| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 10, Dezember 2001 - zurück zur Startseite |
|
:
|
Internationale Politik - und das Beispiel Afghanistan |
(mat)
|
|
|
|||||||
|
Die internationale Staatengemeinschaft - respektive die Vereinigten Staaten von Amerika mitsamt ihres zahlreichen Anhangs - gibt als leitende Zielperspektive ihres Handelns die Herstellung und Sicherung des Weltfriedens an. Ihr Wille ist, dass einerseits die Bürger innerhalb eines Staates ungestört zusammenleben, andererseits die Staaten ihre Konflikte untereinander auf friedliche Weise zu beseitigen suchen. Die Ereignisse des 11. Septembers 2001 müssen angesichts dieser Maxime in der Tat als hinterhältiger Angriff auf das Wohl der Weltgemeinschaft gewertet werden. |
|||||||
|
Die Reaktion dieser selbsternannten Weltgemeinschaft auf jene fatalen Attentate zeigt nun freilich, dass zwar nicht schon ihre leitende Zielperspektive selbst problematisch ist, wohl aber die Konsequenzen, die aus ihr gezogen werden. Die kriegerische Antwort auf die Terroranschläge, zumal aber die dahinterstehenden Vorstellungen von einer freiheitsliebenden und friedenswilligen Völkergemeinschaft sind zumindest diskussionswürdig - und erheischt schon deshalb nicht wie selbstverständlich die unumschränkte Zustimmung aller einsichtigen Bürger. Der Versuch einer Herstellung und Sicherung des Weltfriedens auf militärischem Wege steht immer in der Gefahr, ein Verstoß gegen die eigenen Grundsätze zu sein. Gute Kriege hat die Welt noch nicht gesehen; gerecht können sie allenfalls dann sein, wenn sie als Wahl des geringeren Übels anzusehen sind. Dieses Urteil muss aber immer wieder neu gefällt und nachgeprüft werden - auch im Falle Afghanistans. Mehr aber darf und soll sich ein Streit an der Frage entzünden, auf welchem Weg denn ein solcher friedlicher Konsens zwischen den Staaten gefunden werden kann und wie eine innerstaatliche Verfassung, die die fundamentalen Rechte und Freiheiten der Menschen anerkennt, zu gestalten ist. Das derzeitige Verhalten der westlichen Wertegemeinschaft lässt den Verdacht aufkommen, dass sie wie selbstverständlich davon ausgeht, dass jener Konsens so auszusehen hat, wie das ihren Vorstellungen entspricht - und etwa in der Europäischen Union seiner Verwirklichung entgegenstrebt. Sie geht davon aus, dass diese fundamentalen Rechte und Pflichten anderen Völkern und Kulturen ebenso einsichtig und folgerichtig zu Grundlagen des innerstaatlichen Rechts werden können, wie diese ihnen selbst einsichtig sind und unverzichtbar geworden sind. Es stellt sich aber noch die Frage, ob es jener Konsens und ob es diese Normen wert sind, nicht nur in der westlichen Hemisphäre, sondern in aller Welt anerkannt und zur Grundlage politischen Handelns gemacht zu werden. Es ist die Frage, ob die Anerkennung und Befolgung jenes Konsens und dieser Normen auf dem jetzigen Weg erreicht werden können - ein Weg, der ihre universale Vernünftigkeit und Einsichtigkeit postuliert und sich deshalb faktisch als ein Weg der Durchsetzung der eigenen Konsense und Normen gegenüber fremden Werten und Traditionen gestaltet. |
|||||||
|
Neben diese Bedenken muss darüber hinaus eine Beobachtung gestellt werden, die, sollte sie zutreffend sein, das derzeitige weltpolitische Agieren der Staatengemeinschaft nicht nur überdenkenswert macht, sondern zu dessen grundsätzlicher Infragestellung führen kann. Eine solche Infragestellung drängt sich nämlich dann auf, wenn insbesondere das weltpolitische Engagement der Vereinigten Staaten von Amerika auf dessen eigentliche Beweggründe hin betrachtet wird. Einer solchen Betrachtung wird nicht verborgen bleiben, dass hinter jenem Engagement handfeste wirtschaftliche Interessen mindestens der USA und ihrer global agierenden Industriezweige stecken. |
|||||||
|
Bedenklich hieran stimmt nicht schon die Tatsache als solche: Jedem Staat der Welt mögen seine wirtschaftspolitischen Überlegungen zugestanden sein. Bedenklich stimmt eher schon die zu beobachtende Tendenz, dass diese Überlegungen das faktisch bestimmende Moment im außenpolitischen Engagement der USA darstellen und sich die friedenspolitischen Aktivitäten Amerikas diesem Moment ein- und unterordnen. Der - wie bereits angedeutet in sich schon problematische - Anspruch, die Wohlordnung der Welt herzustellen und zu bewahren, erscheint dann nur vorgeschoben - und täuscht über die eigentlichen Beweggründe der amerikanischen Politik hinweg. |
|||||||
|
Gegen diese - sich insbesondere im Blick auf die Vereinigten Staaten von Amerika abzeichnende - Marschrichtung des weltpolitischen Engagements der westlich dominierten Gemeinschaft der "friedens- und freiheitsliebenden Staaten" sollten zwei Einsichten zur Geltung gebracht und auf ihre Konsequenzen für die internationale Politik hin bedacht werden. |
