www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 9, Juli 2001 - zurück zur Startseite

 

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An einem Sonntag im Mai, es war der erste, wurden wir durch laute Musik geweckt, die von der Straße kam. Als wir auf den Balkon traten, sahen wir auf vielleicht dreitausend Menschen, die sich in unserer Straße sammelten. Einzelne Grüppchen bildeten sich vor Hauseingängen und auf Rasenflächen und überall streunten Hunde, die sich gegenseitig am Hintern beschnupperten und bekläfften. Auf einem Kasten-Lkw waren große Lautsprecher festgeschnallt. Der Beifahrer drehte die Musik leiser und sprach durch ein weißes Mikrofon, doch man hörte nur ein paar Satzfetzen, weil der Schall sich an den Hauswänden brach. Auf den Transparenten waren die Köpfe von Revolutionshelden abgebildet, daneben las man Aufforderungen, das System zu zerschlagen. Vor unserem Haus, direkt vor unserer Nase also, war eine Revolution ausgebrochen. Und wir lehnten am Balkongeländer, blinzelten mit den Augen und schlürften Kaffee aus faustgroßen Tassen, auf denen Sprüche zu lesen waren.

 

Unter uns versuchten Autobesitzer ihre Wagen durch die Menge in sichere Nebenstraßen zu bringen. Sie hupten nervös und schoben sich zentimeterweise durch die Menge, aus der unter lautem Grölen sich Hände streckten, die auf das Dach schlugen oder den Wagen zum Schaukeln zu bringen versuchten. Die Ladenbesitzer hatten ihre Schaufenster mit dicken Dielenbrettern vernagelt. Nur vor der Tür des vietnamesischen Spätverkaufs staute sich eine Menschentraube, die nur widerwillig den Austretenden nachgeben wollte. Paul und ich beschlossen, uns durch das Gedränge zu wagen, um frische Brötchen zu holen. Vielleicht würden wir auch eine Zeitung finden, in der steht, was hier los ist, und Mangosaft, den wir zum Frühstück gern mit Joghurt mischten.

 

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Im Hinterhof pißten ein paar Punks Buchstaben an die Hauswand und zwischen den Blumenrabatten lag ein Bewußtloser oder Toter. Vor dem Hauseingang bekeiften sich zwei Frauen und irgendjemand aus unserem Haus schüttete Wasser vom Balkon, das in einem dicken Schwall auf den Köpfen und dem Pflaster aufschlug. Wir beschlossen, uns in Richtung Spätverkauf zu drängeln.

 

Die Masse setzte sich in Bewegung. Wir hatten keine Chance. Ein Mann mit wirrem Haar kletterte auf das Dach eines Lkws, riß sich das Hemd vom Leibe und breitete die Arme aus. Er schrie: "Nieder mit dem Imperialismus. Tod dem Faschismus." Er setzte eine amerikanische Flagge mit einem Zippo-Feuerzeug in Brand und schwenkte sie über den Köpfen hin und her, brennende Fetzen lösten sich und flogen Feuervögeln gleich in die Menge. Panik brach aus, Mädchen kreischten. Sogleich spürte man die Druckwelle der Flüchtenden, die vom Schub der hinter uns Kommenden aufgefangen wurde. Ich begann zu schwitzen. Ellenbogen drückten in den Oberleib, Füße stießen gegen die Fersen, vor uns kam der Zug zum Stehen, hinter uns drückte die Masse der Nachkommenden. Wenn du hier fällst, hilft dir niemand, dachte ich. Über uns regnete es Flugblätter, auf denen geballte Fäuste abgebildet waren. Die Menge tobte, sie zeterte und schrie.

 

Jemand stand auf meinem Schnürsenkel und als sich der Zug in Bewegung setzte, stolperte ich. Plötzlich befand ich mich in einer Traube eingeschlossen, die mich bald nach links, bald nach rechts trieb. Den Gesichtern um mich herum war anzusehen, daß sie sich die Situation genauso wenig erklären konnten wie ich. Vielleicht war es nur ein kleiner Strudel, ausgelöst durch ein Stolpern oder Tanzen. Ich fand mich unter einem Transparent wieder. Paul hatte ich verloren und um mich herum blickte ich in Frauengesichter. Sie sahen mich finster an, ich hörte, daß sie etwas wie "Schwanz ab, Schwanz ab!" skandierten. Jemand zischte: "Verpiss' dich. Das ist der Frauenblock." Bevor ich begriff, was das ist, ein Frauenblock, bekam ich einen Schlag auf dem Kopf, dann verlor ich kurz die Orientierung und kreiselte um meine eigene Achse. Ein Fotograf machte Aufnahmen, wie ich dastand und nun nicht wußte, wohin mit mir. Hinter ihm entdeckte ich, Schulter an Schulter stehend, die Polizei in ihren Monturen. Auf dem Bürgersteig parkten die Einsatzwagen. Vor ihren Fenstern waren Zaunfelder montiert, dahinter sah ich den zierlichen Kopf einer Polizistin, die auf einem schweren Panzer saß.

 

Neben ihr biß einer ihrer Kollegen in einen Döner, ein anderer rauchte und starrte mich an.
Der Zug kam wieder zum Stehen. Vorne empörte sich die Menge, ein paar Trillerpfeifen waren zu hören. Plötzlich brüllte jemand in meiner Nähe durch ein Megafon. Das war so laut, daß mir schwindlig wurde und ich mir die flachen Hände auf die Ohren legen mußte. Steine flogen vereinzelt über unsere Köpfe. Scheiß Bullen. Terrorstaat. Mörder und Faschisten. Neben mir begann sich der ein oder andere eine Mütze über den Kopf zu streifen, die nur einen Schlitz zum Sehen offen ließen. Einige klaubten mit Schraubenziehern Pflastersteine aus der Straße. Die Ereignisse begannen sich zu überschlagen.

 

Die Menge löste sich auf, jemand holte Flaschen mit Baumwolltüchern im Hals aus einer Mülltonne hervor und reichte sie an andere weiter. Der nächste schrie Rock'n'Roll und zerstieß eine Schaufensterscheibe mit einer Metallstange, die er von einem Baugerüst gerissen hatte. Die Alarmsirene übertönte die aufgebrachten Rufe von der Straße, wo sich die vereinzelten Steinwürfe jetzt zu einem regelrechten Steinhagel verdichtet hatten, der auf die Plexiglasschilde der Polizei knatterte. Ein Wasserstrahl schoß in die Menge und brachte diese zu Fall. Innerhalb weniger Sekunden stand das Pflaster unter Wasser. Ein dicker Schwall wälzte sich auf uns zu, du mußt weg hier! schoss es mir durch den Kopf... Hinter mir lagen Bauwagen umgestoßen auf der Straße, sie brannten, und die Flammen schlugen bis zum dritten Stockwerk. Ein Rentner diskutierte mit zwei Demonstrationsordnern über Stalin, man wollte mir Aufnäher, Bücher und Ausgaben des Straßenkämpfers verkaufen. Eine aufgebrachte Frau rannte über die Straße; die Hände an den Schläfen rief sie: "Sie schießen auf uns, oh mein Gott, sie werden auf uns schießen." In meiner Nase kribbelte es wie in einem Ameisenhaufen, ich mußte Niesen, Tränen standen mir in den Augen, die ich gar nicht mehr zu öffnen wagte.

 

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Ich rettet mich in eine Richtung, in der ich einen Hauseingang vermutete, fand mich aber vor einem Laden wieder, aus dem einige mit Computern unter dem Arm durch das Loch in der Fensterscheibe heraussprangen. Die Einsatzkräfte standen Schulter an Schulter in einem Halbkreis, der sich bedrohlich auf uns zu bewegte. Ich stürzte an der Hauswand entlang bis zu einem Eingang, rettete mich in eine Durchfahrt, rannte durch den Hinterhof, wobei ich mir an einer Teppichklopfstange eine furchtbare Beule holte. Ich kletterte über eine Mauer und sprang über Zäune, ohne einen Blick hinter mich zu werfen. Ich hörte Schritte und Keuchen und hoffte, nicht das Ziel einer Festnahme zu sein. Ich hatte doch nichts geplündert. Ich wollte doch nur Brötchen holen. Durch eine Einfahrt gelangte ich in eine Nebenstraße. Das Licht blendete, das Kribbeln in der Nase begann erneut und ich befühlte meine Beule. Aber ich hatte sie abgehängt. Blinzelnd und unschuldig kroch ich wie ein Lämmchen aus dem Stall.

 

Zu Hause kochte Lisa einen Tee für uns und Paul hatte Brötchen und Mangosaft aufgetrieben. Die Revolution war ein paar Blöcke weiter gezogen und ich kühlte meinen Kopf mit einem kalten Lappen. Unsere Straße hatte sich beruhigt, nur in der Ferne hörte man noch die Wogen der Empörung, Sirenen und das Knattern eines Hubschraubers. Am Abend verfolgten wir auf dem Bildschirm unseres alten Junost-Apparats die Berichterstattung. Die Revolution war gescheitert. Barrikaden wurden von Räumfahrzeugen geschoben, Brände gelöscht, der Innenminister äußerte sich, Lisa entdeckte Paul und mich in einem Close-Up in der Menge. In Mittelasien gab es ein mittleres Erdbeben, zwei Staatspräsidenten schüttelten sich die Hände, ein spanischer Leichtathlet hatte einen neuen Weltrekord im Gehen aufgestellt und morgen würde es regnen.

 

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Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte