www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 9, Juli 2001 - zurück zur Startseite

 

Sie wollen die Welt retten?

Sie haben das Bedürfnis die Welt zu retten? Sie können abends bei dem Gedanken an das Überbevölkerungsproblem nicht einschlafen, die Verbrechen der Kosmetikindustrie entfesseln in Ihnen eine unbändige Wut? Sie wollen das Leid dieser Welt lindern und wissen nicht, wo sie anfangen sollen? Gehen sie einfach auf den Berliner Alexanderplatz und ihnen wird geholfen. Sie können die Welt retten. Das geht schnell und unkompliziert und ist zwischen den Einkäufen erledigt. Die Fischotter haben sie in drei Minuten vor dem Aussterben bewahrt. Der abgeholzte kanadische Wald braucht nur ihre Unterschrift.

Das versprechen mir die Promoter wenigstens immer. Die sind genauso geschult wie ihre Kollegen, die zum Beispiel billige Telefonanschlüsse an der Straßenecke verkaufen. Wahrscheinlich besuchen sie Seminare mit Namen: "Wie erzeuge ich soziale Betroffenheit und wie nutze ich sie professionell" oder "Die 10 Schritte zum Erfolg im Sozialmarketing". Gegenüber ihren privatwirtschaftlichen Kollegen haben sie jedoch einen Vorteil. Sie sind die Guten. Sie stehen einfach auf der richtigen Seite.

Wer von uns kann schon das Gute in sich verleugnen, wenn er direkt darauf angesprochen wird? Ich jedenfalls nicht. Nach dem ich jetzt aber ein norwegisches Robbenbaby adoptiert habe, ich aber nicht mal mehr das Geld zusammen bekomme, um es zu besuchen, wurde mir klar, dass irgendwann auch mal Schluss sein muss. Ansonsten wird mein eigener Ruin diesen Schlussstrich setzen.

Schluss - das ist so leicht daher gedacht, die Schwierigkeit beginnt dann, wenn man das nächste mal "Nein" sagen muss. Eine gute Möglichkeit ist es, den Ansprachen einfach zu entgehen.

 

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Szene 1:

Ich versuche einen teilnahmslosen, starren Blick. Mit schnellem Schritte durchschneide ich die Massen. Nein, denke ich mit lauter Stimme. Nein, ich habe keine Zeit, das sieht man. Nein, nein, nein. Ich habe den Alex fast überquert, da höre ich eine Stimme: "Guten Tag, sind sie auch gegen die Missachtung der Frau in Afghanistan?". Nein, mehr musste ich nicht sagen. Ich flüchte mich in einen unbestimmten Blick. "Was halten Sie davon, uns mit einer Spende zu unterstützen?" "Nein", presse ich heraus. Ja, ja, ich habe es geschafft, ja. "Darf ich sie fragen, was dagegen spricht?", erwidert die Frau. Und was soll ich sagen, mir viel kein einziges Argument ein. Das alte Problem, sie hatten mich.

 

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Szene 2:

Ich versuche einen wirklich bösen Blick. Ich versuche mich an die Wut zu erinnern, die ich empfand, als damals ein Junge aus der achten Klasse mein Meerschweinchen mit dem Fahrrad überfuhr. Vor dem Spiegel war mir selbst ein bisschen gruselig. Auf dem Alex läuft alles bestens. Es ist kaum jemand da und durch die Gruppe Unterschriftensammler breche ich einfach durch. Ich kann ihren Angstschweiß riechen. Ha! Zufrieden verlangsame ich den Schritt und will gerade wieder nett werden, da höre ich folgende Worte: "Hey, Sie!".

So nicht, nicht mit mir. Ich beschleunige den Schritt wieder und tue so, als wäre ich nicht gemeint. "Hey Sie da mit der Wurst". Es ist wie verhext, ich halte tatsächlich eine Wurst in meiner Hand. In Zukunft helfe ich bei der Beseitigung von Landminen in weiten Teilen Afrikas.

 

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Szene 3:

Ich gehe allen aus dem Weg. Zunächst benutze ich den Seitenausgang des Bahnhofs, stürze mit langen Schritten zum Buchladen, nehme ein Karl-May-Buch aus dem Ständer und beobachte unauffällig die Menschen. Tiefgebückt laufe ich zur Weltzeituhr, verweile kurz und mit ein paar Sätzen bin ich im Gebüsch. Ich robbe weiter und ärgere mich etwas über den herumliegenden Hundekot. An der Rasenkante angekommen, streife ich die Hundereste ab. Vor mir liegt noch ein großes freies, ungeschütztes Stück. Ich muss die Linien durchbrechen. Ich stürze hoch und laufe wie um mein Leben. Mein Aussehen, mein Geruch, alles ist furchterregend. Auf halber Strecke werde ich von einem dieser Kreuzritter sozialer Not abgefangen: "Hallo Sie, sie sehen doch sozial aus". Die Opfer deutscher Fluten haben meine Unterstützung.

 

 

Auch ich bin ein Opfer. Eine Zeitlang habe ich überlegt, in der S-Bahn Geld für Leute wie mich zu sammeln, um sicher zu stellen, das auch die nächste Spendenrechnung noch bezahlt werden kann. Aber diese Entwürdigung macht mich wütend, nein rasend. Ich hasse sie alle, ich bin bestimmt kein schlechter Mensch, aber ich hasse sie. Neulich habe ich einen Mitarbeiter von "Kinder in Not" einfach in den Dreck gestoßen. Ich habe immer wieder auf ihn eingetreten und ihn angeschrien, ob er findet, dass ihm eine kleine Spende jetzt weiter helfen könnte. Früher war ich noch ein guter Mensch, früher, wo das noch niemanden interessiert hat. Jetzt muss ich vergessen, dass es einmal so war.

 

Autor: daslars, daslars@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte