen. Der Körper vibriert im Takt des Abends, der Beat bleibt im Kopf bis Montag und versöhnt dich mit der neuen Woche. Erschöpfung.

Mein Blick wandert zum Telefonhörer. Vielleicht rufe ich ja ein paar Leute an und mache einen Videoabend. Scheint mir ein guter Kompromiß zu sein.
 


1 Zu vergleichen mit dem Gefühl von Zak in "Zak McCracken", als er die Verdummungsmaschine der Außerirdischen benutzt, und danach sagt: "Ich komme mir irgendwie dumm vor." Auch zu vergleichen mit jeglichem Gesichtsausdruck von Arabella Kiesbauer. zurück

2 Meine Fernbedienung hat an der Seite einen länglichen Knopf, mit dem man die Tasten beleuchten kann. Manche Menschen finden das dekadent, aber mich versöhnt es ein wenig mit dem Dasein. Eine Welt, die beleuchtbare Fernbedienungen hervorbringt, kann nicht nur schlecht sein. zurück

3 der Kühlschrank ist nicht auf meinem Bauch, es ist das Bier aus dem Kühlschrank, das auf meinem Bauch steht. Meine Ausdrucksmöglichkeiten bieten leider nicht genug Potential für differenziertere Darstellungen dieses Vorgangs. zurück

4 Wenn das ein literarisches Mittel sein soll, dann kein sehr gutes - Anmerkung des Vereins zum Erhalt der deutschen Sprache. zurück

5 http://www.wmf-club.de zurück

6 ... und ohne schick angezogen ... zurück

 

Autor: rob, rob@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte