www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 9, Juli 2001 - zurück zur Startseite

 

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Dresden - die schlummernde GesellschaftsdameDresden: Diese Stadt schlummert zwischen Elbhängen ihren siechen Schlaf einer in die Jahre gekommenen Gesellschaftsdame. Seit dem zweiten Weltkrieg steht hier alles sehr luftig im Stadtbild, das Zentrum besteht aus alten Wahrzeichen, neu aufgebaut und alten Touristen ab fünfzig aufwärts, neu eingekleidet. Drum herum die Elbwiesen, Neubauplatten, ferner ein paar verwunschene Schlößchen und Weinberge. Die Seele dieser Stadt ist provinziell, es ist die Lebenshaltung eines Winzers. Man möchte Dresden schnell verlassen, wenn man einmal durch spaziert ist, und dafür braucht man wirklich nur zwei Tage. Städtisch ist hier nur die Neustadt, eine Art Friedrichshain oder Kreuzberg für Modelleisenbahnen. Häuser mit drei Stockwerken, dann zwei, dann ein Stockwerk und dann kommt Wald, die Dresdener Heide. Zwischen den Häusern sind Drähte gespannt, an denen hängen die Laternen. Das ist schon das Städtischste an Dresden.

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Leipzig - größenwahnsinniges LabyrinthLeipzig: Der Zug aus Berlin fährt an den Industrielandschaften des Chemiedreiecks vorüber, fasziniert und abgestoßen zugleich blickt man auf Schornsteine, aus deren Mündern Feuerschlangen schlagen, auf das schier endlose Gewirr von Rohrleitungen und Raffinerieöfen. Und dann verlangsamt der Zug, fährt in diese Schneise der Schienen, Signale, dampfenden Weichen und Stellwerke, in den Schoß dieses gewaltigen Bahnhofs, mit seinen unzählbaren Bahnsteigen, Ansagen und dem Menschengewirr. Hier gibt es Hochäuser, weite Straßen, geschlossene Stadtviertel, ein Zentrum in dem mehr als zwanzig Menschen unterwegs sind und den größten Kopfbahnhof Europas. Es ist der zweitgrößte Banken- und Verlagsstandort nach Frankfurt. Leipzig ist größenwahnsinnig, es brummt, es zischt und surrt elektrisch, die Luft ist hier zum Schneiden. Jeder Quadratmeter der Innenstadt wird von den Überwachunngskameras der Polizei erfaßt, sie liefern die Bilder der Großstadt: Menschenmengen, Straßenbahnen, Ampelstau, Taschendiebstähle und Tauben. Der Stadtrat erwägt eine Olympiabewerbung, ein U-Bahn-Röhrenbau in Milliardendimensionen ist derweil schon beschlossene Sache.
Die alte Messe mit den Bauhaus-Hallen und dem 30 Meter messenden Doppel-M, dahinter ist ein Brocken des Mondes gelandet, groß wie ein Berg: Es wird an die Völkerschlacht und an steingewordenen Größenwahn des Kaiserreichs erinnert. Zwischen den zahlreichen Industrievierteln und Wohnquartieren der Gründerzeit fließen die Kanäle und Arme der Pleiße und der Werra und machen den Stadtgang labyrinthisch.

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Halle - bröckelnder KlotzHalle: Natürlich ist Halle nicht mehr Sachsen, nein hier wohnen eher die Sachsentramper - die Anhalter. Die Stadt verteilt sich über leichte Hügel, und einer kleinen Landesmetropole bekommt das sehr gut, so wirkt sie nicht überschaubar. Wenn man Dresden mit einem Gold-Nugget in einem Flußtal vergleicht, Leipzig mit einem stahlgläsernen Babelturm, der in die Wolken wächst und wächst, so kann man Halle wohl als einen kompakten Quader, einen klobigen Klotz und Burgmauer-Feldstein bezeichnen..
Hier liegt noch der Geruch verbrannter Braunkohle in der Luft. Hier werden in den Kneipen noch Erdnußflips zum Getränk gereicht. Das Bild der ostigsten Großstadt jenseits des Harzes wird durch Halle-Neustadt abgerundet (oder kurz Ha-Neu). Bis vor einigen Jahren gab es hier keine Straßennamen, nur Knotenpunkte. Geplant als Wohnstadt für die Arbeiter des Chemiedreiecks wurde eine Plattensiedlung hochgezogen, die bereits kurz darauf zu bröckeln begann. Und so bröckelt sie noch heute. 30-Geschosser, unbewohnt, dreckig-schwarzer Beton, und seit einem Salzgrubenbeben Anfang der Neunziger einsturzgefährdet, aufgerissene Betonquader und schiefe Balkone mit Aussicht auf dort, wo sich's besser wohnt. Die Magistrale wälzt sich zweihundert Meter breit, von rissigen Fußgängerbrücken über- und pissestinkenden Tunneln unterquert. Und überall die wohl unvermeintlichen Doofglatzen. Wer hier wohnt, hat mit seinem Schicksal abgeschlossen. Anders kann man das nicht erklären. Und so betreibt die örtliche WBG Gehirnwäsche: Sie lockt mit Quadratmeterpreisen um die drei Mark Miete oder Studentenermässigungen, Studienzeit begrenzt - für 99 Mark. Man sollte Ha-Neu unter eine Glocke stellen und als riesigen Abenteurspielplatz verkaufen, oder als Freilichtmuseum grobschlächtiger Industriekultur.

PS: Noch ein Wort zum MDR. Diesen bezeichnete Alexander Osang einmal als das, was man sich einst als "dritten Weg" vorstellte. Vom Westen werden Milliarden in eine Fettarschanstalt geblasen. Ein Sender, aufgebläht wie ein Werbeballon, der erst nach Dresden zieht, um kurz darauf nach Leipzig umzusiedeln und dort eine neue Anstalt aus dem Boden gestampft zu bekommen und obendrein noch das ehemalige Uni-Hochhaus für sich einzunehmen. Inhaltlich besticht der MDR derweil durch Heimatgefühl und pockiges Ostzotengestreichel, Schlager-, Volks- und Blasmusik und affektierten Jugendsendern. Eine Reportage des Uniradios in Leipzig ergab folgendes: Während Bürgermeister Tiefensee auf einem Stuhl für etwa 900 Mark bequem regiert, versinkt die Leitungsebene des MDR im feinen Leder Mailänder Sesselkulturen für das fünffache. Aber so ist das eben, mit dem Stuhl: Der eine muß um ihn fürchten, der andere scheidet ihn aus.

 

Autor: lex, lex@bennoshuette.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte