www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 8, März 2001 - zurück zur Startseite

 

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U-Bahnhof Kurfürstenstraße

(rob)

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Der erste Impuls ist, weiterzugehen. Nicht aus Angst oder Gleichgültigkeit, der sonderbare Anblick geht einfach unter im frühabendlichen Treiben auf der Kurfürstenstraße, der Dämmerstimmung, den Neonreklamen der nahen Potsdamer.

Eine Frau liegt neben den Schaufenstern eines Möbelgeschäfts auf dem Boden. Sie trägt eine dunkle Jacke, ausgebeulte Jeans, Turnschuhe. Ihre Hand umklammert eine zerknitterte Plastetüte. Eine braune, altmodische Handtasche liegt etwa zwei Meter von ihr entfernt. Ich bleibe stehen und schaue mich suchend um ...
 

 

 

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Ich gehe einen Schritt auf sie zu und spreche sie an. Die Hand, die die Tüte umschließt, bewegt sich träge, die Frau grunzt unverständlich. Ein Mann kommt dazu, spricht sie laut an und versucht sie zum Aufstehen zu bewegen. Nach einer Ewigkeit kommt sie wackelig auf die Beine. Der Mann fragt, ob sie alleine stehen kann, sie schaut ihn an und sagt mit brüchiger Stimme: "Glaubste, ich kann nich laufen, oder was?". Die Situation ist ihr sichtlich unangenehm. Sie will uns nicht glauben, daß sie hilflos auf dem Boden gelegen hatte. Der Mann sagt: "Siehste, da willste denen helfen, und das ist dann der Dank". Er geht ein Stück abseits und diskutiert die Angelegenheit mit einem anderen Passanten. Ich gebe der Frau ihre Handtasche wieder, sie schaut uns abwesend an. Ihr Gesicht ist bleich und verquollen, sie sieht fertig aus. Sie hält ihren linken Arm, klopft sich auf die Armbeuge und sagt, sie muß los, Geld machen. In ihrem elenden Zustand geht die nirgendwo hin, denke ich.

Eine ältere Dame kommt dazu, etwa 65 Jahre alt, sie ist stark geschminkt und trägt einen langen schwarzen Pelzmantel. Bestimmt geht sie auf die Fixerin zu und fragt, ob sie irgendwo hin kann, wo sie Freunde hat, die ihr helfen. Die Fixerin schüttelt abwesend den Kopf, verliert dabei fast das Gleichgewicht. Sie muß Geld machen. Die ältere Dame schaut ratlos, gibt aber nicht auf. Mit fürsorglichem Blick sagt sie: "Sie müssen doch jemanden haben, zu dem sie gehen können. Sie können doch nicht so auf der Straße liegen. Ruhen sie sich erstmal aus, das geht doch so nicht." Die Fixerin sieht etwas hilflos aus angesichts so vieler guter Ratschläge. Sie reibt sich den Kopf, schaut unentschlossen die Kurfürstenstraße entlang. Doch die ältere Dame ist noch nicht fertig. Sie greift der Fixerin fürsorglich an den Ellenbogen, hält den Kopf schräg, und sagt mit sanfter Stimme: "Und versuchen sie es doch mal mit ein bißchen Fröhlichkeit." Jetzt ist die Fixerin wieder fast nüchtern: "Fröhlichkeit?", sagt sie ungläubig, und Tränen schießen ihr in die Augen. "Ja, Fröhlichkeit, dann geht doch alles besser." sagt die ältere Dame. Offenkundig enttäuscht über die wenig begeisterte Reaktion angesichts dieses grandiosen Vorschlags fügt sie hinzu: "Es tut mir leid, ich muß weiter, ich habe einen Termin. Bitte passen sie auf sich auf!". Ältere Dame ab.

Ich bin wieder allein mit der Fixerin, aber sie hat sich etwas gefangen. Ich überlege, was ich noch sagen oder tun kann, aber mir fällt nichts ein. Die angeblich verständigte Polizei ist immer noch nicht da, ich bin mir auch nicht sicher, ob die ihr helfen würden. Ein paar Stunden auf der Wache, letztendlich landet sie wahrscheinlich wieder hier. Ich frage, ob sie in der Nähe soziale Einrichtungen kennt, wo man sich aufwärmen oder etwas essen kann. Sie schüttelt den Kopf. Ich kenne auch keine. Ich frage, ob sie irgendeinen Platz hat, wo sie unterkommen kann. Sie bejaht, und ich sage ihr, sie solle dort hingehen, und heute nicht mehr auf die Straße, weil das in ihrem Zustand keinen Sinn macht. Hoffentlich klingen meine Ratschläge anders als die der älteren Dame. Die Fixerin wird ungeduldig, sie will los, mich loswerden. Ich fasse sie an die Schulter und wünsche ihr viel Glück. Es ist ehrlich gemeint, ich hoffe, es klingt auch so. Sie nickt, schaut mich einen kurzen Moment an, und läuft los.

Ich drehe mich um und laufe auch weiter. Ganz schön viel Realität auf einmal für meinen Geschmack.
 

 

 

 

Autor: rob, rob@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte