www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus BerlinErschienen in: Ausgabe 9, Juli 2001 - zurück zur Startseite

 

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Die Bahn kommt - aber sie nimmt nicht jeden mit

(ricarda)

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Da sitze ich so gemütlich beim Frühstück und lese Zeitung, und bekomme schon so früh am Morgen einen Schock. Ich zitiere: "Die Deutsche Bahn will offenbar das Schöne-Wochenende-Ticket während der Sommermonate in Berlin und Brandenburg aussetzen. (...) Demnach soll mit dem Fahrplanwechsel am 10. Juni das Ticket bis Herbst aus dem Angebot genommen werden, um überfüllte Strecken wie etwa von Berlin an die Ostsee zu entlasten."

Ja, warum nicht? Ruhig alles wegretuschieren, was noch Gewinn bringt, damit wieder alle mit dem Auto fahren und die Luft verpesten. Das Jammern über Verluste seitens der Bahn wird nicht ausbleiben. Wirklich sehr bedauernswert, daß die Deutsche Bahn noch immer nicht gemerkt hat, wie schmerzhaft selbst zugefügte Schnitte ins eigene Bein fürs Geschäft sein können. Sie fährt eine Taktik, die so blödsinnig ist, daß sie scheinbar den fortschrittlichen Geist der führenden Köpfe komplett ausschaltet - und das über Jahre! Denn: wer absichtlich - oder schlimmer noch: ohne es zu merken - in Zeiten der besonderen Reisefreudigkeit zwei Doppelstockwaggons für ungefähr dreihundert Fahrgäste und viele Fahrräder bereithält, der muß entweder keinerlei Skrupel haben, seine Absichten erkennen zu lassen oder doch eine akute Verdrehung der Realität im Kopf. Die Deutsche Bahn - ein Freund auf Reisen?

 

 

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Stilleben auf Bahnsteig 1

O, ich könnte erzählen, womit ich mich herumgeschlagen habe all die Jahre, wenn mein Bedürfnis, an der Ostsee zu sein (in der Hinsicht ist es dumm, daß dort mein Zuhause ist) und dann auch mal wieder nach Berlin zu fahren, bis jetzt nur der Zug erfüllen konnte. Mittels meines Geldes natürlich. Ich könnte von meinen Mordgelüsten erzählen, die mich überkamen; allein gelassen in vollgestopften Zügen, keine frische Luft, geschweige denn wenigstens ein funktionierendes, ein bißchen sauberes Klo; von unfreundlichen keifenden Tanten belästigt, weil sie trotz der Hitze auf geschlossene Fenster bestanden - der Zugwind; wenn ich Schaffnern gegenüberstand, die es auch noch wagten, Fahrscheine zu kontrollieren. Und die jährlichen Fahrpreiserhöhungen bei sinkendem Komfort... Inzwischen habe ich eine besondere Fähigkeit entwickelt: weil ich um die Platzknappheit weiß, kämpfe ich verbissen in vorderster Front. Ich bin so flink geworden und habe sowenig Skrupel, selbst alte Tanten vorzulassen, daß ich meistens auf einen Platz sinken kann, mit klopfendem Herzen und Erschöpfung im Gesicht. Aber das kann es doch nicht sein.

Das Unternehmen Deutsche Bahn scheint von allen guten Geistern verlassen zu sein. Ein Unternehmen, das über zu viele Kunden jammert und seine Organisations- und Finanzierungsprobleme nicht im eigenen Laden angeht, sondern die Schuld bei denjenigen sucht, die gern reisen wollen - wo gibt es so etwas? Die Menschen, die nicht per first class reisen können, werden von der Deutschen Bahn vom Trittbrett geworfen. Inzwischen scheint das Thema Wochenendticket vom Tisch, zumindest äußert man sich darüber in den Medien nicht mehr. Dafür werden jetzt Interregiostrecken stillgelegt, die Strecke Berlin-Malmö wird ganz rausgenommen, und wieder werden nur Bummelzüge mit zwei oder drei Waggons eingesetzt. Man wird sehen; ich bin mir sicher, meine Voraussagen werden sich zumindest teilweise bewahrheiten. Und die Fahrpreise werden munter im ein- oder zweijährigem Wechsel erhöht. Buchstäblich auf der Strecke bleiben weniger Verdienende wie zum Beispiel kinderreiche Familien, Studenten und Arbeitslose. Also all jene, die sich für einen Ostseetrip mehr Ausgaben nicht gut leisten können. Denen wird durch die Sparmaßnahmen allzu leicht der Platz an der Sonne weggenommen. Die Bahn kommt, aber nicht zu jedem.
 

 

 

 

Autor: ricarda, Elfe-blau@gmx.deArtikel kommentierenCopyright 2001, Bennos Hütte