Sie wollen die Welt retten?
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Sie haben das Bedürfnis die Welt zu retten? Sie
können abends bei dem Gedanken an das Überbevölkerungsproblem nicht einschlafen, die
Verbrechen der Kosmetikindustrie entfesseln in Ihnen eine unbändige Wut? Sie wollen das
Leid dieser Welt lindern und wissen nicht, wo sie anfangen sollen? Gehen sie einfach auf
den Berliner Alexanderplatz und ihnen wird geholfen. Sie können die Welt retten. Das geht
schnell und unkompliziert und ist zwischen den Einkäufen erledigt. Die Fischotter haben
sie in drei Minuten vor dem Aussterben bewahrt. Der abgeholzte kanadische Wald braucht nur
ihre Unterschrift.
Das versprechen mir die Promoter wenigstens immer. Die sind genauso
geschult wie ihre Kollegen, die zum Beispiel billige Telefonanschlüsse
an der Straßenecke verkaufen. Wahrscheinlich besuchen sie Seminare
mit Namen: "Wie erzeuge ich soziale Betroffenheit und wie nutze
ich sie professionell" oder "Die 10 Schritte zum Erfolg
im Sozialmarketing". Gegenüber ihren privatwirtschaftlichen Kollegen
haben sie jedoch einen Vorteil. Sie sind die Guten. Sie stehen einfach
auf der richtigen Seite.
Wer von uns kann schon das Gute in sich verleugnen, wenn er direkt darauf angesprochen
wird? Ich jedenfalls nicht. Nach dem ich jetzt aber ein norwegisches Robbenbaby adoptiert
habe, ich aber nicht mal mehr das Geld zusammen bekomme, um es zu besuchen, wurde mir
klar, dass irgendwann auch mal Schluss sein muss. Ansonsten wird mein eigener Ruin diesen
Schlussstrich setzen.
Schluss - das ist so leicht daher gedacht, die Schwierigkeit beginnt dann, wenn man das
nächste mal "Nein" sagen muss. Eine gute Möglichkeit ist es, den Ansprachen
einfach zu entgehen.
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Szene 1:
Ich versuche einen teilnahmslosen, starren Blick. Mit schnellem Schritte durchschneide ich
die Massen. Nein, denke ich mit lauter Stimme. Nein, ich habe keine Zeit, das sieht man.
Nein, nein, nein. Ich habe den Alex fast überquert, da höre ich eine Stimme: "Guten
Tag, sind sie auch gegen die Missachtung der Frau in Afghanistan?". Nein, mehr musste
ich nicht sagen. Ich flüchte mich in einen unbestimmten Blick. "Was halten Sie
davon, uns mit einer Spende zu unterstützen?" "Nein", presse ich heraus.
Ja, ja, ich habe es geschafft, ja. "Darf ich sie fragen, was dagegen spricht?",
erwidert die Frau. Und was soll ich sagen, mir viel kein einziges Argument ein. Das alte
Problem, sie hatten mich.
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Szene 2:
Ich versuche einen wirklich bösen Blick. Ich versuche mich an die
Wut zu erinnern, die ich empfand, als damals ein Junge aus der achten
Klasse mein Meerschweinchen mit dem Fahrrad überfuhr. Vor dem Spiegel
war mir selbst ein bisschen gruselig. Auf dem Alex läuft alles bestens.
Es ist kaum jemand da und durch die Gruppe Unterschriftensammler breche
ich einfach durch. Ich kann ihren Angstschweiß riechen. Ha! Zufrieden
verlangsame ich den Schritt und will gerade wieder nett werden, da
höre ich folgende Worte: "Hey, Sie!".
So nicht, nicht mit mir. Ich beschleunige den Schritt wieder und tue so, als wäre ich
nicht gemeint. "Hey Sie da mit der Wurst". Es ist wie verhext, ich halte
tatsächlich eine Wurst in meiner Hand. In Zukunft helfe ich bei der Beseitigung von
Landminen in weiten Teilen Afrikas.
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Szene 3:
Ich gehe allen aus dem Weg. Zunächst benutze ich den Seitenausgang des Bahnhofs, stürze
mit langen Schritten zum Buchladen, nehme ein Karl-May-Buch aus dem Ständer und beobachte
unauffällig die Menschen. Tiefgebückt laufe ich zur Weltzeituhr, verweile kurz und mit
ein paar Sätzen bin ich im Gebüsch. Ich robbe weiter und ärgere mich etwas über den
herumliegenden Hundekot. An der Rasenkante angekommen, streife ich die Hundereste ab. Vor
mir liegt noch ein großes freies, ungeschütztes Stück. Ich muss die Linien
durchbrechen. Ich stürze hoch und laufe wie um mein Leben. Mein Aussehen, mein Geruch,
alles ist furchterregend. Auf halber Strecke werde ich von einem dieser Kreuzritter
sozialer Not abgefangen: "Hallo Sie, sie sehen doch sozial aus". Die Opfer
deutscher Fluten haben meine Unterstützung.
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Auch ich bin ein Opfer. Eine Zeitlang habe ich
überlegt, in der S-Bahn Geld für Leute wie mich zu sammeln, um sicher zu stellen, das
auch die nächste Spendenrechnung noch bezahlt werden kann. Aber diese Entwürdigung macht
mich wütend, nein rasend. Ich hasse sie alle, ich bin bestimmt kein schlechter Mensch,
aber ich hasse sie. Neulich habe ich einen Mitarbeiter von "Kinder in Not"
einfach in den Dreck gestoßen. Ich habe immer wieder auf ihn eingetreten und ihn
angeschrien, ob er findet, dass ihm eine kleine Spende jetzt weiter helfen könnte.
Früher war ich noch ein guter Mensch, früher, wo das noch niemanden interessiert hat.
Jetzt muss ich vergessen, dass es einmal so war.
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