Wenn
das Leben eine schiefe Kurve macht (ricarda)
In der Straße, in der ich wohne, wird mit Tellern geworfen. Die Scherben liegen dann auf
dem Bürgersteig. Aber nicht nur das; man kann auch unbequemen Besuch bekommen. Besuch,
den man nicht im Traum erwarten würde und der alles auf den Kopf stellen kann.
An meiner Wohnungstür
klopft es energisch, die Klingel ist schon lange kaputt. Ich
öffne die Tür, und Anna, eine ehemalige Mitschülerin
aus früherer Zeit, kommt herein. Sofort sagt sie: "Ich
hab dir doch von meinem Onkel erzählt, der ein Zimmer sucht.
Und du hast gesagt, ja, du würdest dich darum kümmern."
Sie spricht schnell, als hätte sie es eilig. Und überhaupt
bin ich etwas überrumpelt. Dazu meine ich: "Es ist
schon richtig, ich erinnere mich an unser Telefongespräch.
Aber wir haben doch nichts ausgemacht. Hier kann jedenfalls
niemand einziehen, verstehst du?" (Warum sollte ich jemanden
Fremdes in meine Wohnung einziehen lassen? Ja, woher kommt dieser
merkwürdige Einfall?)
Anna jedoch kümmert
mein Gerede nicht; sie stürmt fast an mir vorbei in die
Wohnung und gibt meinen Blick frei auf das Treppenhaus; dort
steht ihr Onkel mit einem großen Haufen Verwandtschaft:
Neffen, Nichten, Tanten und etliche Möbel. Und diese Ansammlung
tritt nun ihren Weg in meine Wohnung an. Sie stellen einen Esszimmertisch
in der Mitte des Raumes auf, Stühle darum herum, einige
Biedermeiersessel und ein Sofa aus dieser Zeit. Dann wird in
kürzester Zeit eine Musikanlage installiert und die Lautstärke
fast bis zum Anschlag gedreht. Ich laufe durch meine Wohnung,
um Anna zu finden, sie muß mir erklären, was das
soll. Alles, was ich entdecke, sind drei Kinder, die in meinem
Zimmer Karten spielen. Ich drehe mich um, will Annas Onkel erklären,
dass es gar nicht so geht, wie er es sich seltsamerweise vorgestellt
hat. Er sitzt gemütlich auf einem Stuhl, seine Verwandtschaft
um sich herum. Die laute Musik verhindert konsequent ein Durchdringen
meines Protests. Ich stehe da, die Hände in wachsender
Verzweiflung erhoben und brülle gegen jegliche Geräusche
an: "Alle müssen wieder raus hier! Es gibt keine Vereinbarung
und keinen Mietvertrag. Hier kann niemand mehr wohnen, die Wohnung
ist doch längst voll!" Doch niemand kümmert sich
um mich; es ist, als wäre ich in meiner eigenen Wohnung
zu Besuch.
Da packt mich die Wut: auf
Anna, die mir das bescherte, auf die Verwandtschaft, die sich
so ohne weiteres hier einnistet und ich stürme zum Fenster,
reiße es sperrangelweit auf und beginne, einzelne Stühle
aus dem Fenster in den von der Sonne grell beschienenen Hinterhof
zu werfen. Dann, als besäße ich große Schaufelhände,
schiebe ich den Verwandtenpulk Richtung Treppenhaus, mit allen
Möbeln und Kindern.
Ich gehe sogar noch mit in den Hinterhof, um aufzupassen, dass keiner wieder an mir vorbei
in die Wohnung gelangt. Ich höre keine Worte des Widerwillens, keinen Protest ob dieser
Zwangshandlung. Es ist, als wären sowohl Onkel als auch seine große Familie des
Sprechens nicht mächtig.
Unten angekommen stelle ich
die Möbel in einer Reihe auf, die Sonne scheint auf den
rot weiß gestreiften Satinbezug der Biedermeiermöbel.
Alle, die Platz finden, setzen sich. Und gucken still, aber
dennoch nicht verstört, vor sich hin. Es scheint ihnen
tatsächlich egal zu sein.
Aber darüber muß ich mir doch keine Gedanken machen,
ich will wieder zurück in meine Gefilde. Ich laufe die Treppen hoch, je näher ich meiner
Wohnungstür komme, desto langsamer werde ich. Und dann will ich die letzte Treppe
betreten und stocke: das Geländer ist teilweise herunter gerissen, die Stufen sind
eingebrochen, hölzerne Trümmer liegen auf dem Rest der Treppe. Und die Tür zu meiner
Wohnung fehlt ganz. Ich trete näher, und schaue in einen riesigen Speicher, auch hier
Schutt. Das Dach wird von Holzpfeilern getragen, die Sonne bahnt sich mit breiten
Strahlen, in denen Staub tänzelt, ihren Weg und beleuchtet das Unglaubliche, was sich mir
darbietet. Meine Wohnung ist irgendwie nicht mehr da. Oder träume ich das alles nur?
Darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Und wundere mich im Stillen darüber.
Denn ich habe eine wichtige Verabredung, und die will
ich einhalten. Im Vorbeigehen sehe ich die Möbel im Hinterhof stehen, die unliebsamen
Leute von Anna sind verschwunden.
Ich nehme mir vor, auf meinem Rückweg hierher werde ich mir mindestens das
Biedermeiersofa mitnehmen, wenn ich schon keine Wohnung mehr habe, dann wenigstens ein
Möbelstück zum Wohnen.
Tja, was fängt man damit an? Mmh, wieder was gelernt,
würde ich sagen. Nun muss ich mich nur noch vor fliegenden Tellern in acht nehmen.
Ricarda
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