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Dresden:
Diese Stadt schlummert zwischen Elbhängen ihren siechen Schlaf einer
in die Jahre gekommenen Gesellschaftsdame. Seit dem zweiten Weltkrieg
steht hier alles sehr luftig im Stadtbild, das Zentrum besteht aus
alten Wahrzeichen, neu aufgebaut und alten Touristen ab fünfzig aufwärts,
neu eingekleidet. Drum herum die Elbwiesen, Neubauplatten, ferner
ein paar verwunschene Schlößchen und Weinberge. Die Seele dieser Stadt
ist provinziell, es ist die Lebenshaltung eines Winzers. Man möchte
Dresden schnell verlassen, wenn man einmal durch spaziert ist, und
dafür braucht man wirklich nur zwei Tage. Städtisch ist hier nur die
Neustadt, eine Art Friedrichshain oder Kreuzberg für Modelleisenbahnen.
Häuser mit drei Stockwerken, dann zwei, dann ein Stockwerk und dann
kommt Wald, die Dresdener Heide. Zwischen den Häusern sind Drähte
gespannt, an denen hängen die Laternen. Das ist schon das Städtischste
an Dresden.
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Leipzig:
Der Zug aus Berlin fährt an den Industrielandschaften des Chemiedreiecks
vorüber, fasziniert und abgestoßen zugleich blickt man auf Schornsteine,
aus deren Mündern Feuerschlangen schlagen, auf das schier endlose
Gewirr von Rohrleitungen und Raffinerieöfen. Und dann verlangsamt
der Zug, fährt in diese Schneise der Schienen, Signale, dampfenden
Weichen und Stellwerke, in den Schoß dieses gewaltigen Bahnhofs, mit
seinen unzählbaren Bahnsteigen, Ansagen und dem Menschengewirr. Hier
gibt es Hochäuser, weite Straßen, geschlossene Stadtviertel, ein Zentrum
in dem mehr als zwanzig Menschen unterwegs sind und den größten Kopfbahnhof
Europas. Es ist der zweitgrößte Banken- und Verlagsstandort nach Frankfurt.
Leipzig ist größenwahnsinnig, es brummt, es zischt und surrt elektrisch,
die Luft ist hier zum Schneiden. Jeder Quadratmeter der Innenstadt
wird von den Überwachunngskameras der Polizei erfaßt, sie liefern
die Bilder der Großstadt: Menschenmengen, Straßenbahnen, Ampelstau,
Taschendiebstähle und Tauben. Der Stadtrat erwägt eine Olympiabewerbung,
ein U-Bahn-Röhrenbau in Milliardendimensionen ist derweil schon beschlossene
Sache.
Die alte Messe mit den Bauhaus-Hallen und dem 30 Meter messenden Doppel-M,
dahinter ist ein Brocken des Mondes gelandet, groß wie ein Berg: Es
wird an die Völkerschlacht und an steingewordenen Größenwahn des Kaiserreichs
erinnert. Zwischen den zahlreichen Industrievierteln und Wohnquartieren
der Gründerzeit fließen die Kanäle und Arme der Pleiße und der Werra
und machen den Stadtgang labyrinthisch.
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Halle:
Natürlich ist Halle nicht mehr Sachsen, nein hier wohnen eher die Sachsentramper - die
Anhalter. Die Stadt verteilt sich über leichte Hügel, und einer kleinen Landesmetropole
bekommt das sehr gut, so wirkt sie nicht überschaubar. Wenn man Dresden mit einem
Gold-Nugget in einem Flußtal vergleicht, Leipzig mit einem stahlgläsernen Babelturm, der
in die Wolken wächst und wächst, so kann man Halle wohl als einen kompakten Quader,
einen klobigen Klotz und Burgmauer-Feldstein bezeichnen..
Hier liegt noch der Geruch verbrannter Braunkohle in der Luft. Hier
werden in den Kneipen noch Erdnußflips zum Getränk gereicht. Das Bild
der ostigsten Großstadt jenseits des Harzes wird durch Halle-Neustadt
abgerundet (oder kurz Ha-Neu). Bis vor einigen Jahren gab es hier
keine Straßennamen, nur Knotenpunkte. Geplant als Wohnstadt für die
Arbeiter des Chemiedreiecks wurde eine Plattensiedlung hochgezogen,
die bereits kurz darauf zu bröckeln begann. Und so bröckelt sie noch
heute. 30-Geschosser, unbewohnt, dreckig-schwarzer Beton, und seit
einem Salzgrubenbeben Anfang der Neunziger einsturzgefährdet, aufgerissene
Betonquader und schiefe Balkone mit Aussicht auf dort, wo sich's besser
wohnt. Die Magistrale wälzt sich zweihundert Meter breit, von rissigen
Fußgängerbrücken über- und pissestinkenden Tunneln unterquert. Und
überall die wohl unvermeintlichen Doofglatzen. Wer hier wohnt, hat
mit seinem Schicksal abgeschlossen. Anders kann man das nicht erklären.
Und so betreibt die örtliche WBG Gehirnwäsche: Sie lockt mit Quadratmeterpreisen
um die drei Mark Miete oder Studentenermässigungen, Studienzeit begrenzt
- für 99 Mark. Man sollte Ha-Neu unter eine Glocke stellen und als
riesigen Abenteurspielplatz verkaufen, oder als Freilichtmuseum grobschlächtiger
Industriekultur.
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PS:
Noch ein Wort zum MDR. Diesen bezeichnete Alexander Osang einmal als das, was man sich
einst als "dritten Weg" vorstellte. Vom Westen werden Milliarden in eine
Fettarschanstalt geblasen. Ein Sender, aufgebläht wie ein Werbeballon, der erst nach
Dresden zieht, um kurz darauf nach Leipzig umzusiedeln und dort eine neue Anstalt aus dem
Boden gestampft zu bekommen und obendrein noch das ehemalige Uni-Hochhaus für sich
einzunehmen. Inhaltlich besticht der MDR derweil durch Heimatgefühl und pockiges
Ostzotengestreichel, Schlager-, Volks- und Blasmusik und affektierten Jugendsendern. Eine
Reportage des Uniradios in Leipzig ergab folgendes: Während Bürgermeister Tiefensee auf
einem Stuhl für etwa 900 Mark bequem regiert, versinkt die Leitungsebene des MDR im
feinen Leder Mailänder Sesselkulturen für das fünffache. Aber so ist das eben, mit dem
Stuhl: Der eine muß um ihn fürchten, der andere scheidet ihn aus. |