Eine Zumutung, dieses
Zeitalter! (lex)

Die Illustrierte stellt die
Inselfrage - ein prominenter Nachrichtenspecher antwortet: "Rotwein, Käse,
Camus" . Aus der bekannte Schauspielerin hingegen platzt es heraus:
"Glücksbringer Schnuffi, Schminke, Schmuck". So verschieden sind die Menschen
bzw. die Geschlechter. Niemand denkt daran ein Boot mitzunehmen. Wenn ich auf eine einsame
Insel fahre, nehme ich doch ein Boot mit. Ich lasse es mir auf der Insel gutgehen,
klappere mit Kokosnüssen und schaue den Bananenmädchen beim Tanzen zu.
Später überfällt mich die Langeweile. "Gut, daß ich mein Boot dabei habe"
juchze ich dann und steche in See. Auf der nächsten Insel winkt ein hübsche Dame mit
einem Stofftier, von weitem sehe ich: Es ist die Schauspielerin aus dem Steckbrief. Sie
ruft: "Ich brauche einen Mann und zwar schnell. Das aber geht mir etwas zu schnell,
vielleicht ist es ja die Sireneninsel, und schnell drehe ich ab. Man sollte als Autor die
Abhängigkeit seiner literarischen Figuren nicht für sexuelle Abenteuer ausnutzen.
Etwas später stoße ich auf die nächste Insel, darauf winkt ein bekannter
Nachrichtenmoderator. Er ruft:"Camus ist so existenzialistisch, jetzt brauch' was
Leichtes, eine Photozeitschrift ,was weiß ich, "Tausend nackte Titten tanzen auf den
Tischen", oder sowas, dazu ein paar Dosenbiere, Tiefkühlpitzen und eine Packung
Tempos. Ich aber erwidere angewidert: Hätten Sie alles haben können, aber nein, Sie
wollten sich ja im Steckbrief der Zeitschrift Frau im Koma als fesche und intellektuelle
Genussbestie profilieren, nun haben sie den Salat." Mh, Salat! Salat wäre auch nicht
schlecht!", ruft der Nachrichtenmoderator, "Ich habe schon Skorbut und mir
fallen die Zähne aus".
Eigentlich mag ich Einsame-Insel
Witze sehr, sie kommen mit einem Minimum an Interieur aus und verkörpern die Isolation
des Individuums unseres Zeitalters. Sie gehören zu den besten Ideen von Kartoonisten
überhaupt. Ein Kartoonist ohne Inselbildwitzchen ist wie ein Nachrichtensprecher ohne
Zähne. Nicht lustig sind hingegen Witze, die mit den Worten "Wenn ich früh vor dem
Spiegel stehe, begegnet mir..." beginnen. Diese Art Witze sind so was von lieblos,
und mit Staubfuseln besetzt, die könnte man getrost in die Tonne kloppen und keiner
würde ihnen hinterherlachen.
Manche Humorsendungen im Fernsehen möchte ich gleich noch hinterdrein schicken und dabei
rufen "Was haben wir gelitten - aber nun, nun ist es vorbei" . In der Tonne
würde es bedrängend eng sein und den Kalauern würde es angst und bang ums künstliche
Herz. Neben der Tonne mit abgestandener Humorlosigkeit, stünde ein Faß für die
Gagschreiberteams, ein Faß ohne Boden. Weiter hinten noch ein Lachzwangbehälter für die
Publikumsinsassen. Auch im Humor- und Fungewerbe gilt es den Müll zu trennen.
Humorwissenschaftler müßte man sein. Ich hätte den Lehrstuhl Melodramatik inne am
Lehrstuhl Mensch. Ich wäre ein leidenschaftlicher Humorprofessor, die Studenten würden
abends noch im Hörsaal sitzen, statt vor irgendwelchen Late-Night Shows. Ich würde den
ganzen Tag schwer arbeiten, indem ich alle Filme von Buster Keaton und Charly Chaplin
anschaue und mir die gnadenlos unerreichbaren Cartoons von Tex Avery reinziehe.
Fernseteams würde ich Interviews geben, charmant, geistvoll, witzig und unten im
Bildschirmbogen stünde: Professor Lex , Humorexperte, was an sich schon lustig ist. Aber
im verbiesterten Büroklima der Universitäten will ich lieber doch nicht Humorprofessor
sein. Wir brauchen nämlich eine Reform der Universitäten. Für jeden Lernenden ein
Leine. Hunde brauchen einen Internetanschluß , die EG mehr Jugendclubs mit
Tischtennisplatten, rechte Jugendliche mehr Transparenz. Ein Ruck muß durch diese
Gesellschaft gehen, wenn der Ruck gegangen ist, kommt er in den Sack, den Rucksack. Ein
aus der Mode gekommenes Transportbehältnis und bevorzugtes Objekt der Taschendiebe in
Berlin. Der deutschen Stadt, in der ein rauher Globalisierungswind weht.
Nach dieser etwas holprigen
Überleitung bin ich beim schon tausendmal benutzten Kaugummi Berlin
- Die neue Metropole angelangt. Überall in der Stadt klebt dieser Kaugummi,
in den Zeitschriften der Republik klebt er, unausrottbar, auf Plakatwänden,
in den Mündern - überall quellen Metropolenkaugummis. Die benutzten
wandern nicht etwa in den Abfallbehälter, nein, mitnichten, sie werden
weitergereicht, von einem Interview zum nächsten. Dann werden sie zwei-
dreimal kräftig aufgeblasen. An den Blasen bleibt allerlei verbliebene
Prominenz hängen wie Fliegen an einem InsektenPheromonKlebestreifen
und auf diesem Wege kommen sie alle nach nach Berlin.
Mein aufrichtiger Respekt gilt all jenen, die in der als Provinz bezeichneten
Restrepublik die Stange halten. Eine Große Stadt ist ja glücklicherweise
in der Lage die Hysterie, die ums sie gemacht wird, locker zu verdauen.
Eine Großstadt ist was feines, nur hier laufen all die bunten Gestalten
herum, die ich mit dem Schmetterlingskäscher einfange, um sie mit Formaldehyd
zu betäuben und mit Nadeln in meinem Text - Herbarium aufzustechen.
Lebte ich auf dem Lande, wüßt ich vor lauter Wald gar nichts zu schreiben,
und müßte wie in den letzten hunderttausend Tagen des Ernst Jüngers
Käfer - Herbarien anlegen. Nö, das heb ich mir auf für's Altenteil.
Vorher begebe ich mich aber auf die Suche in der und verwebe Assoziationsketten.
Ich werde einen Roman schreiben, der all das Leid unserer Epoche auf
den Punkt bringt: Ich nenne ihn: In Internetgewittern. Manchmal brauche
ich aber auch Abstand, dann fahr ich mit dem Boot auf eine einsame Insel,
wo die Bananenmädchen tanzen, vorbei an Inseln auf denen als vermisst
geltenden Nachrichtenmoderatoren und Schauspielerinnen aufgeregt winken.
Ich rufe dann:"Tja, ihr müßt hier bleiben, weil ihr im Prominentensteckbrief
nicht eure wahren Bedürfnisse eingestehen wolltet. Ihr als einsame Inselbewohner
seid zudem ein lustiger Ausdruck der Isolation unseres Zeitalters."
Von den Inseln schallt es zurück:"Eine Zumutung dieses Zeitalter!"
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