www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 8, März 2001 - zurück zur Startseite

 

Leidklagen eines Sprachlosen (mat)

O Herr, der du mir die Sprache gegeben hast, höre an mein Wort, denn vor dich möchte ich bringen die Last meiner leidvollen Stunden.

Herr, einst waren da Tage, da du mich reich beschenktest mit der Gabe, für mein Befinden und Verstehen die richtigen Worte zu finden - Worte, die es hell werden ließen in den Herzen und Köpfen meiner Mitmenschen: hell in den Köpfen, weil es Worte waren, die den Blick freigaben in das Innere der Welt meiner Gedanken und Gefühle; hell in den Herzen, weil dieses Innere angefüllt war mit Liebe, Vertrauen, Freundlichkeit. Und reich war auch dein Geschenk der Gabe, diese meine Worte zu treffenden Sätzen zu verbinden - Sätze, die wohl klangen im Ohr und im Verstand meiner Mitmenschen: Wohlklang für den Verstand, weil es eine Lust war, dem Nacheinander der Perioden zu lauschen; Wohlklang für das Ohr, weil meine Stimme zart und genau die Laute in Sprache verzauberte.

Jetzt aber Herr, sieh an die Last meiner leidvollen Stunden - Stunden der vergeblichen Suche nach dem erhellenden Wort. Nur Dunkel bleibt in den Herzen und Köpfen meiner Mitmenschen, wenn mein Wort sie trifft. Stunden des mühseligen Verbindens dieser Worte zu klingenden Sätzen. Nur Missklang bleibt im Ohr und im Verstand meiner Mitmenschen, wenn das Gegeneinander meiner Sätze sie bedrängt.

Frühling 1Herr, was ist geschehen, dass deine reiche Gabe mich hat so ganz verlassen?

War es das Studium der Meister, welches die eigene Empfindung, die eigene Begeisterung für Wort und Klang verstummen ließ? Herr, das ist wahr: Du gabst ihnen, den Meistern, reichlich von deinem Geist, der den Verstand erhellt und die Zunge löst.

Ist es doch jener Meister der Rhetorik gewesen, der allzeit der Mundart des gewöhnlichen Erdenbürgers nachspürte und es allewege verstand, seine Botschaften einfach und doch treffend, derb und doch gewandt ins Wort zu fassen. Seine Schriften lesend staune ich: Wohin ist meine Gabe, die Sprache des Alltags, so wie sie auf Arbeit und Daheim, in der Schule und unter Freunden, an Universitäten und in der Zeitung lebendig ist, aufzuspüren und auszubuchstabieren - wo ist sie hin?

Ist es doch jener Meister der Dogmatik gewesen, der den Gegenstand seiner Wissenschaft nicht nur in seinem ganzen Facettenreichtum betrachtet hat und tief in dessen Wesen vorgedrungen ist, sondern auch die Erfolge seiner vordringenden Betrachtungen in kunstvollen Satz- und Lehrgebäuden den Nachkommenden mitgeteilt hat. Seine Bücher lesend staune ich: Wohin ist meine Gabe, die Inhalte meines Befindens und Verstehens aufzuspüren und auszubuchstabieren - wo ist sie hin?

Ist es doch jener Meister der Dialektik gewesen, der nicht aufgab in seinem Bemühen, das Nichtsagbare doch auszusprechen, vom Nichtverfügbaren doch zu reden - indem er die Niederungen und Höhen der Sprache immer wieder neu durchwanderte, um dem schöpferischen Wort selbst Gehör zu verschaffen, das als Echo dieser Wanderungen widerhallt zwischen den Gipfeln der eigenen Ohnmacht. Sein Werk lesend staune ich: Wohin ist meine Gabe, die heilsame Mitte zwischen sprechender Macht und tönender Ohnmacht aufzuspüren und auszubuchstabieren - wo ist sie hin?

Herr, ich habe viel gelernt von jenen Meistern - und doch fehlt mir eines: dein Geist, der den Verstand erhellt und die Zunge löst.

War es der Eindruck meines Lehrers, welcher die eigene Empfindung, die eigene Begeisterung für Wort und Klang verstummen ließ? Herr, das ist wahr: Du gabst auch ihm, dem Lehrer, nicht wenig von deinem Geist, der des Menschen Verstand erhellt und seine Zunge löst. Ist es doch jener Lehrer gewesen, der im Schatten und in der Spur der Meister weiterfragte und weiterjagte nach der Sache, die jene schon trieb - ein solches Fragen, Forschen und Festhalten nämlich war es, das zwar ganz in deinem Dienste, du großer Gott, stand; aber doch scheute es nicht den Dialog mit den fremden Wissenschaften und das Gespräch mit der gottfernen Welt. Vor der Welt und ihren Großen fand jener Lehrer wohlgewählte Worte, welche dich nicht verleugneten, vielmehr lauter und felsenfest bezeugten.

Und so staune ich, da ich mich seiner Lehre erinnere: Wohin ist meine Gabe, die Gedanken meiner Seele und die Gefühle meines Herzens so zu verkünden, dass die Welt weder beschämt noch erschrocken ist, weder gleichgültig noch gedankenlos bleibt, sondern sie sich eingeladen und willkommen, aufgefordert und herausgefordert fühlt - wo ist diese Gabe hin? Ja Herr, ich habe viel gelernt von meinem Lehrer - aber doch fehlt mir eines: dein Geist, der den Verstand erhellt und die Zunge löst.

Frühling 2Ach Herr, woher kommt sie: die Last meiner leidvollen Stunden? Ach Herr, wie lange noch soll ich vergeblich suchen nach dem erhellenden Wort? Wie lange noch soll ich mich mühen des Verbindens der Worte zu klingenden Sätzen?

Herr, was waren das für Tage, da Du mich reich beschenktest mit deinen Gaben, auf dass dein Geist den Verstand erhellte und die Zunge löste? Welches Licht fiel damals in mein Herz, machte sein Inneres rein und hell? Welcher Klang wandelte meines Herzens Sinn, öffnete es und ließ eine zarte Wortmelodie erklingen?

Du weißt es, Herr: Dieses Licht strahlte von einer Frau her in mein Herz - ein Licht, welches deinen Geist ganz fremd und neu in mir lebendig werden ließ. Ein Licht war es, so farbenfroh, dass es mein Herz in seiner Fülle leuchten ließ - und diese Fülle war es, die sich in tausenderlei Worten zu einer Symphonie der Sprache verband, die ein Wohlklang war in den Ohren meiner Liebsten und meiner Mitmenschen. Ein Licht war es, so leuchtend stark, dass es jeden Missklang und Lärm aus meinem Herzen vertrieb - und Liebe, Vertrauen und Freundlichkeit, die allein in meinem Herzen wohnten, waren es, die es in dem Herzen meiner Liebsten und in den Köpfen meiner Mitmenschen hell werden ließen. Ja Herr, damals lernte ich viel von der Liebsten - jetzt aber vermisse ich ihn: deinen Geist, der den Verstand erhellt und die Zunge löst.

O Herr, der du mir ein liebendes Herz gegeben hast - wie vermisse ich die Liebste in diesen leidvollen Stunden. Herr, sieh an die Last, welche du deinem Knecht hast aufgeladen und erhöre sein Flehen. Ja, erhöre doch mein Rufen und Fragen:

Wer tut meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkünde?

 

Autor: mat, mat@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte