www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 9, Juli 2001 - zurück zur Startseite


Michel Houellebecq:
Ausweitung der Kampfzone
(daslars)

M. Houellebecg: Ausweitung der Kampfzone, rororo 23070

Das fortschreitende Verlöschen menschlicher Beziehungen bringt für den Roman (...) einige Schwierigkeiten mit sich. (...) Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.
Michel Houellebecq versucht diese Form zu finden. Sein erster Roman "Ausweitung der Kampfzone" wurde mit Literaturpreisen überhäuft. Sein Name wurde neuer Fixpunkt der Feuilletonisten, seine Romantitel zu Leitthemen für Podiumsdiskussionen von Philosophen und Kulturtheoretikern, seine Texte zu Stoff für Theaterinszenierungen. Houellebecq scheint unumgänglich. Ein Interesse, das neugierig macht. Jetzt ist bei rororo zum Welttag des Buches eine mit 10 DM recht billige limitierte Taschenbuchausgabe dieses Buches erschienen.

Der ehemalige Informatiker Houellebecq schreibt die Geschichte eines Informatikers, der aus seinem Leben erzählt:
Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidungen zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information.
Es mag in dieser Welt liebenswerte Details geben - oder Menschen, die einem Anker sind. Der namenlose Protagonist des Buches findet sie nicht. Es liegt nicht daran, dass er nicht suchen würde. In lose montierten Episoden und Szenen beschreibt er Begegnungen mit Kollegen
Er sagte (und glaubte in gewisser Weise tatsächlich daran), dass die Intensivierung der Informationsflüsse in der Gesellschaft an sich eine gute Sache sei. Dass Freiheit nichts anderes sei als die Möglichkeit, Verbindungen verschiedenster Art zwischen Individuen, Projekten, Institutionen und Dienstleistungen herzustellen. Das Maximum an Freiheit fiel seiner Meinung nach mit dem Maximum an Wahlmöglichkeiten zusammen. (...)
Er verglich die Gesellschaft gewissermaßen mit einem Gehirn, die Individuen mit Gehirnzellen, für die es tatsächlich wünschenswert ist, so viele Verbindungen wie möglich herzustellen. Darin erschöpfte sich aber die Analogie. (...)
In gewisser Weise war er ein glücklicher Mensch. Er fühlte sich, nicht zu Unrecht, als Akteur der telematischen Revolution. Er empfand tatsächlich jede Erweiterung der Macht der Informatik, jeden Schritt hin auf die Globalisierung des Netzes als persönlichen Sieg.
oder mit Menschen auf der Straße.
Einige von den jüngeren tragen Lederjacken mit wüsten Hard-Rock-Motiven; man kann darauf Sätze lesen wie "Kill them all!" oder "Fuck and Destroy!" Aber alle verbindet die Gewissheit, einen angenehmen, hauptsächlich dem Konsum gewidmeten Nachmittag zu verbringen und so zur Festigung ihres Daseins beizutragen.
Jedoch steht die Suche unter den Vorzeichen tiefer Enttäuschung und mangelnden Vertrauens. Er findet immer wieder nur das Schlechte. Sein Hass verwandelt sich in finsteren Humor, sein Unverständnis in Teilnahmslosigkeit, sein Mitgefühl erschöpft sich in Mitleid. Über seine Ex-Freundin fällt er ein vernichtendes Urteil,
Zweifellos hatte sie wie alle Depressiven seit jeher Anlagen zu Egoismus und Hartherzigkeit;
ergibt sich selbst aber immer mehr seinen Depressionen.
Ich habe so wenig gelebt, dass ich zu der Vorstellung neige, ich würde niemals sterben; kaum zu glauben, dass sich ein Menschenleben auf so wenig beschränken kann; trotzdem stellt man sich vor, dass früher oder später doch noch etwas geschehen wird. Ein schwerer Irrtum. Das Leben kann durchaus leer und kurz zugleich sein.

Ich erinnere mich, das ich über den Selbstmord nachdachte, seine paradoxe Nützlichkeit. Setzen wir einen Schimpansen in einen zu kleinen Käfig mit Balken aus Beton. Das Tier wird zweifellos zu toben beginnen, wird sich gegen die Wände werfen, sich die Haare ausreißen, wird sich fürchterliche Bisse zufügen, und in 73 Prozent der Fälle wird es sich schlussendlich töten. Brechen wir nun eine Öffnung in eine der Wände, die wir vor einen Abgrund stellen. Unser sympathischer Vierhänder wird an den Rand herankommen, wird hinunterschauen und lange dort stehen bleiben, wird mehrmals zurückkehren, aber in aller Regel nicht hinabstürzen; und seine Erregung wird sich in jedem Fall radikal mildern.

Aus dieser depressiven Passivität heraus analysiert er die Gesellschaft. Sein Hauptinteresse gilt ihren zentralen Triebfedern - Geld
"Von allen ökonomischen und sozialen Systemen ist der Kapitalismus zweifellos das natürlichste. Das genügt bereits, um darauf zu verweisen, dass er das schlimmste sein muss."
und Sex.
Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld vollkommen unabhängig ist; es funktioniert auf ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. (...) Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal oder überhaupt nie. Manche treiben ist mit hundert Frauen, andere mit keiner. Das nennt man das "Marktgesetz". (...) Der Wirtschaftsliberalismus ist die Erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. (...) Manche gewinnen auf beiden Ebenen, andere verlieren auf beiden. Die Unternehmen kämpfen um einige wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um einige wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich.

Houellebecq seziert mit gnadenlosen Blick. So beschreiben es Kritiker anerkennend. Aber nicht um das bösartige Geschwür zu identifizieren, es bloß zu legen, es entfernen zu können, um Heilung anzustreben. Sondern um wütend in den Wunden herumzustochern, den gesamten Körper für befallen zu erklären und resigniert aufzugeben.
Das Versprechen des Autors zu Beginn des Romans wird eingehalten.

Auch Sie haben sich für die Welt interessiert. Das ist lange her; versuchen Sie bitte, sich daran zu erinnern. Das Gebiet der Vorschriften hat Ihnen nicht mehr genügt; Sie konnten nicht länger im Gebiet der Vorschriften leben; also mußten sie in die Kampfzone eindringen. Versetzen Sie sich bitte genau an diesen Zeitpunkt zurück. Es ist lange her, nicht wahr? Erinnern Sie sich: Das Wasser war kalt.
Jetzt sind Sie weit weg vom Ufer. O ja, wie weit weg vom Ufer Sie sind! Lange Zeit haben Sie an die Existenz eines anderen Ufers geglaubt; jetzt nicht mehr. Trotzdem schwimmen Sie weiter, und jede ihrer Bewegungen bringt sie dem Ertrinken näher. Sie bekommen keine Luft mehr, Ihre Lungen brennen. Das Wasser kommt Ihnen immer Kälter vor, immer bitterer kommt es Ihnen vor. Sie sind nicht mehr ganz jung. Sie werden sterben, jetzt gleich. Es ist nichts. Ich bin da. Ich lasse sie nicht fallen. Lesen Sie weiter.
Erinnern Sie sich noch einmal an Ihr Eindringen in die Kampfzone.

Houellebecq lässt einen nicht fallen. Man schwimmt ja. Er kommt von unten, zieht an den Füßen, läßt einen immer mehr von dem bitteren Wasser schlucken, bis man selbst ganz vergiftet ist. Es mag psychologisch glaubhaft sein, dass der Protagonist, der die Gefühlslosigkeit der Welt beklagt, selbst so leidenschaftslos agiert. Es mag formal konsequent sein, dass in dem Buch so wenig passiert. Doch deprimiert diese Stimmung, ohne dass man einzelnen Argumenten folgen muss, so umfassend, dass sie Widerspruch lähmt und positive Aktion unterbindet. Ich persönlich brauche kein Buch, das nur erzählt, wie schlecht die Welt ist, ohne einen Funken Hoffnung zu lassen.

Christiane Paul hat in einem Interview gesagt: "Meint der Houellebecq eigentlich ernst, was er schreibt? Dann ist er verloren. Der Junge muss sich nur mal richtig verlieben." Diese Vermutung scheint nicht ganz unbegründet.

"Es gibt Menschen, die spüren sehr früh eine erschreckende Unmöglichkeit, auf sich allein gestellt zu leben; im Grunde ertragen sie es nicht, ihrem Leben ins Gesicht zu blicken und es als Ganzes zu sehen, ohne Schattenzonen, ohne Hintergründe. Ich räume ein, dass ihre Existenz eine Ausnahme von den Naturgesetzen ist, nicht nur, weil sich dieser Riss der fundamentalen Nichtanpassung außerhalb jeder genetischen Finalität vollzieht, sondern auch wegen der exzessiven Hellsichtigkeit, die er voraussetzt, eine Hellsichtigkeit, die die Wahrnehmungsmuster der gewöhnlichen Existenz offenkundig überschreitet. Es genügt manchmal, ihnen einen anderen Menschen gegenüberzustellen, wobei dieser ebenso rein, ebenso transparent sein muss wie sie selbst, damit dieser Riss sich in ein leuchtendes Streben auflöst, das beständig auf das absolut Unerreichbare gerichtet ist. Während ein Spiegel Tag für Tag dasselbe trostlose Bild zurückwirft, planen und bauen zwei parallele Spiegel ein klares dichtes Netz, welches das menschliche Auge auf einen unendlichen Weg ohne Grenzen führt, unendlich in seiner geometrischen Reinheit, jenseits aller Leiden, jenseits dieser Welt"

"Das ist doch Masche. Es ist gerade hip, alles finster zu sehen.", hat Benno Führmann Cristiane Paul in diesem Interview geantwortet.

Liest man die zahllosen Leserrezensionen auf amazon.de, wird klar, dass viele Menschen zu diesem Buch etwas zu sagen haben oder etwas sagen wollen. Ich glaube nicht, weil es so herausragend ist, sondern weil es auch so etwas wie eine intellektuelle Popkultur gibt.
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Benjamin von Stuckrad-Barre.

Text und Bilder (Bruce Naumann) zitiert aus der Taschenbuchausgabe Nr. 23070 des rororo-Verlags

 

Autor: daslars, daslars@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte