| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 10, Dezember 2001 - zurück zur Startseite |
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| Frau Galinski war die Küchenfrau unserer Schule. Tagtäglich
in der Essenspause stand sie hinter den großen, grünen Kübeln und kleckste mit einer
riesigen Kelle den Speisebrei auf die Teller. Ihr Gesicht war aufgequollen, ihre Augen
folgerichtig zu schlitzförmigen Löchlein verengt und die großen Zähne standen wie ein
alter Gartenzaun in ihrem Mund. Die rotblonden Haare waren straff zu einem dünnen
Pferdeschwanz zurückgekämmt, der diesen Namen nicht mehr verdiente, und ebenso wie die
großporige Haut von einem öligen Film überzogen. Unter ihrem Synthetikkittel, aus
dessen oberen Löchern sie Arme und Hals quellen ließ, trug sie nur die Unterwäsche. Der
altmodische BH formte ihre Brüste zu spitzen Tüten, die ihren runden Bauch noch
überragten. "Jungs, esst Sellerie! Das ist gut für die Potenz!" rief sie uns Zweitklässlern zu, während sie Selleriekompott in viereckige Plasteschälchen füllte, die sich auf dem Tablett stapelten. Danach ließ sie ein meckerndes Lachen hören, das auch sonst oft durch die Schulflure halte. Frau Galinski hatte Humor. Ich wusste nicht genau, was Potenz war. Doch dem Grinsen der anderen Küchenfrauen konnte ich entnehmen, womit es etwas zu tun haben musste - mit Mädchen. Ich ließ das Selleriekompott stehen. |
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Was Potenz wirklich war, lernte ich später in der Schule. |
| Es handelte sich um die Mehrfachmultiplikation einer Zahl mit
sich selbst. Komischerweise wollten die wenigsten Mädchen damit etwas zu tun haben.
Mädchen waren ein Mysterium. Dieses Gefühl wurde besonders stark, wenn ich an der Mädchentoilette vorbei ging. Die Tür mit der einbeinigen, stockarmigen Mensch-Ägere-Dich-Nicht-Figur darauf öffnete sich immer nur gerade soweit, dass sich die Mädchen paarweise durch den Spalt schieben konnten. Danach wurde sie sorgfältig wieder geschlossen. Diese Tür verkörperte für mich mehr als andere das Geheimnis, das hinter den Mädchen steckte. Was mochte hinter dieser Tür passieren? Bei uns Jungs war alles klar. Die Tür stand meist sperrangelweit offen. Wir stürmten sofort wieder auf den Pausenhof. Niemand kümmerte sich um die Tür und nicht zu letzt der Geruch verriet, worum es in den Räumen dahinter ging. Mit erstaunlicher Weitsicht war die Wand hinter der Pinkelrinne mannshoch gefliest worden. Die langen Fugenreihen lieferten ein klares, unparteiliches Messinstrument. Wenn wir in der kleinen Pausen in einer Reihe nebeneinander standen, versuchten wir uns beim Hochpinkeln zu überbieten. Wer die letzte Fliesenreihe erreichte, war ein Held. Aber nur solange bis Sven kam. Er stellte sich zwischen uns, machte ein Hohlkreuz und kam bis über die Heizungsrohre. Dass es bei den Mädchen nicht ums Hochpinkeln gehen konnte, wusste ich, seitdem ich gesehen hatte, wie das 3jährige Nachbarmädchen im Stehen an einen Baum machen wollte. Die Toilette war neben der Umkleidekabine in der Turnhalle der einzige Raum, in dem sich die Mädchen unseren Blicken entziehen konnten. Und allein deshalb war klar, dass der Schlüssel zu ihrem Geheimnis gerade dort verborgen sein mußte. Doch die Tür bliebt verschlossen. Was Frau Galinski an Potenz so interessant fand, lernte ich noch später in der Schule. Der Biologielehrer stand vor uns und versuchte mit rotem Kopf und Schweiß auf der Stirn locker an das Thema heranzugehen. Die Mädchen kicherten die ganze Zeit. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns damit abgefunden, dass Mädchen anders waren. Aber genau deshalb waren sie so interessant. Einige ihrer Geheimnisse waren entschlüsselt, doch immer neue waren hinzugekommen. Wie alle anderen brannte ich darauf, sie bis ins letzte Detail zu erforschen. Heute bin ich froh, dass immer ein paar Geheimnisse übrig bleiben. Das hält die Spannung im Spiel. |
| Autor: daslars, daslars@bennoshuette.de | Artikel kommentieren | Copyright 2001, Bennos Hütte |