|||||||
|
Zum einen sollte der gegenwärtigen Tendenz, alle Bereiche menschlichen Handelns, insbesondere aber den Bereich seiner ökonomischen Tätigkeit, zu globalisieren, entgegengehalten werden, dass eine globale Bearbeitung menschlicher Grundaufgaben nur den Teilaufgaben gewidmet sein sollte, die eben nicht anders als in weltweiter Kommunikation und Zusammenarbeit gelöst werden können. Ein besonnenes und lange Zeiträume im Blick habendes Nachdenken müsste zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei weniger um die Aufgaben der Sicherung des Lebensunterhalts, der Lebensgrundlage, aber auch des friedlichen Zusammenlebens handelt - diese können weitgehend vor Ort bearbeitet werden. Es sind vielmehr die Aufgaben des Austauschs und der Weitergabe des technischen Wissens über die Prozesse in Natur und Gesellschaft, die auch auf globaler Ebene dringend angegangen werden müssen - um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, Einsicht in die natürlichen Voraussetzungen und die technischen Umsetzungen der Sicherung des Lebensunterhalts, der Lebensgrundlage sowie des friedlichen Zusammenlebens zu gewinnen. Es sind ebenso die Aufgaben der Kommunikation und der Weitergabe der die Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen leitenden Lebensüberzeugungen, die auch auf globaler Ebene bearbeitet werden wollen - um es den Menschen möglich zu machen, die Handlungsmotive ihrer Partner nicht nur vor Ort, sondern auch in den anderen Erdteilen zu durchschauen und sich Rechenschaft über deren Angemessenheit gegenüber der selbst erlebten Wirklichkeit zu geben. Zum anderen sollte dieser weltweite Austausch von Wissen und Wertvorstellungen frei von einem falschen Überlegenheitsgefühl sein, wie es insbesondere das Auftreten und Argumentieren der westlichen Wertegemeinschaft kennzeichnet. Falsch ist dieses Überlegenheitsgefühl dann, wenn es die Errungenschaften der eigenen Kulturgeschichte für die schlechthin richtigen oder gar allein zutreffenden Wissensbestände und Normgefüge hält, so dass die kulturellen Errungenschaften und Eigenheiten der Gesprächspartner auf globaler Ebene unter der Hand abgewertet oder ganz offensichtlich degradiert werden. Anstatt solcher Überlegenheitsgesten, die letztlich dazu tendieren, die eigene Position als die vernünftige zu behaupten, die gegnerische aber als vernunftwidrig zu denunzieren, sollte zunächst ein angemessener Umgang mit der eigenen Kultur eingeübt werden, der dann auch zu einem produktiven Austausch mit fremden Kulturen führen kann. Ein solcher nämlich schließt die realistische Wertschätzung der eigenen Position nicht aus, nimmt zugleich aber auch die fremde Position in ihren Eigenheiten ernst. Zu jenem angemessenen Umgang mit der eigenen Kultur gehört zumindest, dass Geschichtlichkeit und Begrenztheit des abendländischen Wissens und der abendländischen Wertvorstellungen anerkannt und gewürdigt werden. Wo diese Anerkennung und Würdigung vorhanden sind, kann jener Austausch mit fremden Kulturen gerade darin bestehen, dass diesen als ebenso geschichtlich gewordenen und begrenzt einsichtig gewordenen ihre eigene Dignität zuerkannt wird. Dann erst kann sich dieser friedliche Austausch zu einem produktiven Streit entwickeln, der sich als Streit um das rechte Verständnis der strittigen Sache versteht - und es deshalb zuerst und zuletzt der Sache selbst überlässt, sich in ihrer ihr eigentümlichen Bewandtnis zu verstehen zu geben. |
|||||||
|
Als Alternative zu diesem friedlichen Streit der Kulturen nämlich zeichnet sich am Horizont umrisshaft das Folgende ab: Das wirtschaftliche Engagement der westlichen Hemisphäre, das sich selbst als dem Wohl der ganzen Menschheit dienend versteht, verbindet sich mehr und mehr mit einem - wenn das Wort erlaubt sei - Kulturimperialismus, der im Namen der westlichen Wertegemeinschaft zu definieren beansprucht, worin denn dieses Wohl der Menschheit wahrhaft besteht. Gewiss haben auch die Attentäter des 11. September 2001 diese sie abschreckenden Umrisse gesehen - und auf ihre Weise reagiert. Dass diese Reaktion kein Weg ist, eine Verwirklichung dieser noch umrisshaften Vision zu vermeiden, muss festgehalten werden. Diese Einsicht entbindet aber nicht davon, sich dem drohenden Bündnis von globalisiertem Kapitalismus und westlichem Kulturimperialismus mutig entgegenzustellen, nach alternativen Wegen zu suchen und an ihrer Verwirklichung mitzuwirken. |
|||||||
|
Wir sind dabei nicht allein: Partner finden wir hier vor Ort und auf der ganzen Welt. |
|||||||
| Autor: mat, mat@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 2001, Bennos Hütte |